Angriff auf die Eliten

Von | 4. März 2013

“…Was europaweit zu beobachten ist, ist ein Trend zum Anti-Elitarismus, verbunden mit der Skepsis vor Wirtschaftseliten in der Finanzkrise. In fast jedem Wahlkampf gilt die EU mittlerweile als negatives Mobilisierungsthema. Die Technokratie überfordert die Bürger.” (Der deutsche Soziologe Florian Hartleb in der “Zeit“)

5 Gedanken zu „Angriff auf die Eliten

  1. Spruance

    Es ist ja nicht so, daß die Eliten vom Volk verlassen wurden; eher andersherum.

  2. gms

    Florian Hartleb: “Wähler sehnen sich nach Vereinfachung, da die Politik komplexer geworden ist. […] Die Technokratie überfordert die Bürger.”

    Hätte Harleb diesen Gedanken vertieft, wäre seine Ausführung vielleicht mehr als ein schwacher Streifschuß geworden.

    Bei wohlwollender Betrachtung steht fest, daß die ~Technokratie~ sich mit dem fortgesetzten Bruch vernünftiger Prinzipien selbst überforderte und ihr nun schon wie dem Zauberlehrling das Wasser an der Oberkante der Oberlippe steht. Das rhetorische Spiel Hartlebs über die Bande mit dem “überforderten Bürger” verkennt unbewußt oder auch gezielt Ursachen und Wirkungen. Schlimmer noch läßt Hartleb ohne Beipacktext im Raum stehen, die Forderungen seien legitim.

    Stand früher Elitentum verkürzt gesagt für Sachkundigkeit und einen sehr weiten Planungshorizont, so wird heute damit überwiegend Anmaßung und Aktionionismus assoziiert. Die Ausgelesenen dem Wortsinn nach sind die Eliten immer noch, angesichts der mitterdings zugrunde liegenden Negativauslese ist der damit parallel einhergehende Anti-Elitarismus nichts, was jemanden überraschen sollte — im Gegenteil.

    Auch bei einer anders gestrickten Betrachtung kommt das heutige Elitensurrogat nicht besser weg, sobald man nämlich annimmt, die aktuelle Krise sei, wenn schon nicht gezielt herbeigeführt, so doch sehenden Auges in Kauf genommen worden. Es läßt sich in dieser doch – laut unverhohlener Aussagen einzelner Elitenangehöriger – das eine oder andere Ziel schneller erreichen, weil Widerstände einer Notlage gehorchend leichter zu brechen sind. Wenn der Bürger nicht will, was er bekommen soll, so muß man dafür sorgen, daß er es dennoch zähneknirschend toleriert, weil jede ihm dargebotene Alternative noch schrecklicher ist.

    Egal nun, welcher Interpretation man folgt, und ob die Elite heute überwiegend aus hybrisdurchseuchten Trotteln oder statt dessen mehrheitlich aus ausgepufften Strippenziehern besteht, die sukzessive einen Agendapunkt nach dem anderen abhaken — den Begriff ihrer Sammelgattung haben sie selbst vergiftet.

    Dies verstanden zu haben, ist alles andere als ein Indiz für eine Überforderung der Bürger. Wollte man eine Überforderung feststellen, so in dem Unvermögen, neue Eliten hervorzubringen. Die Tatsache, man müsse selbst kein Ei legen können, um das eines anderen zutreffend als faul zu klassifizieren, ist mental entlastend, notwendig aber ist weit mehr.

  3. Reinhard

    Die Masse stand Eliten schon immer mit Abscheu gegenüber. Ob der Bengel mit den Markenklamotten im Kindergarten, die Klassenbeste und Streberin in der Schule, später der Erfolgreiche, der Reiche, der Chef – alles, was nach Elite riecht, wird angewidert von sich geschoben. Eine Mischung aus Neid, Unverstand und Hass, die sich auf der Klaviatur der politischen Propaganda misstönend zu Wahlkampfslogans und Aktionsaufrufen missbrauchen lässt – bis, als bisher schlimmstes Beispiel des ausgelebten Hasses des Pöbels auf alles Elitäre, eine Kulturrevolution dabei herauskommt, die alle Brillenträger ermordet, da eine Brille nur braucht, wer auch lesen kann, und allein schon Intelligenz ausreicht, um der dumpfen Plebs Angst einzujagen. Bücher verbrennen, Banken plündern, Autos zertrümmern – immer ist es dieser Hass auf das Elitäre, das Hervorstechende, dem sich die Masse ausgeliefert fühlt, weil sie merkt, dass “die da oben” Möglichkeiten besitzen, die ihr selbst verborgen bleiben.
    Der Hass auf alles Elitäre, die Verachtung für alles, das zu hoch ist, um es mit dem eigenen Kleingeist zu fassen, sitzt tief im Menschen und ist nicht neu, sondern uralt. Ebenso, dass die Politik bei der Durchsetzung ihrer Ziele auf diese niederen Instinkte setzt.
    So gesehen erscheint die voranschreitende Vernichtung alles Elitären, wie sie unser Bildungssystem bereits betreibt und wie sie ein Strafsteuersystem auf jede Form von Besitz vorantreibt, wie die Rettung der Menschheit vor sich selbst. Erscheint aber nur, denn die Vernichtung einer Elite wird meist nur vorangetrieben von einer Gruppe, die deren Platz einnehmen will und wird.
    Ein paar Schweine sind eben immer etwas gleicher als die anderen…

  4. gms

    @Reinhard

    Ihre klugen Worte waren mir Anlaß, mein eigenes Posting nochmal auf Mißverständliches hin abzuklopfen. Im Artikel der “Zeit” wird der Begriff Elite durchgängig für die Politik verwendet, einzig in dem von Ortner gebrachten Ausschnitt kommt in einem Halbsatz die Wirtschaftselite vor, – siehe “Trend zum Anti-Elitarismus, verbunden mit der Skepsis vor Wirtschaftseliten”. Diese Trennung scheint mir wichtig, unabhängig davon, was Hartleb tatsächlich zum Ausdruck bringen wollte.

    Wenn Sie schreiben, “dass die Politik bei der Durchsetzung ihrer Ziele auf diese niederen Instinkte setzt”, so steht dies u.a. für die Instrumentalisierung der “natürlichen Elite” als Feindbild durch ihre politische Schwester. Nüchtern betrachtet ist das fortgesetzter Klassenkampf, der umso dreckiger geführt wird, je mehr diejenigen, die in den letzten Jahrzehnten nach oben gespült wurden und an die Schalter der politischen Macht gelangten, ihre eigene Inferiorität zu spüren bekommen.

    Die echte Elite hat sich schon längst aus der Politik verabschiedet. Es bleibt zu hoffen, daß diese Erkenntnis schon bei der Masse angekommen ist.

  5. Christian Peter

    Von Eliten in der Politik kann doch keine Rede sein. Gäbe es diese Eliten in
    der Politk, hätten wird die Probleme nicht. Europa wird doch vielmehr von
    zahllosen (Berufs-) Politikern und Systemparteien regiert, die von Wirt –
    schaft keine Ahnung haben – dagegen lehnen sich Europäer allmählich
    auf :

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