Buch: „Gefangener 2959 – Das Leben des Heinrich Maier“

Von | 3. April 2021

(ANDREAS TÖGEL) Wenn von den Verbrechen der Nationalsozialisten die Rede ist, dann geht es meist um die Kriegsschuld und den Holocaust. Tausende tragische Schicksale einzelner, oft heldenhafter Widerstandskämpfer fallen meist unter den Tisch. Dieses Buch ist einem dieser vergessenen Helden gewidmet – dem in Wien Hernals wirkenden Pfarrer Heinrich Maier.

Der Autor legt keine herkömmliche Biographie vor, sondern eine in mehrere, voneinander unabhängige Teile gegliederte Arbeit. Der Hauptteil schildert das knappe Jahr von der Verhaftung Maiers bis zu seiner Hinrichtung im März 1945, wobei er sich auf Gestapo-Protokolle und Aussagen von Weggefährten Maiers stützt. Dabei versetzt Bernhard Kreutner sich einfühlsam in die Lage und die Gedanken des Seelsorgers, dem Vorbereitung zu Hochverrat, Feindbegünstigung und Spionage vorgeworfen werden. Maier gehörte einer Widerstandsgruppe an, die den Alliierten über Auslandskontakte die Standorte kriegswichtiger Ziele nannte. Die Infiltration einer amerikanischen Geheimdienstorganisation durch die Deutsche Abwehr wurde der Gruppe zum Verhängnis.

Es entsteht das Bild der gut geschmierten Maschinerie eines Systems, das seine Macht u. a. auf unzählige Mitläufer und Denunzianten stützt. Das Gefühl, man könnte jederzeit ausgespäht und wegen regimekritischen Verhaltens verraten werden, macht die Menschen gefügig. „Helden sind selten“ – wie wahr!

Ein zweiter Teil ist als Kurzbiographie angelegt, der die wichtigsten Etappen im Leben des 1908 geborenen Priesters schildert. Danach widmet sich der Autor einer Darstellung der Lebensumstände in der „ältesten Ostmark des Reiches“, wie sie nach dem „Anschluss“ im Jahr 1938 in Österreich herrschten. Der Bewältigung der Niederlage anno 1945 und der harten Zeit danach (der Osten des Landes stand immerhin zehn lange Jahre lang unter Sowjetbesatzung), ist der Schlussteil gewidmet. Österreich als das „erste Opfer der Hitler´schen Aggression“ (so die Moskauer Deklaration von 1943) wurde zum Gründungsmythos und alles beherrschenden Narrativ der Nachkriegszeit.

Viele junge Menschen neigen heute dazu, vom hohen Ross herab über die Altvordern zu richten, die damals einfach weggeschaut und dem Unrechtsregime keinen Widerstand entgegengesetzt haben. In Zeiten, in denen man sich unentwegt über allerlei „Mikroaggressionen“ und Luxusprobleme aller Art sorgt, weil es einfach keine „Makroaggressionen“ und Traumata gibt – wie zum Beispiel einen von beiden Seiten auch gegen die Zivilbevölkerung geführten, gnadenlosen Bombenkrieg – fällt das allzu leicht. Helden wie Pfarrer Maier, die unter Lebensgefahr gegen das Unrecht kämpften, waren und sind indes zu allen Zeiten rar.
Ein wichtiges Buch.

Gefangener 2959: Das Leben des Heinrich Maier
Mann Gottes und unbeugsamer Widerstandskämpfer
Bernhard Kreutner
Ecowin-Verlag, 2021
256 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-7110-0253-2
23,55,- Euro

 

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