Ansichten der neuen “Kurier”-Chefin

(von ANDREAS TÖGEL)  Seit fast 40 Jahren ist Martina Salomon, Doktor der Philosophie, bereits im Zeitungswesen tätig. Ihre lange Karriere führte sie u. a. vom ORF über die „Oberösterreichischen Nachrichten“, zum „Standard“ und zur „Presse“. Vor einigen Monaten trat sie die Nachfolge von Helmut Brandstetter auf dem Sessel des Chefredakteurs des Wiener „Kurier“ an. Sie ist damit die derzeit einzige Frau an der Spitze einer überregional erscheinenden Tageszeitung in Österreich.

Aufmerksamen Lesern des „Kurier“ ist die mit diesem Personalwechsel verbundene Kurskorrektur des zuletzt eher nach links abgedrifteten Blattes nicht entgangen. Die liberale Journalistin möchte das Blatt wieder in der bürgerlichen Mitte positionieren und hat nicht zuletzt deshalb sieben von zehn Ressorts im Haus neu besetzt. Im “Club Unabhängiger Libreraler”  betont sie jüngst in einem Vortrag, größten Wert auf eine klare Trennung von Nachricht und Kommentar zu legen. Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, ist eines ihrer wichtigsten Ziele. Denn verlorengegangenes Leservertrauen ist ein Phänomen, mit dem ein großer Teil der Massemedien – nicht nur im Printsektor – konfrontiert ist.

Die goldene Zeit gedruckter Zeitungen scheint vorbei zu sein. Junge Leute neigen weniger zum Konsum von Printmedien als alte. Noch weniger sind sie bereit, Zeitungen zu abonnieren. Beim „Kurier“ hat das in den zurückliegenden Jahren einen Leserschwund von etwa drei Prozent pro Jahr bewirkt. Hatte die Zeitung im Jahr 2008, als Helmut Brandstetter zum Chefredakteur gekürt wurde, noch 600.000 Leser, sind es heute nur noch 500.000.

Einen Teil des Leserverlustes durch verstärkte elektronische Angebote auszugleichen, ist das ambitiöse Ziel der neuen Chefredakteurin. Sie wird es damit nicht leicht haben. Leser dazu zu bewegen, für die Lieferung elektronischer Nachrichten zu bezahlen, ist schwierig. So ist beispielsweise der vielversprechende Versuch der „NZZ“, eine rein elektronische Österreichausgabe zu etablieren, nach kurzer Zeit gescheitert. Die notwendige „kritische Masse“ zahlender Abonnenten konnte einfach nicht akquiriert werden. Salomon: „Kaum wird eine Bezahlschranke eingezogen, sinken die Leserzahlen dramatisch – und damit auch die Attraktivität des Mediums für Inserenten.“ Sie will die Sache daher behutsam angehen und denkt daran, Versuchsballons mit Spezialbeilagen zu starten, um die Publikumsreaktionen zu analysieren und nicht zu riskieren, eventuell die gesamte Zeitung damit zu beschädigen.

Die Reaktionen auf Salomons Berufung bewegten sich zum Teil auf einem geradezu unterirdischen Niveau. Persönliche Beschimpfungen und Unterstellungen aus der untersten Schublade gehörten dazu. Einige Kommentatoren verstiegen sich sogar zu der absurden Mutmaßung, der „Kurier“ könnte unter Salomons Leitung zum Sprachrohr des Neofaschismus in Österreich werden. Unfassbar, angesichts der Vita Salomons. Doch wie besagt das Sprichwort: Mitleid bekommt man geschenkt, während man sich den Neid verdienen muß.

In der dem Vortrag folgenden Publikumsrunde wurde vielfach die mangelnde redaktionelle Qualität (nicht nur im „Kurier“) beklagt. Falsche Bildunterschriften, Verwechslungen und offenkundige Fehler kommen demnach zu häufig vor. Dem Verdacht, dass Teile der Journalistenzunft absichtlich Desinformation betreiben, tritt Salomon vehement entgegen. Zwar habe es seit dem Zeitpunkt ihres Karrierestarts (damals war der Journalismus Großteils in bürgerlichen Händen) eine kräftige Linksverschiebung gegeben, was aber nicht den Schluss zulasse, dass der Leser deshalb von den Reaktionen mehr belogen oder in anmaßender Weise belehrt werde als früher. Auch Konservative Zeitungsleute (wie Schulmeister oder Chorherr) hätten gerne von oben herab doziert. Der „Fall Relotius“ vom deutschen „Spiegel“ (der mit Preisen überhäufte junge Redakteur hat jahrelang Geschichten erfunden und als wahr verkauft) sei ein untypischer Einzelfall.

Angesichts des rotgrünen Übergewichts in den Redaktionsstuben der Alpenrepublik ist es jedenfalls ein erfreuliches Zeichen, dass wieder eine ebenso hochprofessionelle wie erwiesenermaßen liberale Persönlichkeit an der Spitze der drittstärksten Bezahltageszeitung Österreichs steht.

9 comments

  1. Erwin Tripes

    Aber der Brandstätter hat sich dennoch die Dogmenvorgabe in diesem Blatt erkämpft.
    Arme “Chefredakteurin”.

  2. CE___

    Naja, ich verstehe nicht wie man glauben kann dass jemand der sich 40 Jahre wie ein Fisch im Wasser in einer zunehmend links”extremen” Journalistenblase offenbar bestens bewegen konnte und quasi wie ein Söldner bei so vielen verschiedenen eigentlich ideologisch unterschiedlichen Medien tätig sein konnte hier einen glaubhaften Richtungswechsel herbeiführen kann.

    Zu anpassungsfähig? Liberalalala? Für alles offen sein ist nicht liberal. Bei manchen Medien kann man “halt nicht” arbeiten wenn man eine andere ideologische Meinung hat.

    So einen Richtungswechsel können heute glaubhaft nur Leute die, um einmal in einem kleinen Zeitrahmen zu bleiben, zumindest seit 2015 (Massen-Rechtsbrüche durch Willkommens-Unkultur) oder 2010 (Rechtsbrüche im Rahmen des Euro) im Journalistengewerbe quasi an der Seitenlinie standen oder nur eine Randposition einnahmen und auch eine Gegenposition zu bisher einnahmen.

    Da fielen mir auf den Stand eigentlich nur ein Herr Unterberger oder ein Herr Ortner ein

    Jedoch ist das das grundsätzliche Problem des heutigen Mainstream-Journalismus:

    Es hat sich total diskreditiert, es müsste das komplette Personal getauscht werden, wo nötig wegen Propaganda und Beihilfe zu Rechtsbrüchen auch vor das Gericht geholt, vom Chefredakteur bis hinunter zum Portier.

    Nur wo findet man so viele Ersatzleute für Neubesetzungen?

    Alles andere kann sich das Journo-Gewerbe für mich jedenfalls sparen.

    Nach so viel Lug und Betrug den ich vorgesetzt bekam, wenn aucht nicht mehr als Abonnent, geht es nicht einfach ab mit einem kleinen Personalwechsel geholt aus derselben “Personalblase”.

  3. Gerhi09

    Linke sind unbelehrbar. Wenn Brandstätter, das beste Beispiel dass Linke unbelehrbar sind, das Blatt nicht verlässt ist Salomon nicht glaubwürdig.

  4. Selbstdenker

    “Zwar habe es seit dem Zeitpunkt ihres Karrierestarts (damals war der Journalismus Großteils in bürgerlichen Händen) eine kräftige Linksverschiebung gegeben, was aber nicht den Schluss zulasse, dass der Leser deshalb von den Reaktionen mehr belogen oder in anmaßender Weise belehrt werde als früher. Auch Konservative Zeitungsleute (wie Schulmeister oder Chorherr) hätten gerne von oben herab doziert. Der „Fall Relotius“ vom deutschen „Spiegel“ (der mit Preisen überhäufte junge Redakteur hat jahrelang Geschichten erfunden und als wahr verkauft) sei ein untypischer Einzelfall.”

    Wohl eher System als Einzelfall.

    Noch krasser als beim Kurier ist die Linksverschiebung bei der Tiroler Tageszeitung.

    Die Verknüpfung einer übertriebenen lokalen Ausrichtung (ewiges Dauerthema: alles was mit Grundstücke zusammenhängt) mit weit linksverdrehten Spin macht diese ehemals konservative Tageszeitung zu einer unerträglichen Bezahlausgabe der AK-Zeitung.

  5. GeBa

    Ich hatte von 1977 bis 2015 ein Kurier Abo, das ich parallel zu der damaligen Berichterstattung mit Beginn der “Flüchtlingswelle” kündigte, Frau Salomon damals schon schrieb, um sie tue mir leid. Umso mehr freute ich mich dann zu lesen, dass sie Chefredakteurin wurde. Leider blieb Brandstätter als Herausgeber und das was weiß ich wie lange noch?
    Nachdem ich das Abo gekündigt hatte, kommentierte ich weiter unter meinem bekannten Namen, nicht sehr freundlich aber korrekt, trotzdem gab es Streit mit dem Leser-Beauftragten Ch. B., der die damals herrschende politische Linie voll ausfüllte, mich dann auch rausschmiss. Kein Problem, mit VPN Browsern lässt sich vieles machen und daher kommentiere ich – inzwischen selten, aber doch, wieder. Wie Andreas Tögel sagt, das Niveau der Mehrzahl der dort Kommentierenden ist unterirdisch und ich wundere mich dass nicht mehr moderiert wird. Denn die Beschimpfungen gegen alles was nicht links ist und gegen Frau Salomon sollten eigentlich einem Anwalt vorgelegt werden.Kaufen würde ich diese Zeitung jedenfalls nicht mehr. Allerdings auch keine andere, denn ich lese nicht einmal Bücher mehr in Papierform, sondern alles nur elektronisch.

  6. sokrates9

    Es sind heute wahrlich revolutionäre Schritte wenn man postuliert Nachricht von Kommentar trennen zu wollen!
    Sehe Problem darin wie ein Linker in der Regel wenig oder wenn an linken Hochschulen indoktrinierter
    ” Journalist” – (Speziell Publizistik gilt als extrem links ( da findet man selbst bei intensiven Suchen keinen “liberalen” mehr) einen neutralen Bericht schreiben kann und soll!
    Leider wurde auch Brandstätter nicht gefeuert der somit weiterhin sein Gift verbreiten kann!
    Oberösterreichische Nachrichten, Standard , Presse sind in den letzten 10 Jahren dramatisch nach links abgedriftet! Arme Salomon!- Hoffe sie hat Cervantes gelesen!

  7. astuga

    In allen Tageszeitungen gibt es einzelne vernünftige und redliche Personen die sich einem “Goldstandard des Journalismus” verpflichtet fühlen.
    Ihre Leser erreichen sie, aber ob sie in der Medienlandschaft selbst etwas bewegen können steht leider auf einem anderen Blatt.

    Früher hätte ich gesagt, sie sollten zusammen eine Zeitung gründen, aber das ist wohl heute illusorisch.
    Und gemeinsame Blogs oä. als einziges Standbein müssen beim relativ überschaubaren öst. Medienpublikum zwangsläufig an Grenzen stoßen.

  8. Falke

    @Andreas Tögel
    Aufmerksamen Lesern des Kurier (und auch anderen aufmerksamen Menschen) ist sicherlich auch nicht entgangen, dass der bisherige Chefredakteur des Kurier “Brandstätter” (mit “ä”) heißt, und nicht Brandstetter. Letzterer war Justizminister in der vorigen Regierung.

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