Buch: “Die Eroberung Europas durch die USA”

Von | 28. September 2016

(ANDREAS  TÖGEL) Ältere Semester werden sich noch der kritischen Berichterstattung über die USA entsinnen, als die in Vietnam einen schmutzigen Krieg führten. Antiamerikanismus war damals en vogue. 40 Jahre nach Kriegsende hat sich das Blatt entscheidend gewendet: Während die USA und ihre Verbündeten die Hand an der Wiege so gut wie jeden Unruhe- und Kriegsherdes zwischen dem Fernen Osten und Nordafrika haben, fällt ausgerechnet Russland – und insbesondere „Zar“ Putin – die Rolle des alleinigen Gottseibeiuns dieser Welt zu.

Ein differenziertes Bild der russischen Politik zu zeichnen oder gar Kritik am aggressiven Interventionismus der USA und der NATO zu üben, ist strengstens verpönt. Wer es dennoch wagt, wird umgehend als „Putin-Versteher“, Totalitarist und Demokratiegegner diffamiert. Die dabei flächendeckend zur Anwendung kommenden, moralischen Doppelstandards sind mehr als bemerkenswert: So ist etwa längst vergessen, dass im Zuge der Balkankrise rund um den Status des Kosovo, auf eine europäische Hauptstadt (Belgrad) westliche Bomben fielen. Dagegen ist die „Annexion“ der Krim durch Russland (in Wahrheit war es eine friedvolle Sezession von der Ukraine, die von einer überwältigenden Bevölkerungsmehrheit gewünscht wurde!), bei der kein einziges menschliches Opfer zu beklagen war, für die gleichgeschalteten Westmedien ein unerhörter Skandal, der angeblich geeignet sein soll, den internationalen Frieden zu gefährden. Dass die NATO seit dem Zerfall der Sowjetunion alles daran setzt, Russland militärisch einzukreisen und wirtschaftlich zu destabilisieren, ist keine Zeitungsmeldung wert.

Der Autor schildert die Ereignisse vor, während und nach dem Putsch gegen die russlandfreundliche, rechtmäßig amtierende Regierung der Ukraine und deren Ersatz durch einen Klüngel vom Westen unterstützter Oligarchen. Man sieht sich unwillkürlich an das Jahr 1953 erinnert, als im Iran die unerwünschte Regierung Mohammad Mossadeghs von westlichen Geheimdiensten weggeputscht wurde.

Dass die durch einen Coup d´état an die Macht gelangte, westlich orientierte Regierung der Ukraine, im Osten des Landes einen brutalen Krieg gegen die eigene Bevölkerung führt, wird geflissentlich ausgeblendet. Das wirft die Westpresse dafür umso hartnäckiger dem Staatschef Syriens vor, der den Interessen der USA im Wege steht.

Wer Zbigniew Brzezińskis Buch „Die Einzige Weltmacht“ gelesen hat, weiß, dass es in der Ukraine um nichts anderes als um Geopolitik geht (der Mann war Berater der Präsidenten Johnson und Carter und ist bis heute als „Mastermind” hinter der US-Außenpolitik anzusehen). Für die USA ist es nämlich entscheidend, die Bildung eines stabilen eurasischen Blocks zu unterbinden. Einen Keil zwischen Russland und Westeuropa zu treiben, ist dafür unerlässlich. Das ist keine Verschwörungstheorie. Es ist vielmehr in Brzezińskis Opus Magnum, das auch heute noch das Credo der US-Geopolitik bedeutet, minutiös nachzulesen.

Dass die militärisch impotente EU sich – zum wirtschaftlichen und politischen Schaden ihrer eigenen Bürger – sklavisch in den Dienst der von Brzeziński beschriebenen Weltmachtambitionen der USA stellt, ist geradezu deprimierend.

 

Die Eroberung Europas durch die USA

Zur Krise in der Ukraine

Wolfgang Bittner

Verlag Westend

191 Seiten, broschiert                                                              

ISBN: 978-3-86489-120-5

14,99,- Euro

8 Gedanken zu „Buch: “Die Eroberung Europas durch die USA”

  1. sokrates9

    Unglaublich welcher erfolgreiche Wirtschaftskrieg die USA derzeit gegen Europa führen! Die Iraner wollten
    nach Aufhebung der Sanktionen nun Airbus bestellen! Die USA untersagt das: Sie haben US – Produkte zu kaufen! Was macht Merkel??

  2. Thomas F.

    Die interventionistische amerikanische Sicherheitspolitik – so kritisch man diese auch sehen mag – zu vergleichen mit Putins Eroberungskriegen ist einfach nur lächerlich, eine kindische Ahnunglosigkeit, die hier zu Tage tritt.

  3. vater dreier entzückender kinder

    @Thomas F.: welche Territorien genau hat Putin militärisch und gegen autochthonen willen erobert?

  4. Andreas Tögel

    Verehrter Thomas F., da ich stets begierig bin dazuzulernen, wäre ich dankbar, etwas über Putins “Eroberungen” von Ihnen zu erfahren. Seit sich die Russen 1989 aus Afghanistan zurückgezogen haben, war ihre Armee nicht mehr viel auf Auslandstouren unterwegs. Die Krim war bis 1948 immer russisch und wurde von Chrustschow offenbar im Vollrausch an die Ukraine verschenkt (was zu Zeiten der selig entschlafenen SU allerdings auch keine große Rolle spielte). Hier kam also letzthin “heim ins Reich”, was ohnehin seit jeher dazugehörte. Ohne dass dabei ein scharfer Schuss abgegeben worden ist, wohlgemerkt!

    Den US-Truppen kann man so viel Zurückhaltung nicht bescheinigen. Die sind aktuell an gleich mehreren Brennpunkten im Massenvernichtungsgeschäft tätig (dessen Kollateralschäden stets von Europa auszubaden sind). Von Hundertschaften ohne Gerichtsverfahren mittels von Präsident Obama höchstselbst angeordneten Drohneneinsatzes Getöteten (oft genug unbeteiligte, friedliche Zivilisten), ganz zu schweigen.

    “Lächerliche Ahnungslosigkeit”? Auf wessen Seite wohl? Übrigens: Meine Sympathien für den Kremlchef sind genauso stark ausgeprägt wie jene für Obama, Hollande, Merkel, Kern und all das übrige linke Politgesindel dieser Welt. Sie liegen bei exakt nullkommajosef.

  5. Andreas Tögel

    Wenn erst einmal der Wurm drin ist, dann aber gründlich :-(: 1954 kam die Krim an die Ukraine…

  6. B. Wieland

    Sehr geehrter Herr Tögel, die 14,99 Euro kann sich jeder Leser sparen, wenn er täglich “RT Deutsch” sieht. Dort bekommt er die russische Propaganda wenigstens umsonst. Als ich Ihre Argumentation zur Krim-Annexion als “einer friedvollen Sezession von der Ukraine” las, dachte ich im ersten Augenblick, es handle sich um eine Satire. Ich befürchte aber, Sie meinen das wirklich ernst – vermutlich so ernst wie einstmals der “friedvolle Anschluss” Ihrer Heimat ans Reich. Eine völkerrechtlich akzeptable Sezession muss möglich sein – aber bitte nicht erst, nachdem kleine grüne Männchen Fakten geschaffen haben, die anschließend von einer in weiten Teilen manipulierten Abstimmung legitimiert werden sollen. Dies ist übrigens nicht der Befund der “gleichgeschalteten Westmedien”, sondern des “Menschenrechtsrats beim Präsidenten der Russischen Föderation”.

  7. Andreas Tögel

    Verehrte(r) B. Wieland, Grüne Männchen hin oder her – Faktum ist, dass es auf der Krim keine Toten gab. Trotzdem: Ein fluchwürdiges Staatsverbrechen – kein Zweifel. Wenn aber die Amerikaner intervenieren – ob In Afghanistan, im Irak, in Syrien, in Libyen oder am Balkan, wurscht wo – bleiben stets Tausende Leichen liegen (“chirurgische Militärschläge” nennt man das dann), was allerdings hierzulande (und in anderen US-Kolonien) kein Schwein zu stören scheint . Sind diese Toten etwa nicht bedauernswert, weil sie im Namen des Leuchtfeuers der Demokratie, “gods own county”, gestorben sind?

    Wenn man den Russen vorwirft, “Propaganda” zu betreiben (was sie fraglos tun), sollte man dabei aber nicht vergessen, wer dieses Mittel der modernen Kriegsvorbereitung und -Führung zur schönsten Blüte gebracht hat und pausenlos hemmungslos einsetzt. Wer in den letzten Jahren einmal im Kino gewesen ist oder westliche Sender gesehen/gehört hat, sollte es wissen. Dagegen sind die Russen plumpe Anfänger.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.