Aussenpolitik: Was zählt, ist allein der Grad des Verbiegens

(MARIAN MADELA)  Der zentrale und entscheidende Vektor österreichischer Außenpolitik ist ihre umfassende moralische Korrumpierung auf allen Ebenen. Auf einer Skala zwischen völliger Indifferenz gegenüber den Geschehnissen in Anrainerstaaten und Ländern mit anhaltenden Konflikten oder militärischen Auseinandersetzung

und einer die eigene Bewegungsfreiheit im Dealen mit Diktaturen und Blutsaugern erweiternden, gewissen Indifferenz gegenüber zentralen ethischen Grundsätzen der westlichen Wertgemeinschaft oszillierend, prostituiert sich das Land der Seen und Berge gerne über alle Maßen hinaus von selbst, hoffend dadurch die Anerkennung zu erreichen, die ihm aufgrund seiner eigener Ignoranz und Unwissenheit hinsichtlich jener Konflikte, zu deren Lösung beitragen zu können es vorgibt, verwehrt bleibt.

Dabei vermag es der Wiener Ballhausplatz, seit jeher fest in den Händen jener, die sich für Konservative und Bürgerliche halten, den quer durch alle vier staatstragenden sozialdemokratischen Parteien hindurchgehenden Konsens des höflichen Desinteresses an außen- und sicherheitspolitischen Zusammenhängen bei gleichzeitig hervorragend internalisierter provinzieller Weltläufigkeit glaubhaft in die Welt zu tragen. Dass dabei die Rolle der österreichischen Kapitale als mit Abstand bedeutendstem Transmissionsriemen für den ideellen, kulturellen und zunehmend auch ökonomischen Austausch mit Mittel-, Zentral- und Süd-/Osteuropa, von deren Virulenz Deutschlands Großstädte nicht zu träumen wagen, davon in keiner Weise tangiert wird, vermag dabei nur auf den ersten Blick zu verwundern, spielen sich beide Vorgänge doch nachgerade in Paralleluniversen ab, die miteinander weder kommunizieren, noch je wahrhaft in Verbindung treten.

In Deutschland werden in jüngster Zeit auch hochstapelnde Gesellen zu Generalplanern von Großbauprojekten ernannt, mit deren Verwirklichung es dann leider hapert. Außenpolitik und deren Herausforderungen, auch nicht ihre langfristigen Zielsetzungen und Erfolge, werden in Wien nicht in Kategorien, die zumindest in Teilen Europas Gültigkeit besitzen, bemessen.

Was zählt, ist allein der Grad des Verbiegens bis zur eigenen Unendlichkeit, um so viele milliardenschwere Schurkenstaaten wie möglich langfristig an den Standort Wien zu binden. Ein Kanzler kann deshalb nach vierzig Jahren Präsenz ohne den Generalsekretär der Vereinten Nationen vorab zu informieren, das Kontingent österreichischer Truppen vom Golan abziehen und sich damit international der Lächerlichkeit preisgeben, während zur gleichen Zeit das von Saudi-Arabien finanzierte Zentrum für Interreligiösen Dialog seine Pforten öffnet und der geflohene Ex-Schwiegersohn des kasachischen Präsidenten in Wien Asyl erhält.

Diese Flexibilität wissen russische Oligarchen genauso zu schätzen, wie Turkmenbaschis Sohn oder zentralasiatische und arabische Potentatenclans. Wien sichert dadurch langfristig den eigenen Standort. Wo so viel Prominenz zusammenkommt, sorgen russische und andere Agenten für Sicherheit, die die österreichische Exekutive keinen einzigen Moment zu gewährleisten in der Lage wäre.

Und so dankt man heute an der Donau mit offenen Armen dem Tyrannen, der eineinhalb Flugstunden von Wien mit seiner Soldateska ein halbes Land in den Bürgerkrieg gestürzt hat.

Es gibt viel zu tun. South Stream zum Beispiel. Und die OMV wartet schon.

4 comments

  1. gms

    Marian Madela,

    Mit Sicherheit ist Ihnen nachfolgende Textpassage noch vertraut: “Baudrillard verfasste mit „Requiem für die Medien“ die Programmschrift für seine Anti-Medientheorie. In deren Kern steht die Behauptung, dass die von den modernen Massenmedien vermittelten Bilder und Informationen keine Abbilder der Wirklichkeit mehr sind, da sie selbst ein Eigenleben gewonnen haben und die eigentliche Realität überlagern. Diese Interferenz trägt dazu bei, dass die in den Medien vermittelte Realität zu einer Simulation der eigentlichen Wirklichkeit verkommt. Diese Scheinwelt, die die reale bezeichnet und als gefühlte, erlebte Wirklichkeit neben der Realität existiert, nennt Baudrillard das Simulakrum.”

    Das Aufkommen solcher Simulakren haben auch andere Denker beschrieben, manche von ihnen, denen es nicht wie Baudrillard an Weitblick mangelte, hatten schon in den 70ern antizipiert, diese Scheinwelten könnten nicht permanent existieren. Für das noch viel ältere Diktum, man könne nicht alle Menschen für alle Zeiten verschaukeln, bedurfte es sogar keiner speziellen Befassung mit System- oder Medientheorie.

    Wozu diese lange Einleitung? Auch das aktuell angesagte Simulakrum — auf Neudeutsch ‘Matrix’ — hat mit seinem Gravitationszentrum in der Ukraine inzwischen mehr Sprünge als eine mit rollenden Panzern gebügelte Vinyl-LP. Das Reale sind die Bild- und Tonstörungen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. [Wer das Vulgäre ablehnt, für den ist der Kommentar hier definitiv zu Ende, Anm.]

    Pars pro toto von Nulands “Fuck the EU” bis hin zum jüngsten Sager Sikorskis vom Blowjob an Uncle Sam (*) — wer eingedenk der Faktenlage und insbesondere angesichts US-amerikanischer Ambitionen im Gasgeschäft noch im Chor der Massenmedien das Lied vom personifizierten Bösen in Moskau in der entzückenden Tonart “Tyrann” mitpfeift, der hofft gewiss auch, mit dem Satz “Und die OMV wartet schon”, erfolgreich einen Kommentar abschließen zu können, der einmal mehr den Leser tunlichst in der Matrix gefangen hält. Paul Craig, welch Ironie seines Zeichens ausgerechnet ein waschechter Neoliberaler, verwendete vor wenigen Monaten hierfür im gegebenen Kontext den Begriff “Medienhuren”.

    Solche Zuschreibungen mögen deftig sein, doch veranschaulicht deren Verwendung eine für Liberale typische Eigenheit, nämlich die ausgeprägte Aversion dagegen, auf lächerliche Weise versuchsweise verarscht zu werden.

    *) wirtschaftsblatt.at/home/nachrichten/europa_cee/3825718/Polen-Aussenminister_Wir-glauben-dass-alles-super-ist-nur-weil

  2. Thomas Holzer

    “Und so dankt man heute an der Donau mit offenen Armen dem Tyrannen, der eineinhalb Flugstunden von Wien mit seiner Soldateska ein halbes Land in den Bürgerkrieg gestürzt hat.”

    Lassen wir mal -unzulässiger Weise- die Krim bei Seite. Behaupten kann man vieles, Beweise wären aber gefragt!

    Southstream, der “Gott sei bei uns” der Gasleitung. Ja, ich habe schon vergessen, daß “Northstream” von Deutschland in Zusammenarbeit mit einem “lupenreinen Demokraten”, welcher Putin genannt wird, gebaut wurde. Bei diesem Unterfangen gab/gibt es interessanter Weise keine Schwierigkeiten mit irgendwelchem EU-Normen.

    Aber Sie haben schon recht; um einen Stau aufzulösen, schicke man noch mehr Fahrzeuge auf die Strecke, auf welcher es sich staut, dann wird sicher alles besser; nur Tölpel und Egoisten suchen nach Alternativen.

    Und abschließend: Mit welcher Berechtigung wollen Sie Unternehmen in Geiselhaft für das Versagen der Politikerdarsteller nehmen?! So Sie dies tun, bewegen Sie sich auf dem selben Niveau wie ein Herr Putin, auch dieser spannt Unternehmen zur Durchsetzung seiner politischen Ziele ein

  3. S.M.

    Österreich prostituiert sich? Blutspuren? Vulgär? Pöbelhaft? Man kann nur lachen.

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