Buch: “Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung”

(ANDREAS TÖGEL) Was ist zu erwarten, wenn die Redakteurin eines prononciert linken Blattes (der „taz“) – noch dazu eine, die über keinerlei wirtschaftsrelevante Ausbildung verfügt – ein Buch über den Kapitalismus schreibt? Nicht mehr und nicht weniger als das, was hier vorliegt: Ein ohne erkennbares Verständnis für die Fundamente der Volkswirtschaftslehre geschriebenes Pamphlet wider den Markt und für eine bürokratisch gelenkte Kommandowirtschaft.

Besonders ärgerlich dabei ist, dass der Titel etwas völlig anderes vermuten lässt. Der lässt ja immerhin darauf hoffen, nicht schon wieder eine Kampfschrift gegen jenen „Neoliberalismus“ vor sich zu haben, dem kein Mensch je auf freier Wildbahn begegnet ist. Doch das ist eine grobe Fehleinschätzung. Um eine Verteidigung des Kapitalismus geht es der aus allen Poren Gemeinwirtschaft ausdünstenden Autorin ja eben nicht! Bei einer Staatsquote von 50%+ den „Neoliberalismus“ am Werk zu sehen, ist indes grotesk.

Dass die gelernte Historikerin es schafft, in einem Buch, das sich als Erklärungshilfe für Alternativen zur „Neoklassik“ versteht, keinen einzigen Vertreter der “Österreichischen Schule” (z. B. Böhm-Bawerk, Mises, Wieser, Rothbard, Hoppe) oder einen deren Vorläufer (wie Frédéric Bastiat) zu zitieren – von einer eher abwertenden, verschwörungstheoretischen Nennung F. A. Hayeks abgesehen, verrät ein beachtliches Maß an Einseitigkeit und/oder Ignoranz.

Auch dass die Wirtschaftswissenschaft erst mit Adam Smith, der hier kontrafaktisch zu einem Frühsozialisten verklärt wird, begonnen habe (und somit die spätscholastische Schule von Salamanca glatt unter den Tisch fallen gelassen wird), bestätigt die alte Weisheit: „Schuster, bleib bei deinem Leisten“.

Geradezu skurril mutet es an, wenn Frau Herrmann einen der Architekten des deutschen “Wirtschaftswunders” der Nachkriegszeit, Ludwig Erhard, als unterbelichteten, narzisstischen Hanswurst hinstellt, der Schwierigkeiten hatte, den von ihm angeblich abgesonderten Unsinn selbst zu verstehen. Spätestens an diesem Punkt sollte auch dem unbedarften Leser klar werden, dass es der Autorin nicht um eine objektive Annäherung ans Thema geht, sondern um die Diffamierung des Freimarktgedankens und die Beweihräucherung planwirtschaftlicher Ideologie. Zudem gibt sie zu erkennen, dass sie die zentrale Bedeutung wirtschaftlichen Wettbewerbs (zwecks Steigerung des kollektiven Wohlstands) nicht verstanden hat.

Um auch das Positive zu nennen: Jene Passagen, die sich mit dem historischen Hintergrund der Ereignisse beschäftigen und die Kurzbiographien der vorgestellten Protagonisten, sind nicht uninteressant zu lesen. Insgesamt jedoch gilt: Das Leben ist zu kurz, um es mit der Lektüre hochgradig entbehrlicher Schriften zu verplempern. Das hat sich ja schon der Rezensent angetan…;-)

 

Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung

Ulrike Herrmann

Verlag Westend, 2016

287 Seiten, broschiert

86489-141-0

18,- Euro

5 comments

  1. Kluftinger

    Solche Autoren haben wir auch in Österreich – mit ähnlichen Ergebnissen. Schreibt in diesem Fall sehr oft im Standard und wurde in der NZZ schon arg zerrissen.
    Aber der Titel erinnert mich an einen Ausspruch von BP Gauck auf die Frage wie er zum Kapitalismus stehe:
    “Keinen Kapitalismus, das hatten wir schon” und damit eine pointierte Aussage über die DDR getroffen.

  2. Selbstdenker

    Die Linken arbeiten ganz gezielt mit Kampfbegriffen.

    Ohne, dass die zugrundeliegenden Thesen jemals belastbar wären, zitieren und “bestätigen” sie sich gegenseitig. Man beachte dabei die Fokussierung auf die Zählung wie oft ein bestimmter Begriff in Wissenschaft, Politik und Medien gebraucht wird.

    Den Kampfbegriff “Neoliberalismus” sollte einmal mit wissenschaftlichen Methoden aus einer unpolitischen Sicht analysiert werden. Es ist korrekt, wenn Andreas Tögel schreibt, dass der “Neoliberalismus” in der Realität nirgends anzutreffen ist.

    Den Linken geht es nicht um eine möglichst treffende Beschreibung der Realität und in ihr bestehende Zusammenhänge; hier wären die meisten Diskussionen – sofern sie überhaupt zugelassen werden – mit Linken recht schnell erledigt.

    Um was es den Linken geht, ist eine verzerrte Wahrnehmung der Realität, so dass sie ihre linken politischen Ziele umsetzen können. Auf einer unpolitischen Ebene von objektiven Fakten und methodisch abgesichert ermittelten Gesetzmäßigkeiten können die Linken mittel- bis langfristig nie gewinnen – und das wissen auch ihre ideologischen Vorbeter.

    Im Sinne von Hegel ist der Begriff “Neoliberalismus” die These auf die mit der Anti-These “Neoprogressivismus” geantwortet werden müsste um das politisch definierte Ziel von “Gleichheit” zu erreichen.

    Der “Neoliberalismus” ist allerdings lediglich ein Phantom, während der Neoprogressivismus täglich mehr an Gestalt annimmt. Es geht den Linken – wie eher naive Zeitgenossen vermuten – nicht um den Machtausgleich, sondern um die dauerhafte Machtübernahme.

  3. mariuslupus

    Finde ich gut dass es noch standhafte und unerschütterliche Menschen gibt, die es verkraften solche Bücher zu lesen, und auch noch darüber zu schreiben.
    Meine Annerkennung, Herr Tögel

  4. Selbstdenker

    Bei bestimmten Themen kann man die Sekunden rückwärts zählen, bis sich der Kollege “Karl Mark” einschaltet. Es geht dann um die Absicherung von Kampfbegriffen, bislang unhinterfragt gebliebenen Grundannahmen bzw. dem (linken) Narrativ.

    Eine Art Begriffs-, Prämissen- und Narrativ-Blockwart, der regelmäßig durch die verwinkelten Gassen vom Internet schleicht und sicherstellen möchte, dass der dumme, “rechte Pöbel” ja nicht auf falsche Gedanken kommt.

    Statt einem Phaser oder einer Glock stecken die Nazi-, Rassismus- und Sexismus-Keulen in seinem Hoster. Dabei geht es nicht darum, einen realen Nazi beim Rumgrölen einschlägiger Parolen oder beim Verprügeln fremd aussehender Mitbürger zu stoppen, sondern um die Einschüchterung von Leuten, die eventuell auf (aus linksradikaler Sicht) falsche Gedanken kommen könnten.

    Es gibt nämlich eine Reihe von Themen, bei denen die Linken keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen würden, wenn sich tatsächliche Gegebenheiten in der breiten Masse von Leuten, die weder den zweiten Weltkrieg noch den jeweils aktuellsten Systemzusammenbruch einer linken Utopie hautnah miterlebt haben, ungefiltert rumsprechen würden.

  5. Selbstdenker

    Sorry, meinte natürlich nicht den “Hoster”, sondern den “Holster” ;-P

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