Auf dem Weg zum Polytrauma

(MARCUS FRANZ) Das österreichische Gesundheitssystem ist mit hoher Geschwindigkeit auf einer sehr schlechten Straße unterwegs. Auf Sicherheitsgurte und Sturzhelme haben die Rallye-Fahrer verzichtet, dafür ist der Bleifuß fest am Gas. Man ist ja cool und fühlt sich den Top-Experten im System, nämlich den Ärzten, haushoch überlegen. Das kann nur im Polytrauma enden, soviel ist sicher.

In den letzten Jahren hat es ein Netzwerk aus Gesundheitspolitikern, Ökonomen, Managern und Beratern unter Ausschluss der Ärzteschaft geschafft, den Bürgern einzureden, dass unser System und vor allem die Medizin (=Ärzte) viel zu teuer sei und grundlegend reformiert werden müsse. Zweiteres stimmt sogar, Ersteres im internationalen Vergleich aber definitiv nicht: Geld ist genug im System, es wird nur falsch eingesetzt.

Was wir zweifellos brauchen, ist eine klare Finanzierung aus einer Hand und eine zentrale Planung sowohl des stationären wie auch des niedergelassenen Bereichs. Dazu gehört eine Homogenisierung der Spitalslandschaft inklusive Schließung von unnötigen Spitälern und die vielzitierte Aufwertung des Hausarztes und der Primärversorgung. Die öffentlichen Krankenhäuser müssen national zusammengelegt und in einen österreichweiten Verbund integriert werden. Die mit Kassen-Ordinationen unterversorgten Regionen müssen über Anreize (wie Prämien und andere Incentives) attraktiv gemacht werden. Generell gilt: Der Berufsstand des Arztes muss wieder die Wertschätzung erfahren, die ihm zusteht. Weil nur die Ärzte machen Medizin, die den Bürgern hilft, nicht die Bürokraten – die reden immer nur vom “Patient im Mittelpunkt”, sagen aber nicht dazu, dass dieser ihnen dort im Weg steht.

Die Route, der bisher vom erwähnten Netzwerk unter Ausblendung der Ärzte eingeschlagen wurde, ist die falsche. Da hilft auch Vollgas nichts. Ein “Kostendämpfungspfad” als die Lösung aller Probleme klingt zwar für Finanzverwalter und Ökonomen gut, ist aber nicht im Sinne des Bürgers. Sparen heißt immer Einsparen und Einsparen heißt immer Rationieren. Und das bedeutet Leistungsreduktion. Diese Fakten werden aber nicht offen benannt und das ist den Verantwortlichen anzukreiden.

Ein aktuelles Negativ-Beispiel ist Wien: Hier hat man seitens der Stadtverwaltung begonnen, die stationäre Versorgung massiv herunter zu fahren. Gleichzeitig wird jedoch die ambulanten Versorgung nicht ausgebaut, weil diese ja die Sache der Kassen ist. Man erklärt dem Volk die Reduktion damit, dass es infolge der Spezialisierung zu einer Verbesserung kommen würde. Euphemismus ist die noble Bezeichnung für diese Politik. Tatsache ist, dass im Rathaus niemand den Mumm hat, die Dinge klar an- und auszusprechen und Tatsache ist die fehlende Koordination von Selbstverwaltung (Kassen) und Gesundheitsplanung.

Haarsträubend ist vor allem, dass im Rahmen der überall in Österreich einsetzenden Verschlimmbesserungen regelmäßig die Ärzte übergangen werden und oft erst 5 vor 12 von geplanten Änderungen erfahren. Man lässt den Medizinern die Verantwortung, man lässt sie aber nicht mitreden. Kritiker im System werden mundtot gemacht. Der Arzt gilt nur noch als Kostenfaktor und muss in jeder Hinsicht reduziert werden. Ein Exodus ist die Folge: Allein in Deutschland arbeiten schon fast 3000 österreichische Ärzte.

Die Ärzte zu übergehen ist ein schlimmer Fehler: Es ist in internationalen Studien (zB von McKinsey) nachgewiesen, dass die medizinische Versorgung dann am besten organisiert wird, wenn an den Schlüsselstellen Ärzte die Management-Verantwortung haben und nicht die Politiker, Verwalter und Bürokraten. In Österreich wird das konterkariert: Eine Ärztin ist zwar Gesundheitsministerin, das Ministerium ist aber weitgehend kompetenzfrei, was die Organisation des Gesundheitswesens betrifft. Und beim Wiener KAV, dem größten Krankenanstaltenverbund Europas, ist ein Arzt Generaldirektor, dieser steht aber unter der Fuchtel der nicht-ärztlichen Gesundheitsstadträtin und des Bürgermeisters.

Dass so eine Politik nicht gutgehen kann und daher nicht gut für die Patienten ist und dass sie unweigerlich in einem Crash enden wird, ist eine Prognose, die nicht schwer zu stellen ist.

12 comments

  1. Gerald

    Ihrer Analyse kann ich nur bedingt zustimmen, haben sie doch den wichtigsten Aspekt eines funktionierenden Gesundheitswesens vergessen. Die Eigenverantwortung! Hier geht Ihre Zunft wie immer Hand in Hand mit der Pharmaindustrie und im besonderen Fall auch mit der Politik. Es wird alles Erdenkliche unternommen um dem Bürger und hoffentlich bald chronisch Kranken jegliche Verantwortung für seine eigene Gesundheit abzusprechen.
    Blutdruckpatienten, Diabetes Erkrankte, Allergiker und viele mehr zeigen immer die selbe Vorgehensweise. Dem Patienten wird peu à peu, scheinbar nach einer durchdachten Strategie ein Medikament nach dem anderen verschrieben, bis er in einer fast nicht umkerhrbaren Abhängigkeit feststeckt und die durch die Medikamente hervorgerufenen Folgeschäden schwerer wiegen als der Ausgangszustand, den der Patient durch eine Änderung seiner Lebensweise mit einem deutlichen mehr an Gesundheit und einem Bruchteil an Kosten für die Allgemeinheit erreicht hätte.
    Insofern betreiben sie nichts anderes als Lobbysmus für Ihre Zunft. Dies soll allerdings die Politik nicht entschuldigen, die uns jeden Tag weismachen will wie schwierig das Leben doch ist. Offensichtlich wird es von Tag zu Tag schwieriger, je mehr die Politik sich anstrengt uns dieses Leben zu erleichtern.
    Also mein Resümee auch in diesem Zusammenhang: Eigenverantwortung! Das bedeutet ein Leben abseits von sozialistischer Politik(gibt es in Österreich noch etwas anderes als dieses von der Wiege bis zur Bahre Denken?) und Lobbydenken wo manche denken besser für andere denken zu können.

  2. sokrates9

    Noch wichtiger wäre Kostenverantwortung! dann gäbe es nicht dank unserer Länderkaiser in 20 km Abstand 2 Spitäler!

  3. carl schurz

    “Was wir zweifellos brauchen, ist eine klare Finanzierung aus einer Hand und eine zentrale Planung sowohl des stationären wie auch des niedergelassenen Bereichs.”
    Das halte ich für kontraproduktiv. Zentrale Planung? Das soll helfen? Jetzt mal ehrlich, das ist doch alter Wein in neuen Schläuchen.
    Zentrale Planung: wer plant? Am Ende Apparatschiks und Funktionäre. und: wo Arzt drauf steht muss nicht Arzt drin sein.
    Mein Vorschlag: dezentral, habt den Mut zum Freien Gesundheitsmarkt mit sozialer Komponente für die “wirklich” Schwachen und mehr Freier Markt – weniger Staat – damit wir weniger Schwache “produzieren”. Denn was haben wir nun, nach all den Planungen und staatlichen Eingriffen (Nanny State)?
    Einfach umetikettieren und noch mehr davon? Echt jetzt?

  4. Weninger

    Ein echter Markus Franz, — jener Mann, der sogar Lopatka zu viel wurde, was mehr als 1000 Worte sagt.

  5. Mona Rieboldt

    Gerald
    So ganz recht haben Sie da nicht. Gerade bei Diabetes I, früher als Jugendzucker bekannt, können sie gar nichts machen. Das hat nichts mit Selbstverantwortung zu tun. Auch mit Bludruck ist das nicht ganz so einfach, wie Sie schreiben. Das kann auch plötzlich auftreten, ohne dass jemand zu dick ist. Und wenn Sie so viel von Selbstverantwortung schreiben, dann sind auch die meisten Sportunfälle vermeidbar wie beim Skifahren etc., man lässt es ganz einfach sein. Und dazu müsste jeder so gesund leben, weder rauchen noch Alkohol trinken, vor allem keinen Stress haben in seinem Beruf, am besten auch keinen Sex wegen Herzattacken vor allem bei Männern. 😉

  6. Reini

    @Sokrates,…
    Neubau Krankenhaus Neunkirchen, Neubau Krankenhaus Wr.Neustadt – 17,00km Differenz!!! …
    Da geht es rein um das dumme Stimmvieh auf seine politische Seite zu bringen bzw. zu halten!!!

  7. Falke

    @Reini
    Noch besser: Neubau KH Baden, Renovierung KH Mödling: Entfernung 11,8 km.

  8. Gerhard

    Dem Artikel von Dr. Franz ist großteils zuzustimmen. Allerdings sind die ehemaligen “Gotter in weiß” teilweise auch selbst schuldig, dass das Ansehen dieser Berufsgruppe gelitten hat. Vor allem sind es die wenigen geldgierigen Spitzenverdiener, welche auf Kosten der ehrlichen und aufopfernden Kollegen die allgemeine Meinung über Ärzte negativ beeinflussen. Weiters hat die Pharmaindustrie viele Ärzte (vor allem die hausapothekenführenden Ä.) zu deren “eigenen Verkäufern” degradiert und diese spielen fleissig mit. Auch die Art der Sozialversicherung in Österreich (Pflichtversicherung vs. Versicherungspflicht) mit den über 20 Krankenkassen für so ein relativ kleines Land – ohne Wettbewerb – trägt indirekt dazu bei, dass der Ärztestand nicht gebührend anerkannt wird.
    Ich bin für einen Selbstbehalt (nicht nur bei Medikamenten und KH-Aufenthalt, sondern bei allen Konsultationen) und bessere Tarife für allgemeine, ausführliche Beratung, Hausbesuch usw. – natürlich für sozial Schwache entsprechende Ermäßigung. Nur dadurch werden die Patienten mehr Eigenverantwortung bekommen und das “Vollkaskodenken” ablegen.
    Warum gibt es eigentlich bei den meisten praktischen Ärzten keine Terminvergabe? Auch die Wartezeit der Patienten ist “kostbar”?

  9. Mona Rieboldt

    Weninger
    Mit Viagra sind da aber schon einige Männer mit Herztod bekannt, waren sicher auch nicht die Jüngsten 😉

  10. karl - h exinger

    schön, daß jemand (wieder) einmal den mut findet,die dinge beim namen zu nennen. ich bin als niedergelassener hausarzt über das ergebnis der umfrage der nö ärztekammer nicht erstaunt, daß die wahlärzte mit der arbeitsituation sehr zufrieden und die kassenärzte nicht zufrieden sind. so sind zb der ausufernde bürokratismus, die fast schon schikanösen auflagen und etliche “kleinigkeiten” die eine liste füllen könnten, zu nennen, warum kein junger kolege bereit ist, diesen wunderschönen und perse befriedigenden “job” – ich sehe es als berufung- als hausarzt auszuüben.
    ich weiss nicht, wieviele sogenannte expertengespräche es bis dato gegeben hat. interessanterweise wurde keiner meiner hausarztkollegen als praktizierender experte zu solch einer runde eingeladen. ich unterstelle da schon einen gewissen lobbyismus… 😉 mit nachdenklichem gruß dr k h exinger

  11. Weninger

    @Mona Rieboldt
    Ja es sind auch schon Leute tot umgefallen, die vor dem Joggen Blutdrucksenker eingenommen haben etc. etc. So what?

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