Buch: “Die blinden Flecken der Geschichte / Österreich 1927 – 1938”

Von | 9. Oktober 2017

(ANDREAS TÖGEL) Im Zuge ihres erfolgreichen Marsches durch die Institutionen haben es die Linken geschafft, bestimmte Forschungsbereiche nahezu vollständig unter ihre Fuchtel zu bringen. Die Geschichtswissenschaft – namentlich die Zeitgeschichte – zählt dazu. Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen wird daher weitgehend von den Narrativen bestimmt, die linke Historiker – weithin unwidersprochen – in die Welt setzen.

Fünf der Mantras, die diesen von den Roten gerne – kontrafaktisch – als „Ära des Austrofaschismus“ bezeichneten Abschnitt der jüngeren Geschichte prägen, hat die Historikerin und Erfolgsautorin Gudula Walterskirchen in ihrem letzten Buch einer kritischen Prüfung unterzogen und ist, nach Berücksichtigung bisher ungenutzter Quellen, zu einer weit vom Mainstream abweichenden Beurteilung der Ereignisse gekommen.

Ob es um das Drama von Schattendorf und den damit zusammenhängenden Justizpalastbrand geht; um den „Aufstand friedlicher Arbeiter“ gegen das „faschistische“ Dollfuss-Regime; um die tatsächlichen Ziele der sozialdemokratischen Putschisten im Februar 1934; und um die Frage, welche Rolle der illegalen Nationalsozialisten dabei gespielt haben: hier wird mit kritiklos nachgebeteten Mythen abgerechnet. Das betrifft auch die Beurteilung des Einmarsches Adolf Hitlers im März 1938.

So kann etwa gar keine Rede von einem politisch motivierten Fehlurteil gegen die ruchlosen Mörder „friedlicher Arbeiter“ in Schattendorf sein, wie die Autorin anhand eingehenden Quellenstudiums und der Einschätzung prominenter Juristen nachweist. Auch war das Ziel der angeblich „demokratischen Arbeiter“, die anno 1934 (entgegen den Direktiven der eigenen Parteiführung) den von Vornherein zum Scheitern verurteilten Putsch gegen die ständestaatliche Regierung versuchten, keineswegs die Wiederherstellung der Demokratie, sondern vielmehr die Errichtung einer sozialistischen Diktatur.

Das klingt anders, als man es aus den tiefroten Geschichtsinstituten zu hören gewohnt ist. Zum Kämpfen gehören nämlich allemal zwei Parteien und niemals liegt die Schuld am Ausbruch von Feindseligkeiten allein bei einer der beiden. Das war auch 1927 und 1934 nicht anders.

An der Bewertung der Persönlichkeit des von den Sozialisten bis heute als „Arbeitermörder“ denunzierten und inbrünstig gehassten Kanzlers Dollfuss, der ein halbes Jahr nach dem roten Putschversuch von Nationalsozialisten ermordet wurde, scheiden sich bis heute die Geister. Gudula Walterskirchen formuliert eine sehr differenzierte, aber dennoch keineswegs apologetische Beurteilung seiner Politik.

Die Sozialisten haben es geschafft, die Begebenheiten der Zwischenkriegszeit in einer Weise zu deuten und den Menschen einzubläuen, dass sie bei Bedarf jederzeit dazu eingesetzt werden können, ihrer rezenten Politik Vorschub zu leisten. Die rigorose Tilgung der Namen ihr missliebiger Persönlichkeiten aus der Bezeichnung von Straßen und Plätzen, ist ein schöner Beleg dafür. Geltung und Bestand hat nur, was roter Politik dient. Der Einsatz moralischer Doppelstandards ist dabei obligat.

Wer an einem nicht ideologisch determinierten Bild Österreichs in der Zeit zwischen 1927 und 1938 interessiert ist, sollte dieses Buch gelesen haben.

 

Die blinden Flecken der Geschichte

Gudula Walterskirchen

Verlag Kremayr & Scheriau

232 Seiten, Hardcover

ISBN: 978-3-218-01063-4

22,90,- Euro

11 Gedanken zu „Buch: “Die blinden Flecken der Geschichte / Österreich 1927 – 1938”

  1. Weninger

    Das wundert aber wenig, nachdem Mussolini und die Faschisten schon 1922 die Macht in Ialien übernommen und alle linken Parteien “ausgeschalten” hatten, oder was wollen Sie damit sagen?

  2. Rado

    @Weninger
    Eben genau dass politische Gegner im Österreich der 1. Republik bereits als Faschisten betitelt wurden, noch lange bevor es hier überhaupt welche gegeben hat.
    Dürfte aber damals bei den Sozis nicht wiel anders gelaufen sein als heute.
    Randalierendes Brandschatzen in den Innenstädten von Wien bis Hamburg und false-flag Hakenkreuze auf Wände oder auf Facebookseiten schmieren, wenn man sich gerade unbeobachtet glaubt.

  3. Weninger

    Naja bereits in den frühen 20er Jahren gab es auch in Ö eine NSDAP und die Heimwehr zeigt relativ bald Sympathien für den italienischen Diktator, was in den Klerikalfschismus mündete. Dass viele Bürgerliche damals im Faschismus ein geringeres Übel als im Kommunismus sahen, ist verständlich, aber ein anderes Thema.

  4. Andreas Tögel

    Die Autorin wendet sich – mit guten Argumenten – gegen die kritiklose Übernahme der linken Kampfbegriffe “Austrofaschismus” oder “Klerikalfaschismus” als Bezeichnungen für das autoritäre Dollfuss-Schuschnigg-Regime. Nur für die Armen im Geiste von der Lückenpresse, ist alles was nicht links ist, automatisch “faschistisch” oder zumindest “faschistoid”. Rechtschaffene Menschen sollten den roten Kanaillen nicht auf den Leim gehen und ihnen den Gefallen tun, ihre Totschlagsrhetorik zu übernehmen und zu verbreiten.

  5. Weninger

    Man kann sich am Begriff Austrofschismus gerne stoßen, ändert aber nichts daran dass, das Sollfußregime ein autoritäres, an ständestaatlichen und faschistischen Ideen orientiertes Herrschaftssystem war, was es nicht schlechter als den Stalinismus, aber auch nicht so viel “besser” macht.

  6. Lisa

    @Andreas Tögel: “faschistoid” ist alles, was ein fascio bildet: also jede Zusammenrottung schwacher Einzelner mit dem Ziel “gemeinsam sind wir stark” gegen einen Feind anzutreten. Das gilt für jede Partei, und vor allem für die sog, sozialistischen, die immer noch einen “Klassenfeind” auszumachen belieben, obwohl sie der mittlerweile selbst sind…

  7. mariuslupus

    Der Faschismus lebt. Hat sich nur in Antifa verwandelt.

  8. Weninger

    @mariuslupus
    SIe wissen auch nicht was Faschismus ist, es ist vom linken Kampfbegriff zum rechten Kampfbegriff verkommen. Null Aussagekraft. Was einem nicht gefällt, ist dann halt “faschistisch”. Für den einen rechte Kuttenbrunzer, für den anderen linke Anarchisten.

  9. Weninger

    @Tögel
    “Lückenpresse” und “roten Kanaillen” sind natürlich keine Kampfbegriffe, sondern rationale Realitätsbeschreibungen?

  10. Andreas Tögel

    Ad Weniger:
    Was die roten Kanaillen betrifft: Asche auf mein Haupt. Das war zu viel des Guten. Leider gibt es keine Korrekturmöglichkeit.

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