Antiamerikanismus als narzistische Kränkung

“Anlässlich Merkels Obama-Besuch wird in Deutschland wieder der Antiamerikanismus wach. Dabei sind die USA die einzige Schutzmacht für jeden Freiheitsliebenden dieser Welt…” (hier)

15 comments

  1. Klaus Kastner

    Mehr als die Hälfte meines Erwachsenenlebens in und/oder mit Amerikanern verbracht habend, halte ich dies für die Kernaussage.

    “Amerika steht aus deutscher Sicht für so ziemlich alles, was hierzulande verpönt ist: Individualismus, Selbstverantwortung, Staatsskepsis, Kapitalismus. Der Kern des deutschen Antiamerikanismus ist jedoch die Idee der Freiheit. Dass sie Konkurrenz mit sich bringt statt wohliger Gemeinwirtschaft und Dissens statt kuscheligem Konsens, ist aus deutscher Sicht schon schlimm genug. Dass man sie aber zur Not auch verteidigen muss, und sei es mit unschönen robusten Mitteln, sprengt nicht nur die deutsche Vorstellungskraft, sondern trifft sie an ihrem wundesten Punkt”.

  2. Reinhard

    Die Amis machen sicher nicht alles richtig und ihre Präpotenz geht einem irgendwo tierisch auf’s Gemächt. Sei es die Großschnäuzigkeit ihres Präsidentendarstellers, die Ignoranz und Korruption in ihrem Machtgefüge oder der imperialistische Anspruch, einfach Gottes Eigenes Land zu sein – trotzdem sind und bleiben sie von allen sichtbaren Weltmächten die sympathischste und beste.
    Wir brauchen keinen Kulturimport, aber wenn wir ihn schon nicht vermeiden können, dann lieber amerikanischen als russischen oder chinesischen oder arabischen. Und die amerikanischen Werte, auch wenn sie sich nicht immer so leben lassen wie man es sich erträumt, sind allemal noch besser als der ganze Rest der Welt.
    Die USA sind alles andere als vollkommen, aber immer noch die beste Wahl, wenn man sich die Alternativen anschaut.
    Bitte nur nicht schon wieder diese Schwarzweißmalerei, wonach jede leise Kritik an den Amis “Antiamerikanismus” wäre. Es gibt einfach Leute, die es sich leisten, trotz Zuneigung kritisch zu bleiben. Liebe muss nicht blind machen und von ihren Trieben lassen sich nur Wesen leiten, die kein Hirn haben, um diese zu kontrollieren.

  3. Mona Rieboldt

    Nicht jeder, der die amerikanische Politik und ihren derzeitigen Präsidenten falsch findet, ist ein Anti-Amerikaner. Teile in der Presse sind wohl der Ansicht, nur bei völliger Kritiklosigkeit ist man für Amerika.
    Ich würde auch lieber in den USA leben als in Russland. Gleichwohl würde ich das Leben in Putins Russland allen arabischen Staaten vorziehen.

  4. gms

    Klaus Kastner,

    Sie halten also dies für die Kernaussage:

    “Amerika steht aus deutscher Sicht für so ziemlich alles, was hierzulande verpönt ist: Individualismus, Selbstverantwortung, Staatsskepsis, Kapitalismus. Der Kern des deutschen Antiamerikanismus ist jedoch die Idee der Freiheit. Dass sie Konkurrenz mit sich bringt statt wohliger Gemeinwirtschaft und Dissens statt kuscheligem Konsens, ist aus deutscher Sicht schon schlimm genug.”

    Dann erklären Sie mal, als der Sie hier auf den Spuren des Freud-Epigonen Alexander Grau wandeln, nachfolgende Ungereimtheiten: Wie kommt es, wonach ausgerechnet die staatsgläubigen, antikapitalistischen, konsensverliebten und selbstverantwortungsscheuen Grünen heute die eifrigsten Putinverdreher und Sanktionsbefürworter abgeben?

    Das werden Sie eben aber ebenso wenig gebacken kriegen, wie die Erörterung der Ungereihmtheiten in anderen vorgeblichen “Kernaussagen”:

    Alexander Grau: “Man muss kein großer Psychologe sein, um in den wütenden Protesten gegen die Bombardements Vietnams auch eine Übertragungsleistung und einen Entlastungsversuch zu sehen. Wer aus historischen Gründen nicht gegen die Zerstörung Deutschlands demonstrieren durfte oder wollte, dem bot sich in Fernost eine scheinbar unverdächtige Projektionsmöglichkeit. Narzisstische Kränkung”

    Besagte “narzistische Kränkung” der originär US-amerikanischen Friedensbewegung mit deren “wütenden Proteste” gegen die Bombardements Vietnams ist dann wohl zweifsfrei einer verborgenen Solidarisierung dieser Amerikaner mit dem historischen Deutschland geschuldet, nicht wahr? Wollte man aber in Gods own Country andere Motive festmachen, so führt dennoch in der alten Welt alles ausnahmslos in die Reichskanzlei in Berlin am Ende der 30er.

    Grau weiter: “Der zeitgenössische deutsche Antiamerikanismus ist psychologisch vor allem das Produkt einer tiefen narzisstischen Kränkung. Deren Ergebnis ist eine ausgeprägte antiamerikanische Neurose, die dazu führt, dass man sich hierzulande zwanghaft mit allen angeblichen Opfern amerikanischer Aggression und amerikanischen Dominanzstrebens solidarisiert.”

    Dünkt es nicht eigentümlich, wenn heute ausgerechnet Grünbewegte mit ihren 68er-Wurzeln und Sympathien für Millionen vom Westen geknechteten Islamgläubgen nicht ins Ziel-1-Gebiet besagter Neurotisierung fallen, sondern im Gegenteil das aktuelle Zentrum des Amerika-Verständnisses bilden?
    Claudia Roth hat (pars pro toto) ausgerechnet bei Putin den Durchblick [2] ganz im Sinne des dilettierenden Alexander Gau, und zugleich zwanghaftes Solidaritätsstreben mit allen angeblichen Opfern westlicher Knechtschaft, beginnend bei den Palestinensern und endend bei den Iranern. Komisch, nicht wahr?

    Alexander Grau mit einer weiteren Kernaussage: “NSA, George W. Bush, Ronald Reagan, Richard Nixon – sie lieferten immer nur den Vorwand, um alte Reflexe zu mobilisieren und unerschütterliche Einsichten zu bestätigen.”

    Weshalb nennt Grau ausgerechnet mehrere republikanische Präsidenten explizit beim Namen, verliert sich aber beim Säulenheiligen der Grünen und aktuellen Widersacher Putins namens Obama im nebulosen “NSA”, ohne zugleich weitere potentielle Vorwände zu nennen, warum die gegenwärtigen USA eine Moralauffrischung ebenso nötig haben, wie ein nach der Orgie versautes Leintuch die Waschmaschine?

    Vielleicht gab uns Alexander Grau ja schon 2011 die Antwort, als er im Cicero schrieb: “Als Erbe der 68er-Bewegung und der aus ihr hervorgegangenen Emanzipationsströmungen leben die Grünen von dem Image, eine liberale und irgendwie moderne Partei zu sein. […] Die Grünen sind daher alles Mögliche, nur keine liberale Partei. Und die Wähler der Grünen sind keine Liberalen. Allerdings fühlen sie sich als solche. Und hier liegt das Missverständnis.” [1]

    Teuerer Klaus Kastner, nun sind Sie gefragt, wie ausgerechnet die illiberalen Grünen sich im Allgemeinen und speziell in dieser Angelegenheit auf der Seite Obamas finden können. Nicht daß ich die Antwort nicht kennen würde, aber ich finde die Kopfstände der Pseudoliberalen immer wieder entzückend.

    [1] cicero.de/berliner-republik/nicht-liberal-sondern-stockkonservativ/42902
    [2] welt.de/politik/deutschland/article115043489/Die-Bundeskanzlerin-muss-Klartext-mit-Putin-reden.html

  5. gms

    Mona Rieboldt,

    “Teile in der Presse sind wohl der Ansicht, nur bei völliger Kritiklosigkeit ist man für Amerika.”

    Das ganze Affentheater verliert seinen einem die Sicht raubenden Pulverdampf, wenn man Nachfolgendes ins Kalkül zieht:

    1. Obama vergreift sich mit seinem Linkskurs erkennbar an ur-amerikanischen Werten. Der Aufstieg Ron Pauls und der Tea-Party sind u.a. diesem Shift geschuldet.

    2. Im alten Europa werden die werteverdrehenden Propagandisten nicht müde, ihren Messias jenseits des Atlantiks als Verbündeten darzustellen. Die Parole dabei: “USA = Inbegriff des Liberalismus’ => Wir sind liberal.” — Einmal mehr ist das Ziel jenes der Deutungshoheit über Begriffe.

    3. Das aktuell Anti-Russische ist neben einem handfesten Wirtschaftskrieg auch einem ideologischen Krieg geschuldet — mit Putin als perfektem Feindbild, der die Ursachen eines Niedergangs westlicher Gesellschaften offen beim Namen nennt. Die Medienfarce vor Olympia und das Hochkochen von Pussy-Riot inklusive Homophobie-Gedöns waren der Auftakt, der Artikel von Jan Fleischhauer mit seinem (Post?!)-Faschismus- und Anti-“Verweiblichung und Verweichlichung”-Befund der vorläufige Höhepunkt.

    Es sind mindestens zwei völlig unterschiedliche Faktoren, die erst gemeinsam das aktuell erbärmliche Medienspiel mit den sonderbarsten Allianzen und Volten erklärbar machen.

  6. Thomas Holzer

    “Die Medienfarce vor Olympia ”
    So ist es; und ich verwende dieses “neudeutsche” Wort äußerst ungern; aber; man vergleiche nur den “shitstorm” gegen die “Putin-Spiele” mit ach wie viel vorab verkündeten
    Unterdrückungstodesopfern, und das “Verständnis” des “Westens” über das Vorgehen staatlicher “Ordnungskräfte” in Brasilien.

    Daß mittlerweile “brustemblößte” tussies alles, was nicht ihrer entblößten Meinung entspricht, als Faschismus geißeln (interessanter Weise aber nicht in islamischen Ländern), und diese “Geißelung” von den sogenannten westlichen Medien als gerechtfertigt erachtet wird, darf man sowieso als Zeichen der abgrundtiefen Dekadenz erachten.

    In meinen “Sturm und Drang Zeiten” wurde mir vermittelt, daß, trotz allen Protestes, gerechtfertigt oder auch nicht, gewisse Gebäude sakrosankt sind; und dazu gehören Kirchen, Synagogen, Moscheen, und Tempel aller möglichen Glaubensgemeinschaften ( und die Aufzählung ist nicht! als wertend zu betrachten!)

  7. begges

    Dazu passend anzuhören, eine Verteidigerin ur-amerikanischer Werte, ausdrucksstark..

    Why I’m burning my last bridge with Obama

  8. Mona Rieboldt

    gms.
    Ihre Erklärung leuchtet mir vollkommen ein. Was ich noch nicht verstanden habe, warum alle Zeitungen das Gleiche schreiben, nicht eine der großen Zeitungen kritischer an die Sache heran geht, dann bei Gegenargumenten die Leser beschimpfen.

  9. gms

    Mona Rieboldt,

    “.. warum alle Zeitungen das Gleiche schreiben”

    Es gibt, zumindest in Deutschland, nur vier Medienkonzerne: Bertelsmann, Springer, Holtzbrinck und Burda. Burda ist in politischen Belangen irrelevant, Holtzbrinck noch (mit Abstrichen) am objektivsten, und Bertelsmann und Springer ziehen ihr eigenes Ding durch.
    Reuters als wichtigster Lieferant für Meldungen ist inzwischen kein europäisches Unternehmen mehr.

    Wir haben es einerseits mit einer extremen Konzentration der Medienlandschaft zu tun, die einen Einfluß von oben mit breiter Wirksamkeit potentiell möglich macht, zugleich hat heutzutage der handelsübliche Journalist schon von Natur aus eine entsprechende ideologische Schlagseite. Würzt man dies noch mit einer Brise Gruppen- und Konformitätsdruck (Stw. Alpha-Journalisten), so ist die aktuelle Inzucht weniger verwunderlich, als vielmehr sogar erwartbar.

  10. waldsee

    es gibt ihn den den zusammenhang
    von antiamerikanismus und antisemitismus.nur ist dieser in deutschland sehr unmerklich.dafür ist
    die proislamische förderung inclusive antijudaismus und antizionismus sehr
    erheblich und aus dem öffentlichen leben gar nicht mehr wegzudenken.

  11. FDominicus

    narzistische Kränkung?
    Lassen Sie mich mal nachschauen
    1) TRAP
    2) Guantanamo
    3) Irak
    4) Afghanistan
    5) NSA

    alles “made in USA”. Das soll ein Garant für die Freiheit sein. Garant der Freiheit für wen? Für glückliche Sklaven?

    Ich halte es hier ganz einfach mit Ron Paul. Er hat recht und die anderen nicht. Weg damit. Je eher desto besser.

  12. gms

    waldsee,

    Zustimmung meinerseits. Komplex ist die Chose m.E. deshalb, weil Juden, als smartes, umtriebiges und erfolgreiches Volk, in zweifacher Hinsicht als Feindbild dienen.
    Für die klassischen Braunen bilden sie heute die “Ostküste”, die mit ihrem Wirken im Finanzsystem den Menschen das Wasser abgräbt. Zugleich sind Juden, mit ihrer evidenten Oppositionsstellung zu einem faschistisch konnotieren Islam, die Gegner der moderen Braunen, welche wiederum heute die Lufhoheit über die veröffentlichte Meinung innehaben.

    Demzufolge ist sowohl der Mainstream latent oder offen antisemtisch, wie zugleich dessen erklärter Lieblingsfeind, die sog. “Kellernazis”, wider dessen Wiedererstarken der “Antifaschismus” gepflegt werden muß. Dieser Bruderzwist im Hause Links dominiert die Landschaft, daher auch das Empfinden eines permanenten Antisemitimus’ bei gleichzeitig sonderbar anmutenden Frontverläufen.

    Im aktuellen Anlaßfall Ukraine haben wir einerseits Juden, die in der Putschregierung mit Antisemiten koalieren oder sonstwie maßgeblich die Fäden ziehen, und andererseit den Juden Gregor Gysi, der dies und vieles andere kritisiert. Einmal mehr finden sich auf beiden Seiten Juden, einmal mehr kann daher sowohl Zuspruch wie auch Ablehnung zu jeder involvierten Partei als Antisemitismus gewertet werden.
    Eingedenk dieser Gemengelage habe ich mir abgewöhnt, diesen omnipräsenten Zuschreibungen Gewicht beizumessen. Entweder, eine Tat ist stimmig, oder sie ist es nicht. Ob das Motiv hinter einer Untat nun sehr oder schon extrem unredlich ist, spielt dann auch schon keine Rolle mehr. Zugleich bleibt beim Ausblenden dieses Aspekts der Blick klar fürs Wesentliche.

  13. gms

    FDominicus,

    “narzistische Kränkung? Lassen Sie mich mal nachschauen [US-amerikanisches Sündenregister]”

    So tief brauchen Sie garnicht zu wühlen. Auch würde Alexander Grau Ihre ausgeweitete Aufzählung sogar begrüßen, weil es damit doch — in seinem Sinne — sogar noch viel mehr Anlaß gibt, der Neurose, welche die Deutschen als Volk sich vorgeblich mit dem Verlieren des WKII eingehandelt haben, heute Auslauf zu gönnen.

    Anders’rum gesagt: Die damalige Kränkung mit der Erfahrung der eigenen Schlechtigkeit (die, welch ein Zufall aber auch, lautmalerisch an Nazi erinnert), läßt die Deutschen heute reflexartig antiamerikanisch reagieren. Kausal ist die Vergangenheit, nicht die Gegenwart. Ohne diesen vorgeblichen kollektiven Dachschaden hätten die Deutschen gewiß auch heute auf das eine oder andere Versagen der US-Amerikaner ablehnend reagiert, aber sie hätten wohl nicht jenes praktiziert, das der Author bar jeden intellektuellen Skrupels behauptet:

    Grau: “Dass dies zu bizarren Solidaritätsbekundungen mit den widerwärtigsten Autokraten dieser Welt führt, sei dies nun Saddam Hussein, Baschar al-Assad oder Wladimir Putin, bestätigt diese These nur auf besonders unangenehme Weise.”

    Nun, der ganze Bockmist ist neben seiner Abgefahrenheit auch hochgradig tautologisch, aber wen sollte das mitterdings noch verblüffen.

  14. Reinhard

    “Dass dies zu bizarren Solidaritätsbekundungen mit den widerwärtigsten Autokraten dieser Welt führt, sei dies nun Saddam Hussein, Baschar al-Assad oder Wladimir Putin, bestätigt diese These nur auf besonders unangenehme Weise.”

    Wer hat sich denn bitteschön mit Saddam solidarisiert? Was für ein Quatsch! Es gab nur einige Leute, die auf die Lächerlichkeit hinwiesen, einen kleinen verzweifelten Regionaldespoten gleich wieder als “Hitler” zu bezeichnen. Und darauf, dass dieser Regionaldespot nur deswegen so verzweifelt war, weil er von seiner ehemaligen Schutzmacht, die ihn gegen den verhassten Nachbarn aufbaute und einen Krieg führen ließ, fallen gelassen wurde, als er erst zwecklos und dann auch noch aufmüpfig wurde und einen Verbündeten (Kuwait) der ehemaligen Schutzmach angriff, um sich seine Belohnung mit Gewalt zu holen. Ein Gefühl, das übrigens auch die Taliban kennen, die zum Kampf gegen die verhassten Sowjets von den USA aufgebaut und nach dem Abzug der Russen von den selben USA zum Feind erklärt wurden.
    Aber das darf man ja schon wieder nicht schreiben, denn das würde ja wieder als “dumpfer Antiamerikanismus” diffamiert. Blöd, dass die Wahrheit als Angriff betrachtet wird; man sollte, um unangreifbar zu sein, eben lieber versuchen, bessere Wahrheiten zu schaffen und nicht nur volltönende nobelpreiswürdige Blabla-Reden zu halten, in deren Windschatten man den nächsten Krieg anzettelt.

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .