Boom-Branche Burnout

(von MARCUS FRANZ)  Eine auf den Arbeitnehmer und seine vermeintliche Opferrolle fokussierte Grundhaltung ist zum Kennzeichen unserer Arbeitswelt geworden: Der Stress am Arbeitsplatz macht alle kaputt, so lautet der tägliche Stehsatz. Das Endziel des Arbeitnehmers kann daher nur die möglichst frühe Pension sein. Der berufstätige Österreicher befindet sich aber vergleichsweise in einer der besten aller möglichen Arbeitswelten. Ein ausgewogenes Arbeitsrecht, eher kurze Arbeitstage und lange Urlaube prägen diese seine Welt. Nur zwei internationale Beispiele reichen aus, dies zu belegen: In Japan beträgt der durchschnittliche Jahresurlaub 7 Tage, in den USA zwei Wochen.

Die Seelenbeschädigungen durch Arbeitsleid nehmen bei uns aber trotzdem dramatisch zu. Noch nie zuvor gingen so viele Leute aus psychischen Gründen in den Krankenstand oder in die Frühpension. Die wild grassierenden Burn-Out-Syndrome können aber nicht automatisch den angeblich so schrecklichen Arbeitsbedingungen angelastet werden. Vielmehr muss man sich die Ursachen dieses Krankheitsbildes genau ansehen, bevor man hier zu (Vor-)Urteilen kommt. Die Diagnose „Burn-Out“ ist nämlich vor allem eines: Sehr modern und daher sehr gängig. Demzufolge wird sie auch rasch gestellt, besonders in der Selbstuntersuchung. Wiederkehrende und berechtigte Müdigkeit nach harten Arbeitstagen kann dann eben leicht mit einem Burn-Out verwechselt werden.

Den Satz „Herr Doktor, ich habe ein Burn-Out! “ hören Ärzte  täglich. Nur ist er halt nicht immer wahr oder auch eine Fehleinschätzung des Betreffenden, weil ihm ja permanent die Grauslichkeit der Arbeitswelt suggeriert und er förmlich in die Opferrolle samt Burn-Out gedrängt wird.  Die Diagnose wird daher gar nicht selten von Arbeitnehmern unwissentlich, manchmal jedoch auch vorsätzlich missbraucht. Leider, denn dies geschieht letztlich zum Schaden der wirklich psychisch Kranken. Die Arbeitgeber werden durch diese Diagnose jedenfalls angreifbar, denn hier schwingt immer der Vorwurf der Überforderung am Arbeitsplatz mit.  Dem Missbrauch kann man nur schwer Einhalt gebieten, da er kaum beweisbar ist und die Opferrolle ist zeitgeistbedingt sowieso immer sehr nah. Einer weiteren Zunahme des Burn-Out-Syndroms steht daher nichts im Wege.

Anzumerken ist, dass die früher am Arbeitsplatz hochgeschätzten Tugenden wie Disziplin und Pflichtgefühl heute nur mehr wenig gelten. Sich zusammen zu nehmen, Engagement und Durchhaltewillen in anstrengenden Situationen zu zeigen, das ist nur mehr was für Streber. Die neue Arbeitsmoral in unserer von kryptomarxistischen Inhalten geprägten Arbeitswelt heißt managed by Befindlichkeit. Am Ende dieser Moral steht freilich der Niedergang des Wirtschaftslebens. Befindlichkeitsphilosophen sagen dies aber tunlichst nicht dazu, wenn sie ihre Predigten über die Schlechtigkeit der Arbeitswelt halten, sondern entwerfen sozialromantische Szenarien, wo jeder Arbeitnehmer nach Gutdünken seine (oder eben keine) Leistung erbringt.

Was also tun? Auch hier gilt: Selbstbestimmung und Verantwortung tragen ist der erste Schritt zur Gesundung. Die Leute im Arbeitsprozess müssen daher auch diese Verantwortung bei Ihren Vorgesetzten einfordern. Und jeder vernünftige Chef oder Abteilungsleiter wird darauf achten, seine Nachgeordneten möglichst zu „empowern“. Denn Selbstverantwortung ist nachweislich eines der besten Mittel, Burn-Out zu verhindern. Freilich wird nicht jeder ein Häuptling sein können, aber die Indianer sind im Arbeitsprozess genauso wichtig – die Häuptlinge müssen es ihnen nur öfter sagen und ihnen die richtigen Tomahawks geben.

 

 

6 comments

  1. sybille Stoa

    Ein guter Artikel, aber ich sehe folgende Ursache im Burnout begründet:
    Falsche Steuerpolitik, der staatliche Drang viel zu helfen und Managementfehler.
    Zu hohe Steuern auf Arbeit, zu hohe Sozialversicherungsbeiträge und zu hohe Dienstgeberkosten verlangen mehr Leistung des einzelnen.
    Angenommen ich habe ein Budget von 1 Million € und der Nettojahreslohn beträgt pro Mitarbeiter 50.000€. Dann sind die Personalkosten in der Schweiz 80.000€ pro Mitarbeiter und hier 100.000 € pro Mitarbeiter.
    In Österreich kann ich 10 Maxerln anstellen und in der Schweiz 12,5.
    Durch die hohen Steuern und Lohnnebenkosten kann die Schweizer Firma das Projekt unterbieten und um 960.000€ mit 12 Leuten erfolgreicher durchführen, als Österreich mit lohngekürzten 10 Leuten. Deswegen leisten die Österreicher auch so viel überstunden. Nicht aus Gier oder weil sie so gerne lange Arbeiten, sondern weil die Steuern mehr Personal unrentabel machen. Bei weniger Personal ist Ausfall durch Unfall oder Krankenstand noch schwerer vom Rest zu kompensieren.
    Daher kommt es leichter zu burnouts. Die Regierung möchte Psychotherapie auf Krankenschein anbieten um das Problem zu lösen, vergisst aber, dass sie die SV-Beiträge dazu wieder erhöhen muss. Durch diese Maßnahme müssen Arbeiter aber noch länger arbeiten um auf das gleiche Realnetto zu kommen, da ja die höhere Gebühr mehr vom Bruttolohn auffrisst. Durch den Nanny-Staat, der immer mehr Hilfsleistungen für seine Bürger einführt, werden diese immer mehr belastet. (Hilfsbereite Blutegel saugen was von der Leistung ab und deswegen muss man mehr staatliche Hilfen einführen, die noch höhere Steuern erfordern)

  2. sybille Stoa

    Die ganztägige Kinderbetreuung, das verpflichtende gebührenpflichtige Psychologengespräch bei Scheidung, die Therapie auf Krankenschein sind solche staatlichen Blutegelleistungen, die fast unkündbare beamtete Dienstverhältnisse zur Lasten der Steuerzahler schaffen. Ein bekanntes Paar mit Kind organisierte sich eine private Kindergruppe und stellte eine arbeitslose 50-jährige Kindergärtnerin zum Lohn einer 30-jährigen ein. Die Gewerkschaftskontrollore bemerkten das und verklagten die Kindergruppe. Die musste 3 Jahre Aufstockung nachzahlen, die ihnen die Angestellte Kindergärtnerin heimlich bar zurück schenkte, weil sie froh war eine gute Arbeit gefunden zu haben.

  3. sybille Stoa

    Der Zwang und die Zwangsvorschriften durch den Staat machen die Leute krank. Wie am Beispiel der Kindergruppe meiner Bekannten ersichtlich, wollte oder konnte eine 50-jährige Kindergärtnerin nicht mehr 30 Kinder ganztags betreuen. Privat fand sie eine Nachfrage, die sie mit ihrem Angebot abdecken konnte, nämlich 12 Kinder 6h am Tag zu etwas geringerem Lohn als KV zu betreuen
    Diese Frau war leistungswillig, aber nicht im Rahmen der staatlich zwangsverordneten Bedingungen. Je freier der Markt, desto eher treffen sich Angebot und Nachfrage. Der Staat schränkt durch viele Zwangsverordnungen aber diese freiest mögliche Leistungserbringung ein und das verursacht psychische Probleme

  4. Thomas Holzer

    Ich wage zu behaupten, “burn-out” ist einfach eine Modeerscheinung, welche wieder einmal vielen auf Steuerzahlerkosten ein neues, unproduktives, von der Politik geschaffenes Betätigungsfeld bietet.

  5. Leitwolf

    Das Problem ist das Wort “burn out”. Mit Überforderung hat die Sache herzlich wenig zu tun. Sehr viel hingegen mit der hautnah vermittelten Sinnlosigkeit des Sein bzw. Tuns.

    Ich hab schon ein paar mal am Bau gearbeitet. Das ist harte Arbeit, zumal wenn man als Student sonst nur Bücher geschleppt hat. Obwohl, das Fitnesstraining leistet dann natürlich auch gute Dienste. Jedenfalls tut einem schon mal alles weh, man war ja körperlich gefordert. Und selbst wenn das Wetter unfreundlich ist, man motiviert sich leicht. Man weiß ja was man hier tut, welchen Zweck es erfüllt und sieht am Ende ein vollbrachtes Werk.

    In der IT zu arbeiten ist wesentlich bequemer und kann mindestens eben so erfüllend sein. Dann wenn man als Scheinselbstständiger jede Stunde bezahlt weiß, einfach nach Hause gehn kann, wenn mal nichts zu tun ist, an keine Arbeitszeiten gebunden ist und man eine relevante und fordernde Aufgabe hat, deren Sinn man versteht. So hab ich es die meiste Zeit auch gehalten, mit einer Ausnahme.

    Und die sah so aus: als Unselbstständiger bei einer IT Firma angeheuert die als Verwendung ein Projekt bei einem Telekomunternehmen plante. Leider ging es dort erst einen Monat später los, weshalb ich über diese Zeit täglich 8 Stunden den Schulungsraum besagter IT Firma auzusuchen hatte. Offiziell um micht dort fortzubilden (als ob ich das nicht zu Hause hätte können), tatsächlich aber eher zum Daumen drehen. Ich litt schon am ersten Tag nach 3 Stunden unter “burn out”.
    Nach diesem endlosen Monat ging es endlich los. Leider nur war meine Stelle nicht ganz schlüssig eingeplant worden. Die Integration meiner Arbeitskraft in die bestehenden Abläufe war so gar nicht möglich, ich konnte allenfalls bei Bedarf eine Urlaubsvertretung übernehmen, oder die intergrierten Mitarbeiter beraten. Pflichtgemäß habe ich diese Problematik frühzeitig kommuniziert, worauf meine Vorgesetzten meiner Sicht zustimmten, mich aber zugleich baten diese Fehlplanung nicht an die große Glocke zu hängen.
    So konnte ich nun ein halbes Jahr in die Arbeit gehen, ohne dort überhaupt Arbeit zu haben. Bei Kosten von damals 60 Euro/h irgendwie recht ironisch. Als Angestellter sieht man netto davon freilich nur etwa ein 1/4..

    Von mir aus hätte ich gerne den Job aufgegeben. Mit dem Telekomunternehmen hätte ich mich darauf wohl auch verständigen können, nur wäre dann man eigentlicher Arbeitgeber, die IT Firma, um ihre Einnahmen umgefallen. Dort bestand man folgerichtig darauf, dass ich meinen Vertrag erfüllen soll.
    Nach einem halben Jahr hatte ich meine Zeit schließlich “abgesessen”. Mit Erfolg! Die IT Firma bot mir eine Gehaltserhöhung, zwei Kollegen boten mir an zu ihren jeweiligen Arbeitgebern zu wechseln. Zwar hatte ich monatelang nichts geleistet, aber das schien nicht weiter herauszustechen. Im Gegenteil.
    Ich freilich wollte nur mehr weg, und mich vom Nichtstun zu erholen.

    Fazit: wer keiner Tätigkeit nachgeht, einen Job nur zum schein hat, der steht ständig unter Stress. Nicht nur, dass es völlig demotivierend ist weil es keinen positiven Stress im Sinne einer Arbeitsmotivation gibt, man fühlt sich quasi auch als Betrüger. Ständig sitzt einem die (irrationale) Angst im Rücken, man könne auffliegen oder müsse sich zumindest rechtfertigen. Dass das krank macht, ist keine Fiktion sondern durchaus real..

    In einer Welt in der es an materieller Arbeitsnachfrage mangelt müssen viele nehmen was sie bekommen. Das sind häufig fragwürdige Dienstleistungen, die dem gar nicht geneigten Konsumenten aufs Auf gedrückt werden. Natürlich gibt es dabei eine Rückkopplung, natürlich versteht der Arbeitnehmer wie überflüssig das eigene Tun ist. Wenn dazu noch schlechte Bezahlung und die systembedingte Redundanz des Arbeitsplatzes hinzukommen, dann macht das krank.
    Das ist aber kein medizinisches Problem, sondern ein rein wirtschaftliches. Es nennt sich Massenarbeitslosigkeit. Ob offiziell arbeitslos oder eben “versteckt” arbeitslos, beides ist nachvollziehbar unangenehm.

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