Buchbesprechung: “Aufstieg und Niedergang von Nationen”

(ANDREAS TÖGEL) Die englischsprachige Erstausgabe des vorliegenden Buches wurde bereits 1982 vorgelegt. Mancur Olsons Werk zählt zu jenen, die auch Jahrzehnte später nichts von ihrer Bedeutung und Aktualität eingebüßt haben. Wenn auch der Titel manche Leser einen etwas anderen Inhalt erwarten lässt, so ist der dennoch höchst interessant.

Ausgehend von der Diagnose der „englischen Krankheit“ – einem in Großbritannien extrem schwachen Wirtschaftswachstum nach dem Zweiten Weltkrieg – spürt der Autor den Ursachen dieses Phänomens nach, formuliert einen Katalog von Schlussfolgerungen aus seinen Beobachtungen und unterzieht diese, soweit das im Bereich der Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften möglich ist, einer empirischen Überprüfung. Ergebnis: seine Thesen werden von der Empirie bestätigt.

Kurz zusammengefasst lautet seine zentrale Mutmaßung, dass in über längere Zeit hinweg stabilen Gesellschaften, die von Kriegen, Bürgerkriegen und sonstigen Katastrophen verschont bleiben, eine Tendenz zur Ausbildung von Sonderinteressengruppen, Kartellen und „Kollusionen“ besteht. Die Aktivitäten jeder einzelnen dieser Organisationen (beispielsweise Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände) neigen dazu, im Zuge der rigorosen Beförderung ihrer Gruppeninteressen, die Gesamtproduktion einer Volkswirtschaft (das BIP) zu verringern. Anders gesagt: das Streben nach einer Vergrößerung des eigenen Anteils am Kuchen geht mit einer Verkleinerung des gemeinsam produzierten Kuchens einher.

Das Beispiel Englands nach dem letzten Weltkrieg ist – im Vergleich zu den Verlierermächten Japan und Deutschland – signifikant: während die beiden letzteren im Jahre 1945 faktisch auf einer „Tabula rasa“ neu aufsetzen mussten, blieb in England im Grunde alles so wie es vor dem Kriege war. Die bereits bestehenden Sonderinteressenverbände – namentlich die Gewerkschaften – wirkten in ihrer Eigenschaft als Besitzstandwahrer als Entwicklungs- und Fortschrittsbremser. Erst der Wahlerfolg der vom liberalen Wirtschaftskonzept F. A. Hayeks überzeugten Margaret Thatcher eröffnete die Möglichkeit zur Beseitigung der Lähmung des Landes mittels einer Überwindung der übermächtigen Gewerkschaften.

Olson räumt mit mehreren immer wieder aufkommenden Irrtümern und Missverständnissen auf – etwa dem, wonach die Deutschen einfach fleißiger wären als die Briten und sich deshalb eines stärkeren Wirtschaftswachstums erfreuten. Dem steht die Tatsache entgegen, dass die industrielle Revolution ihren Ausgang in England nahm, das bis weit über die Mitte des 19 Jahrhunderts hinaus deutlich stärkere Wachstumsraten aufwies als der Rest Europas. Warum sollten die bis dahin offenbar fleißigen Engländer plötzlich der kollektiven Faulheit verfallen?

Auch der immer wieder als Vorteil genannte Umstand, dass in Deutschland nach 1945 alles in Trümmern lag und man daher mit völlig neuen Anlagen starten konnte, erweist sich als unlogisch. Über alte Maschinen und Anlagen verfügen zu können, ist doch allemal besser, als gar keine zu besitzen. Sich vorzustellen, dass eine Volkswirtschaft davon profitieren könnte, dass sie all ihre Industrien mutwillig zerstört, um dann neu beginnen zu können, ist tatsächlich abwegig.

Der Autor untersucht die Thesen von Neoklassikern, Keynesianern und Monetaristen (erwähnt allerdings die der „Österreichischen Schule“ mit keinem Wort) und stellt fest, dass keine der untersuchten Theorien das Phänomen der unfreiwilligen Arbeitslosigkeit befriedigend zu erklären vermag. Das hat nach seinem Urteil damit zu tun, dass das wachstumshemmende und damit beschäftigungsdämpfende Element von Angebots- Und Nachfragekartellen in der herrschenden Lehre völlig ausgeblendet bleibt.

Den Sozialisten in allen Parteien ins Stammbuch geschriebenes Fazit: „Die beste makroökonomische Politik ist eine gute mikroökonomische Politik. Es gibt keinen Ersatz für eine offene und kompetitive Umwelt.“ Dem ist in der Tat nichts hinzuzufügen.

Aufstieg und Niedergang von Nationen
Mancur Olson
Verlag Mohr Siebeck
328 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-16-148523-7
34,- Euro

One comment

  1. Rennziege

    Bei aller Liebe, Herr Tögel: Zu diesem Thema reichen mir die Bücher und nach wie vor gültigen Gedanken Friedrich August von Hayeks, gern im englischen Original. Da brauch’ ich keine Schwarte eines obskuren Briten, vermutlich (wie so viele Sachbücher) linkisch ins Deutsche übersetzt. Herzliche Grüße!

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