Buchbesprechung: “Der Grosse Krieg”

(A. TÖGEL)  Ein großartiges Buch, dessen deutschsprachiger Titel allerdings falsche Erwartungen weckt. Auch der englische Originaltitel, “To end all wars: A story of loyalty and rebellion” ist nicht ganz korrekt. Was nämlich auch darin unerwähnt bleibt ist, dass sich der Autor fast ausschließlich auf die britische Seite der am Krieg beteiligten Nationen konzentriert. Daß der Text nicht aus der Feder eines Historikers, Militärs oder Politikwissenschaftlers, sondern aus der eines Journalisten stammt, ist unübersehbar, liefert aber keinen Grund zur Kritik.

Hochschild schlägt einen weiten Bogen von den britischen Feldzügen gegen die wilden Haufen des Mahdi im Sudan und gegen die Buren in Südafrika, bis zur Zeit nach der Beendigung jener europäischen Tragödie, die Thema seines Buches ist. Was diese Arbeit von anderen Büchern zum Ersten Weltkrieg unterscheidet, ist die ausführliche Beschäftigung mit dem Schicksal von Persönlichkeiten, die an der „Heimatfront“ gewirkt haben – sei es als glühende Chauvinisten und Kriegsapologeten (wie einige sehr bekannte britische Literaten, etwa Conan Doyle, Galsworthy oder Kipling) oder aber als überzeugte Kriegsgegner. Unter letzteren fanden sich so gut wie ausschließlich Linke, von prominenten Suffragetten über Gewerkschaftsfunktionäre bis zu Wissenschaftlern vom Kaliber eines Bertrand Russel.

Dass die Beurteilung des britischen Engagements auf dem Kontinent nicht nur zu heftigen Debatten auf dem politischen Parkett, sondern auch zu Zerwürfnissen innerhalb vieler Familien geführt hat, wird am Beispiel eines Geschwisterpaares deutlich: Während John French als Kommandeur des britischen Expeditionskorps in Frankreich diente, engagierte sich seine Schwester Charlotte bei den Suffragetten und agitierte unermüdlich gegen die Teilnahme Großbritanniens an diesem Krieg.

Bemerkenswert ist, dass sowohl die Militärs der Westalliierten als auch die der Deutschen hinsichtlich der überragenden Bedeutung des Maschinengewehrs im Stellungskrieg einer totalen Fehleinschätzung erlagen. Diese relativ neue Waffe (die bis dahin von beiden Seite nur gegen schlecht ausgebildete und ausgerüstete Gegner in den Kolonien, nicht aber im Kampf gegen moderne Armeen eingesetzt worden war), nicht aber die bis dahin oft schlachtentscheidende, nun aber so gut wie nutzlose Kavallerie – verlieh in dieser bis dahin ungekannten Art von Krieg dem jeweiligen Verteidiger entscheidende Vorteile.

Wie sehr der Krieg das Denken von im Frieden vollkommen normalen, anständigen Menschen vergiftete; Welch ungeheuren Hass auf feindliche Kollektive er entfesselte; Welch unglaubliches Leid und Grauen er über alle Beteiligten brachte, wird in vielen Passagen dieses Werkes deutlich. Der Autor lässt, wiewohl er die Kriegsschuld primär den Achsenmächten zuordnet, keinen Zweifel darüber aufkommen, dass der Versailler „Friedensvertrag“ die Grundlage für die 20 Jahre später beginnende, noch schlimmere Tragödie des Zweiten Weltkriegs bildete (wie hellsichtige Beobachter auf Seiten der Siegermächte schon damals voraussagten). Daß die Sympathie des Autors für die Linke einerseits und die westlichen Alliierten andererseits immer wieder durchblitzt, mindert den Wert des Buches nicht…

 

Der Grosse Krieg

Adam Hochschild

Klett-Cotta-Verlag, 2013

525 Seiten, gebunden

ISBN 978-3-608-94695-6

€ 26,95,-

Tagebuch

4 comments

  1. Mona Rieboldt

    Wo ist eigentlich der Unterschied zwischen der Kriegsrhetorik von damals und heute? Vor kurzem noch schrieben viele Journalisten davon, der Westen müsse gegen Russland aufrüsten und Putin als Teufel, der versuche, sich die baltischen Staaten, Polen etc. anzueignen. Und wäre die Nato in der Lage gewesen, hätte sie auch einen Krieg mit Russland (genannt Putin) begonnen. Dass es vor allem um wirtschaftliche US-Interessen geht in der Ukraine, wurde von diesen Journalisten, die so nach Aufrüstung riefen, verschwiegen. Und ähnlich wird es auch vor dem I. Weltkrieg gewesen sein.

  2. Rennziege

    1. Juli 2014 – 11:28 Rado
    Danke, hochinteressant und neu für mich!
    Allein schon die (gottlob von der Nationalbibliothek behütete) Tatsache, dass es damals im Habsburgerreich 45 Tages- und etliche Wochenzeitungen in allen Sprachen der Monarchie gab, raubt mir den Atem. Und da waren ja noch echte Journalisten am Werk, nicht bloß Agentur- und Internetkopisten, von eleganter und unverschwurbelter Sprachbeherrschung ganz zu schweigen.

  3. Rado

    Oh Danke!
    Dann vielleicht noch ein Tipp?
    Beim Oesterreichischen Milizverlag ist so ziemlich alles gut, was zum 1.WK erschienen ist. Besonders die Kriegstagebuecher.
    http://www.miliz.at

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