Buchbesprechung: “Wir sind alle Amerikaner”

(A. TÖGEL)  Die zentrale These des Autors Anton Pelinka, seines Zeichens prominenter österreichischer Politikwissenschaftler, lautet: Im gleichen Maße, in dem das politische, wirtschaftliche und militärische Gewicht der Supermacht USA abnimmt, gewinnt der „American way of life“ immer größere Bedeutung – weltweit. Nicht die USA orientieren sich an Europa oder Asien. Rund um den Globus will man sein wie in Amerika. Bei aller, zum Teil recht vehementen Kritik, wird doch stets am US-Vorbild Maß genommen. Flüchtlingsströme verlaufen bevorzugt in Richtung USA, nicht etwa aus den USA heraus. Es muss also schon einiges am dort praktizierten System stimmen. Wer – wo auch immer – geboren ist, daheim kaum Chancen sieht, aber es aus eigener Kraft zu etwas bringen will, der geht in die USA – nicht etwa nach Europa, wo so viele (aus Unkenntnis oder Selbstüberschätzung) mit größter Verachtung auf die „kultur- und geschichtslosen Amis“ hinunterblicken.

 

Lediglich Teile der islamischen Welt grenzen sind heute noch vom „dekadenten Westen“, dem von den USA über den Globus verbreiteten Art zu Denken und zu Handeln ab – ja gehen sogar in entschiedene Opposition dazu.

Mit viel Sachkenntnis (gelegentlich allerdings auch allzu kritiklos und bewundernd) beschreibt Pelinka das politische System der „Checks and Balances“ in den USA, die Emanzipation der schwarzen Minderheit und die aktuelle Bevölkerungsentwicklung, die auf den Verlust der Mehrheit der Weißen im Lande zusteuert. Der Autor diagnostiziert beiderseits des Atlantiks eine „Feminisierung von Politik und Gesellschaft“. Daß diese allerdings nicht nur an einer zunehmenden Kopfzahl weiblicher Akteure in leitenden Positionen zu messen ist, sondern auch mit einer unübersehbaren Linksdrift und kollektiver Sozialdemokratitisierung verbunden ist, vergisst er zu erwähnen. Pelinkas eigener politischen Positionierung ist es wohl geschuldet, dass er die sich damit auftürmenden Probleme der Staatsfinanzierung und des Verlustes an individueller Freiheit nicht thematisiert.

Das Buch liefert eine eher unkritische Analyse aus der Sicht des linksliberalen Mainstreams. Pelinka bietet in einigen Passagen interessante Perspektiven, aber kein „Aha-Erlebnis“. Fazit: Leicht lesbare Kost ohne allzu großen Erkenntniswert.

 

Wir sind alle Amerikaner; Der abgesagte Niedergang der USA

Anton Pelinka

Braumüller-Verlag 2013

189 Seiten, gebunden

ISBN 978-3-99100-099-0

€ 22,90,-

 

Tagebuch

 

7 comments

  1. Selbstdenker

    Pelinkas Analysen stimmen mit meinen Beobachtungen in verschiedenen Kontinenten überein. Selbst im nördlichen Teil Chinas in 100km Entfernung zu Nordkorea sind diese Entwicklungen äusserst augenscheinlich.

    Man könnte es als die “späte Rache” von Francis Fukuyama bezeichnen. Ich behaupte, dass man die Überlegenheit eines Systems daran messen kann, das die Menschen dieses aus freien Stücken selbst kopieren.

    Je mehr dieses sehr leistungsfähgie System von anderen kopiert wird, desto mehr verlieren die Amis ihre Vormachtstellung.

    Probleme treten vor allem dort auf, wo die Säkularisierung der Gesellschaft noch nicht weit genug vorangeschritten ist. In diesen Regionen ist ein gegenläufiger Trend zu beobachten: Abschottung und Opposition im Sinne vom Kampf der Kulturen.

    Da sich diese Gesellschaften häufig als “Anti-USA” definieren, sind auch dort noch die Amis indirekt sinnstiftend, was neben der Überlegenheit des westlichen Systems auf manche zusätzlich demütigend wirkt.

  2. Rennziege

    Das Studium der Politik”wissenschaft”, aber auch das der Sotiologie, besteht aus gehobener Zeitungslektüre und anschließenden Haus- und Seminararbeiten voller Zehndollarwörter; wenn die sich mit dem Geschwurbel des Professors einigermaßen decken, ist ein Abschluss mit Bestnote garantiert, die Doktorarbeit ein leicht aufgemascherltes Wiederkäuen derselben Plattitüden.
    Nur die Theaterwissenschaft ist noch entbehrlicher. Aber die Politik sorgt, so das Parteibuch das richtige ist, für arbeitsarme, geruhsame Jobs in geschützten Werkstätten und Instituten, meist pragmatisiert. Nicht nur, aber auch deshalb sind Bücher, Interviews, Prognosen und Thesen aus diesen Mäulern und Federn nicht mehr als bedrucktes Toilettenpapier.

  3. Rennziege

    @myself:
    Das T und das Z sind Tastatur-Nachbarn. Man lese den Typfäler “Sotiologie” in der ersten Zeile bitte verständnisvoll.

  4. Ehrenmitglied der ÖBB

    @ Rennziege
    “gehobene Zeitungslektüre” als Wissenschaft ?
    Ja, leider gibt es viele solcher Exemplare die sich als “Wissenschaftler” bezeichnen.
    Es gibt aber auch
    ernsthafte Vertreter der Disziplin(en), die brauchbare Analysen, Prognosen und Handlungsanleitungen liefern – leider kaum in Österreich!
    (Aristoteles lässt grüßen! 🙂 )

  5. Rennziege

    3. Juli 2014 – 15:08 Ehrenmitglied der ÖBB
    Pardon, liebes Ehrenmitglied! Sie haben recht mit den ausländischen Politologen, ein paar wenigstens. Aber die Gender”wissenschaften” hab’ ich ganz vergessen. An bundesdeutschen Unis gibt es bereits 168 Lehrstühle für diesen himmelschreienden Unfug. Auf gut Ösi-Englisch: I mean I dream!

  6. Christian Weiss

    Der Mythos vom “kulturlosen Ami” ist ja eh nichts anderes als die Rache des subventionierten, aber publikumslosen europäischen “Intellektuellen”. Ziemlich clever hat dieser die These in die Welt gesetzt, dass alles Künstlerische, was mehrheitsfähig ist, eben genau keine Kunst sei. Dass Hollywood, Broadway und Museum of Modern Arts weit mehr Publikum erreichen als die entsprechenden Institutionen am Ostufer des Atlantiks stützt auf diese Weise auch noch das Bild vom “kulturlosen Ami”. Insbesondere beim europäischem “Autorenfilm” hat man bisweilen das Gefühl, dass die Macher durch langatmige bis langweilige Dramaturgie, träge, “kontemplative” Kameraführung und ärgerlichen Volkserzieherstil tatsächlich suggerieren wollen, sie seien “unorthodoxe”, “unbequeme” und “mutige” “Kunstschaffende”, die sich nicht um den Mehrheitsgeschmack scheren.

  7. Rennziege

    3. Juli 2014 – 20:44 Christian Weiss
    “Insbesondere beim europäischem “Autorenfilm” hat man bisweilen das Gefühl, dass die Macher …”
    … jeden Kinobesucher per Handschlag begrüßen können. Ohne massive Subventionen wäre der europäische Film längst entschlafen. So wie die paar Zuschauer, die diese “Kunstschaffenden” noch anzulocken vermögen.

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