Auf der Griechspur zum Grexit

(A. TÖGEL)  Im Mai 2010, als Griechenland, zum ersten Mal mit den Konsequenzen seiner exzessiven Staatsverschuldung konfrontiert wurde, gab es nicht wenige Mahner, die mit der sich abzeichnenden „Rettungspolitik“ scharf ins Gericht gingen. Das Land konnte sich damals auf den Finanzmärkten nur noch zu horrenden Zinsaufschlägen finanzieren. Die durch eine beispiellose, jahrzehntelang währende Misswirtschaft vollständig zerrütteten griechischen Staatsfinanzen, waren nur durch massive – und den Buchstaben des Vertrages von Lissabon klar widersprechende – Interventionen zu “retten“.

Schon damals wurde vielfach der dringende Verdacht geäußert, dass alle diese Aktionen sich am Ende als eine gigantische Geldverbrennungsaktion herausstellen würden. Offensichtlich haben die Pessimisten, wie fast immer, Recht behalten. Merke: Optimismus resultiert in 99 Prozent der Fälle aus einem Mangel an Informationen. Die damals von den europäischen Eliten ergriffenen und von Sozialisten, „Konservativen“ und „Liberalen“ in den nationalen Parlamenten der Union kollektiv gutgeheißenen „Rettungsmaßnamen“ im Namen der europäischen „Solidarität“ (was für ein Hohn!), waren vergeblich. Denn Griechenland steht heute schlechter da, als je zuvor. Die Zinsen für griechische Staatanleihen haben schon wieder ein Niveau von neun Prozent erreicht. Die daraus resultierenden Zinslasten, wären auch für weniger stark verschuldete Länder nicht zu stemmen.

Schlimmer noch: Bei den bevorstehenden Wahlen in Griechenland dräut ein Wahlsieg des linksradikalen Syriza-Bündnisses. Deren Chef, Tsipras, kündigt für den nicht unwahrscheinlichen Fall seines Sieges, ein „Ende der Sparpolitik“ an und desavouiert damit alle „solidarischen Retter“ der korrupten Balkanrepublik im übrigen Europa. Einmal mehr wird klar: Wer den Hund ins Bett lässt, wacht mit Flöhen auf. Oder anders: Wer auf Zusagen von Phäaken vertraut, ist selber schuld.

Die „koste es was es wolle“-Politik, die von der EU-Nomenklatura auf den Weg gebracht wurde, ist offensichtlich gescheitert. Die Skeptiker von damals werden sich nicht ohne Groll daran erinnern, dass einige Spitzenfunktionäre der Union, offen den Bruch der europäischen Verträge gutgeheißen hatten, um damit das eitle Projekt der gemeinsamen Währung, und zwar „um jeden Preis“, zu retten. Ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone und ein daraus möglicherweise resultierender „Dominoeffekt“ sollte unbedingt verhindert werden.

Einmal mehr zeigt sich am Beispiel dieses verschleppten Konkurses, wie kostspielig und sinnlos es ist, mit politischen Mitteln ökonomische Gesetzmäßigkeiten aushebeln zu wollen. Besonders bedenklich erscheint zudem die Tatsache, dass die Mehrzahl der damals zu Rate gezogenen Spitzenökonomen absolut nichts gegen die breit angelegten Versuche einzuwenden hatte, mittels monetärer Maßnahmen (einfacher gesagt: mit der Geldpresse) das strukturell marode Griechenland vor der Staatspleite zu bewahren. Die europäischen Steuerzahler (genauer gesagt: die Deutschen, Niederländer, Österreicher und Finnen) hätten sich ein Vermögen ersparen können, hätte man Griechenland schon 2010 in den Konkurs geschickt.

Auf den ersten Blick könnte man sogar meinen, dass selbst die in Sachen Staatspleite überaus routinierten Griechen damit besser bedient gewesen wären. Immerhin hätten sie auf diese Weise ihren Gläubigern eine lange Nase drehen und sich auf einen Schlag entschulden können. Dass sie das nicht wollten, hat damit zu tun, dass sie auch weiterhin nicht darauf verzichten mochten, von den „Nordstaaten“ alimentiert zu werden – und zwar bis in alle Ewigkeit. Es darf angenommen werden, dass sich auch diesmal wieder – selbst dann, wenn bei den bevorstehenden Wahlen in Griechenland die Tsipras´ Kommunisten siegen sollten – jede Menge Ökonomen finden werden, die eine erneute „Rettungsaktion“ für dieses Fass ohne Boden gutheißen. Und zwar mit denselben „Argumenten“ wie damals: „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa!“ Außerdem dreht sich die Sonne um die Erde und die ist eine Scheibe. Oder so.

Gute Ökonomen unterscheiden sich dadurch von schlechten (dasselbe gilt übrigens für Politiker!), dass sie auch die etwas weiter entfernten Konsequenzen ihres Handelns nicht aus den Augen verlieren. Offenbar gibt es unserer Tage weder gute Ökonomen, noch gute Politiker – zumindest nicht in namhaften Positionen innerhalb der Grenzen der EUdSSR. Anders ist das verlogene Schmierentheater nicht zu erklären, das eben wieder im Begriff ist, loszugehen…

Tagebuch

 

6 comments

  1. Klaus Kastner

    Nur eine kleine Korrektur: die Rettungskredite waren keine “gigantische Geldverbrennungsaktion”. Sie waren eine gigantische Umverteilung von Privatrisiko auf Steuerzahlerisiko. Von insgesamt 247 Mrd.EUR, die von 2010-12 als Rettungskredite nach Griecheland flossen, gingen 206 Mrd.EUR postwendend retour an private Gläubiger. “Nur” 41 Mrd.EUR verblieben in Griechenland, um das Primärdefizit des Staates zu finanzieren.

  2. Mourawetz

    sehr geehrter Herr Kastner!

    schon richtig, noch gibt es Forderungen gegenüber Griechenland. Aber glauben Sie tatsächlich, dass Griechenland seine Schulden bei den Euroländern begleichen wird? Eine der Hauptforderungen des vermutlich neuen Regierungschefs Griechenland ist der Erlass großer Teile der Schulden. Nein, nein, unser Geld – und vor allem das der Deutschen, wenn man sich die Forderung nach Reparationszahlungen Deutschlands ansieht, sehen wir nie wieder. Das ist bereits vor Jahren auf der Vulkanhalbinsel verdampft.

  3. Klaus Kastner

    Sehr geehrter Herr Tögel,

    mein Punkt war, dass diese Gelder schon vor 2010 “verbrannt” waren. Seit 2010 wurde lediglich der Brandschaden von privaten Gläubigern auf europäische Steuerzahler umgeschichtet.

    Nein, Griechenland wird die ca. 320 Mrd.EUR, die es gegenwärtig schuldet, nie zurückzahlen, zumindest nicht mit einer marktgerechten Verzinsung. Genauso wie England selbst heute noch Schulden aus dem 18. Jahrhundert bedient (allerdings mit einer marktgerechten Verzinsung).

    Ja, die Steuerzahler werden “bluten”, die Frage ist nur, in welcher Form sie bluten werden (direkt spürbar oder nicht). Bei einer fortgesetzen Konkursverschleppung werden die Steuerzahler nicht direkt spürbar bluten. Angenommen, man verlängert die Troika-Kredite auf 99 Jahre (wie bei einigen Bonds von Mexiko) und setzt den Zinssatz auf quasi Null (vielleicht sogar mit einem längeren Zinsmoratorium), dann wird man das in den nationalen Budgets der Geberländer nicht so richtig spüren. Und wieviel 320 Mrd.EUR im Jahr 2114 wert sein werden, kann kein Mensch sagen. Kommt es zu einem Schuldenschnitt, dann wird man die Kosten nicht an den nationalen Budgets vorbeischwindeln können.

    M. E. war die seinerzeitige Lex-Länderbank ein Paradebeispiel für die Lösung eines Finanzproblems: man verteile den Schaden in kleinen Teilen auf die Zukunft und im Laufe der Zeit ist alles vergessen. Unten ist ein aktueller Artikel aus meinem Blog.

    http://klauskastner.blogspot.co.at/2015/01/no-realistic-way-that-greece-can-ever.html

  4. Christian Peter

    @Klaus Kastner

    Sie sagen es. Bei der gesamten ‘Eurorettung’ geht es einzig und alleine darum, den Finanzsektor und andere private Investoren vor Verlusten zu bewahren. Selbstverständlich hätte man ein zahlungsunfähiges Land wie Griechenland schon längst in die Pleite entlassen müssen.

  5. Klaus Kastner

    Ich empfehle, im Profil Nr. 2 vom 5. Jänner das Interview mit Prof. Yanis Varoufakis zu lesen. Varoufakis gibt dort eine sehr gute Zusammenfassung der Absichten von SYRIZA. Hier ist nur ein Beispiel, weshalb man Vorschläge der SYRIZA nicht von vorneherein ablehnen sollte, nur weil es sich um eine links-radikale Partei handelt.

    Bei der griechischen Umschuldung von Anfang 2012 gab es – analog zu Argentinien – sogenannte “hold-out’s”, die sich weigerten, bei der Umschuldung mitzumachen. Anders als Argentinien verhielt sich Griechenland – in Abstimmung mit der Troika – pragmatisch und bedient seither diese hold-out’s ganz normal, um einen juristischen Konflikt à la Argentinien zu vermeiden. Bei den Gläubigern handelt es sich hauptsächlich um Hedge Funds, die die griechischen Bonds spottbillig (15-20%) gekauft hatten und die nun zu 100% bedient werden. Meines Wissens war die Gesamtsumme bei 16 Mrd.EUR. Alleine im 1. Hj.2015 wird wieder eine Zahlung von fast 500 MEUR fällig.

    Wenn man sich dies durch den Kopf gehen lässt und bedenkt, dass – laut Varoufakis – 1 Mrd.EUR ausreichen würde, um die ärgsten Sozialfälle in Griechenland zu mildern, dann kann man schon verstehen, weshalb so viele Griechen leidenschaftliche Unterstützer von SYRIZA sind. Weshalb so viele Griechen behaupten, die Troika habe Geld für Hedge Funds, nicht aber für notleidende Griechen (für die Bedienung der Hedge Funds braucht Griechenland natürlich Mittel von der Troika).

    Ich will damit nur sagen, dass nicht immer alle Dinge so eindeutig sind. Deswegen sollte man vorsichtig sein, eine Partei/Bewegung à priori zu verteufeln, wenn man im Zuge dessen einen bedeutenden Teil der Bevölkerung verteufelt (vielleicht sogar ohne sich dessen bewußt zu sein).

  6. Mourawetz

    sehr geehrter Herr Kastner,

    ich weiß ja nicht wie Herr Tögel dazu steht. Aber ich meinerseits bin für ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro und zwar möglichst rasch. Die 320 Mrd. tun niemandem weh, egal ob man den Zahltag auf den bewährten St. Nimmerlandstag verschiebt oder nicht. Aber dass es sich um verbranntes Geld handelt, ist augenscheinlich. Insofern sind wir insbesondere die Deutschen gebrannte Kinder, die im Geldverbrennen an ofensichtlich schlechte Schuldner genug Lehrgeld bezahlt haben. Deshalb raus mit den Griechen und alle anderen, die darin ein Beispiel sehn hinterher.

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