Buchbesprechung: “Mit dem Koran ist kein Staat zu machen”

(ANDREAS TÖGEL) Das Buch stammt aus der Feder des von 2012 bis 2017, zur Zeit des „Arabischen Frühlings“, in Tunis/Tunesien stationierten österreichischen Botschafters Gerhard Weinberger. Im ersten Teil schildert er die herrschende Situation zum Zeitpunkt seiner Ankunft: Die „Ennahda“, eine „moderat“ islamistische Partei, hatte, nach dem Ende der von Zine el-Abidine Ben Ali geführten Diktatur, im Jahr 2011 die Wahlen mit großem Abstand vor ihren Wettbewerbern gewonnen und eine Dreierkoalition gebildet. Ab 2012 begann sich der Terror salafistischer Extremisten zu verstärken, die mit der Ennahda gemeinsame Sache machten und arbeitsteilig an der Islamisierung des Landes arbeiteten.
Nachdem die Lage sich immer weiter zugespitzt hatte, erkannten die „Moderaten“, dass sie die Zusammenarbeit mit den Salafisten beenden mussten. Nach massiven Unruhen und einem von der Gewerkschaft angedrohten Generalstreik, kam es zu einer alle Parteien umfassenden Vereinbarung über den künftigen Kurs des Landes: Die Regierung sollte, zeitgleich mit der Präsentation einer neuen Verfassung, zurücktreten und Neuwahlen ausschreiben. Das Tauziehen über die Details zog sich bis ins Jahr 2014 hin und endete, nach einem von allen Seiten akzeptierten Kompromiss, mit einem gemeinsam im Parlament zelebrierten Festakt. Die neue Verfassung sieht eine zivile Verwaltung sowie die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau vor (!) und nimmt keinerlei Bezug auf die Scharia.
Die in Tunesien bestehende Kluft zwischen Reformern und Fundamentalisten schätzt der Autor als kennzeichnend für die gesamte islamische Welt ein, deren Krise bereits im Jahr 1798, mit dem Einmarsch napoleonischer Truppen in Ägypten begann. Damals, als ein paar hundert französische Soldaten das Land problemlos erobern konnten, wurde der Welt des Halbmonds schlagartig klar, dass man gegen die Macht des Abendlandes über keinerlei wirksamen Mittel verfügte. Seit damals besteht eine Dichotomie von modernistischen Reformkräften, die sich am Westen orientieren und dessen gesellschaftlichen und technisch-wirtschaftlichen Errungenschaften teilen wollen und Konservativen, die zurück zu den Wurzeln wollen – also zurück zum von Mohammed begonnenen Dschihad.
Während die Reformation im Abendland, die lutherische Besinnung aufs Evangelium, zu einer massiven Erschütterung der Kirchenmacht geführt hatte, würde eine Reformation – also ein Zurück zum Kern des heiligen Schrifttums – in der islamischen Welt die Kleriker entscheidend stärken. Da der Koran das Mohammed geoffenbarte Wort Allahs enthält, ist seine Anpassung an die Moderne undenkbar. Denn das Wort Allahs gilt für alle Zeiten. Der Autor ist folglich, wie auch viele tunesische und aus anderen Teilen der islamischen Welt stammende Intellektuelle, von der absoluten Inkompatibilität des Islam mit liberalen abendländischen Werten überzeugt. Fazit: Mit dem Koran ist kein Staat zu machen – jedenfalls kein moderner.

Mit dem Koran ist kein Staat zu machen
Gerhard Weinberger
Verlag: myMorawa 2018
178 Seiten, broschiert
ISBN: 378-3-99070-718-0
18,- Euro

6 comments

  1. sokrates9

    Hoffentlich ist Weinberger schon in Pension! Berichte von Experten über den Islam oder afrikanische Atomwissenschaftler die nach Europa wollen sind ja bekanntlich in der ÖVP verpönt!

  2. Andreas Tögel

    Bei der ISBN-Nr. ist mir ein Tippfehler unterlaufen. Eric hat recht: 978-3….
    Lt. eigenen Aussagen (Weinberger hat sein Buch vorige Woche im CUL vorgestellt) genießt er innerhalb des diplomatischen Korps eine gewisse Narrenfreiheit. Und die Ministerin (immerhin eine gelernte Arabistin und Kennerin der islamischen Welt) hat ihm zu seinem Buch gratuliert. Unter einem roten Minister würde es fraglos anders ausschauen.

    Wie dem auch sei: Je mehr man sich (als seinen eigenen Verstand gebrauchender Kafir) mit dem Islam befasst, desto kritischer wird die Einstellung dazu. Höchste Zeit, dass das vormals christliche Europa langsam erkennt, welche Gefahr für die Freiheit mit der Massenmigration aus der Welt des Halbmondes dräut.

  3. Rado

    Klingt lesenswert. Aber um die Kritikfähigkeit zum Islam zu erreichen, muss man es zuerst mit den Türöffnern der christlichen Amtskirchen aufnehmen.

  4. astuga

    Herr Weinberger scheint eine wirklich sachkundige Person zu sein und somit ein lesenswertes Buch.

    Der Nobelpreisträger Elias Canetti in Masse und Macht (Kapitel 3.6 Der Islam als Kriegsreligion): Doch wenn die Tage des Friedens vorüber sind, tritt der Glaubenskrieg wieder in sein Recht.
    »Mohammed«, sagt einer der besten Kenner* des Islams, »ist der Prophet des Kampfes und des Krieges… Was er zunächst in seinem arabischen Umkreise getan, das hinterläßt er als Testament für die Zukunft seiner Gemeinde: Bekämpfung der Ungläubigen, die Ausbreitung nicht so sehr des Glaubens als seiner Machtsphäre, die die Machtsphäre Allahs ist. Es ist den Kämpfern des Islams zunächst nicht so sehr um Bekehrung als um Unterwerfung der Ungläubigen zu tun.«

    *Canetti meinte damit Ignaz Goldziher, Vorlesungen über den Islam

  5. Johannes

    Egal in Europa wird nur nach Emotion, Bauch und Zeitgeist beurteilt und da kommen die meisten Politiker und Medien-Intellektuellen zu einem anderen Schluss.
    Nämlich zu jenem das er sowohl zu uns gehört -der Islam – oder zumindest das was sich diese Herrschaften darunter vorstellen.

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