Buchempfehlung: “Sie wollten Hitler töten”

(ANDREAS TÖGEL)  Wenn vom Attentat auf den deutschen Diktator die Rede ist, fällt der breiten Öffentlichkeit meist nur das vielfach rezipierte und sogar verfilmte Attentat vom 20. Juli 1944 – die „Stauffenberg-Verschwörung“ – ein. Dass es bereits zuvor eine Reihe von Anläufen gegeben hatte, um dem „Führer“ ein gewaltsames Ende zu bereiten, ist weniger bekannt.

Der Historiker Guido Knopp beschreibt in diesem Buch, gemeinsam mit einigen Co-Autoren, die mit dem „einsamen Helden“, so die Kapitelüberschrift, Georg Elser beginnende Serie von missglückten Anschlägen auf den „Vollstrecker des Bösen“, wie der Juli-44-Verschwörer Hans Bernd von Haeften ihn bei seinem Prozess vor dem Volksgerichtshof nannte. Der arbeitslose Tischlergeselle Elser hätte mit seinem minutiös geplanten und mit großer Präzision ausgeführten Anschlag am Abend des 8. November 1939 im Münchener Bürgerbräukeller der Geschichte tatsächlich eine andere Wendung geben können, wenn nicht Adolf Hitler – bedingt durch eine ungünstige Wetterprognose – verfrüht das Haus verlassen hätte. Sein Pilot hatte auf früheren Aufbruch gedrängt, um noch durch ein angekündigtes Unwetter ungefährdet nach Berlin zurückfliegen zu können.

Ganze 13 Minuten gaben den Ausschlag. Hätte der „Führer“ seine Rede ungekürzt, wie ursprünglich geplant gehalten, wäre er durch die von Elser gelegte Bombe mit Sicherheit getötet worden.

Dieser einzige von einem Nichtmilitär geplante und durchgeführte Anschlag erfolgte zudem zu einem Zeitpunkt, als der Krieg eben erst begonnen hatte und noch alles offen war. Alle anderen Attentatsversuche wurden dagegen erst unternommen, als die deutsche Wehrmacht die Initiative im Osten längst verloren hatte und der Krieg nicht mehr zu gewinnen war.

Das berühmte Attentat Claus Schenk Graf von Stauffenbergs schließlich hätte auch im Erfolgsfall vermutlich nicht mehr viel bewirkt. Die Front der Alliierten in Frankreich war zu diesem Zeitpunkt bereits stabilisiert und die militärische Niederlage des Reichs damit nur noch eine Frage der Zeit. Roosevelt und Churchill bestanden auf einer bedingungslosen Kapitulation und hätten sich auf Verhandlungen über einen separaten Waffenstillstand im Westen zu diesem Zeitpunkt nicht mehr eingelassen.

Bemerkenswert ist, wie groß die Vorbehalte der meisten Spitzenoffiziere gegen eine gewaltsame Beseitigung des „Führers“ waren. Ihre große Mehrheit war auch dann noch immer nicht zu einer derartigen Aktion bereit, als sie längst den verbrecherischen Charakter des Regimes dem sie dienten, erkannt hatten. In bester preußischer Militärtradition erzogen, betrachteten sich selbst geniale Feldherren wie Erich von Manstein (der planende Kopf hinter dem erfolgreichen Feldzug gegen Frankreich), ausschließlich als Werkzeuge der Politik, die sich deren Entscheidungen zu fügen hatten. „Feldmarschälle meutern nicht“, so seine beispielhafte Sicht der Dinge.

Denjenigen unter den Spitzenmilitärs, die Hitler beseitigen wollten, fehlte dafür wieder vielfach die Courage, den Coup zu wagen und selbst aktiv zu werden. Eine dritte Gruppe schließlich zog es vor, abzuwarten. Opportunisten. Sie hätten – wie der Chef des Ersatzheeres, General Friedrich Fromm (er wurde im März 1945 hingerichtet) – im Erfolgsfall die Seiten gewechselt.

So war es schließlich der hochintelligente, energische und glaubensfeste Katholik Oberst Graf Schenk von Stauffenberg, der nicht nur die Rolle des Planers übernahm, sondern unter Einsatz seines Lebens auch selbst zur Tat schritt.

Alle noch so engagiert geplanten und beherzt umgesetzten Attentatsversuche scheiterten an Zufällen, Pannen, Zündversagern, unvorhersehbaren Zeitplanänderungen, Fehleinschätzungen und nicht zuletzt auch an menschlichem Versagen unter Extrembedingungen.

Das Schlusskapitel des Buches ist der Rache des Regimes an den Juliverschwörern und deren Familien gewidmet. Ein allerletztes Mal siegte das Böse auf beinahe ganzer Linie. Die Verschwörer wurden entweder sofort standrechtlich erschossen oder nach von “Blutrichter” Roland Freisler vor dem Volksgerichtshof geführten Schauprozessen eliminiert, ihre Witwen und Kinder interniert, enteignet und der Armut preisgegeben.

Den Männern um Stauffenberg war indes bereits zum Zeitpunkt ihrer Tat klar, dass die Mehrheit des Volkes Hitler immer noch die Treue hielt. Das kann auch kaum verwundern, konnte die Goebbels´sche Propagandamaschinerie doch zurecht trommeln, dass die Kriegsgegner nichts anderes als die totale Zerstörung und Demütigung Deutschlands im Sinn hatten. Angesichts dessen erschien die Fortsetzung des längst verlorenen Krieges vielen „Volkgenossen“ fatalerweise noch immer als die bessere Wahl. Sogar noch bis lange nach dem Krieg galten Stauffenberg und seine Mitverschwörer in Deutschland nicht als Helden, sondern als Verräter. Hier offenbar sich deutscher Untertanengeist in reinster Form.

Falls es möglich sein sollte, aus dem Lauf der Geschichte Lehren zu ziehen, so lautet eine davon zweifellos, dass bedingungsloser Gehorsam mehr Schaden anzurichten imstande ist, als Widerspruchsgeist und Insubordination. Der im April 1945 hingerichtete lutherische Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer formulierte es so: „Gehorsam ohne Freiheit ist Sklaverei.“

Sie wollten Hitler töten
Guido Knopp
Verlag Goldmann
350 Seiten, broschiert
ISBN: 3-442-15340-9
Gebraucht ab 1,11,- Euro

14 comments

  1. Herbert Manninger

    Von diesem bedingungslosen Festhalten können auch heute noch Merkel&Co. profitieren, was sich in Wahlergebnissen um die 90% widerspiegelt.

  2. GeBa

    Im Zuge einer Polen Rundreise 2012 besuchten wir auch die Wolfsschanze.
    Hier das Stauffenberg Denkmal: https://up.picr.de/39472383sp.jpg
    und die Überreste des Führerbunkers: https://up.picr.de/39472402ae.jpg
    Einige Teilnehmer der Reise verweigerten damals den Besuch dieser geschichtsträchtigen Stätte, ich fand es sehr interessant, Geschichte unverfälscht, was ja nicht selbstverständlich ist.
    Das fand ich u.a. jetzt im Netz dazu:
    https://www.dw.com/de/hitlers-wolfsschanze-wird-restauriert/a-48496893

  3. sokrates9

    Schön wird dargestellt die Macht der Medien, Göbbels Propagandamaschinen schafften es dass die Deutschen als den Vernünftigen schon klar war dass der Krieg verloren sei,noch immer auf den “Endsieg” warteten. Muster scheint sich zu wiederholen…

  4. Rado

    Nach dem Venlo-Zwischenfall legten die Alliierten bekanntlich keinen grossen Wert mehr auf Verbindungen zu deutschen Widerständlern mit Umsturzplänen.
    Als es kurz vor Kriegsende noch britsche Pläne für ein Kommandounternehmen gab, Hitler am Obersalzberg zu liquidieren, wurden diese von höhchsten allierten Stellen letztlich verworfen. Die Begründung: Hitler richte mit seinen katastrophalen strategischen Fehlentscheidungen soviel Schaden an, dass der Krieg mit ihm sicher früher zu Ende sein werde, als ohne ihn.

  5. Falke

    Dass ein erfolgreiches Attentat gegen Hitler, nachdem der Krieg praktisch schon verloren war, nicht mehr viel geändert hätte, leuchtet ein, obwohl man auch heute nicht wissen kann, ob es dann eine sofortige bedingungslose Kapitulation gegeben hätte, oder ob Deutschland unter neuer Führung (Dönitz, Jodl) weitergekämpft hätte. Es ist natürlich auch müßig darüber zu spekulieren, wie es nach einem Tod Hitlers vor (oder kurz nach) Kriegsbeginn weitergegangen wäre. Es kommt darauf an, ob man das verbrecherische Regime sowie den Krieg allein an Hitler festmacht, oder ob er nur als “primus inter pares” agierte und sein potenzieller Nachforger (Bormann, Hess, Himmler, Göring?) eine ähnliche Politik weitergeführt hätte.

  6. Hatschi Bratschi

    Mag sein, dass Stauffenbergs missglücktes Attentat kaum noch Einfluss auf die Nachkriegsordnung gehabt hätte. Aber erzählen sie das mal den Millionen Toten, die im letzten Kriegsjahr starben; es war das opferreichste des WK II. Sie alle hätten weiterleben können, wäre Stauffenberg erfolgreich gewesen. Typisch auch, dass sich der Volkszorn erst und auch da nur allmählich gegen Hitler richtete, als klar war, dass der Krieg verloren gehen würde. Wie leicht wäre es gewesen, Hitler zu erschießen. Wozu die ganzen hochkomplexen Planungen und Bombenfallen? Möglichkeiten dazu gab es mehr als reichlich. Im Gegensatz zu heutigen Politikern, ja sogar dem Papst, fuhr er fast immer im offenen Kübelwagen stehend oder brüllte sich auf öffentlich zugänglichen Bühnen weitgehend ungeschützt die Nazi-Seele aus dem Leib. Jeder bessere Jahrmarktschütze hätte ihn dort bequem abschießen können. Allein, es tat niemand. Warum? Weil wir mehrheitlich Feiglinge sind, denen der warme Hintern wichtiger ist, als die große Politik.

  7. Erich Gennat

    Von Stauffenberg “hochintelligent”? – Dafür ist der Groschen aber spät gefallen.

  8. astuga

    Zum Thema ließe sich einiges sagen, etwa warum Stauffenberg nicht den Mumm hatte Hitler einfach abzuknallen oder die Bombe selbst auszulösen.
    Oder ob jemand wie Elser wirklich ein verhinderter Held war.
    Immerhin reden wir hier noch über 1939 (die Zeit vor den größten Verbrechen der Nazis) und Elser war schon davor ein gewaltbereiter Kommunist gewesen, was in dieser Zeit Stalinist hieß.
    Und wie viele Menschen die auf dem Gewissen haben ist bekannt (wenn auch zu wenig darüber geredet wird) und war auch damals bereits bekannt. Auch er war bereit andere Leben beim Attentat zu opfern, bloß sein eigenes nicht.

    Guido Knopp letztlich ist ein mehr als fragwürdiger “Historiker” – bei allen geschichtlichen Themen die er medial reißerisch aufbereitet…
    Interessanter als die Frage wer aller Hitler töten wollte wäre die Frage, wer aller den Aufstieg der Nazis überhaupt erst ermöglicht hat.
    Darunter finden sich von deutschen Kommunisten (im damaligen SPD-Jargon auch Kozis genannt), die mit den Nazis gemeinsam während Weimar Streiks ausriefen, von Stalin bis zu Royal Dutch Shell und Rockefeller bis zum britischen Königshaus oder der Familie Bush (aus der 2 US-Präsidenten stammen) zahlreiche Namen.
    Aber das gilt bis heute als wenig beliebter Teil der Geschichtsforschung.

  9. Andreas Tögel

    Ad astuga: kontrafaktische Geschichtsbetrachtungen sind, so reizvoll sie sein mögen, immer spekulativ, das ist klar. Elser war zwar Kommunist, hat seine Tat aber aus eigenem Antrieb und ohne große Hintergrundüberlegungen ausgeführt. Ihm kam es offenbar darauf an, durch Beseitigung des Kriegstreibers den Krieg zu verhindern. Dafür ist er halt um ein paar Wochen zu spät gekommen. Dass Hitler, wäre er unmittelbar nach dem erfolgreichen Westfeldzug gestorben/getötet worden, als größter Deutscher aller Zeiten in die Geschichte eingegangen wäre, ist kaum zu bestreiten. Kurz nach Ende des Polenfeldzuges war das aber vermutlich noch nicht so. Und ohne seine Person wäre der NS kaum denkbar gewesen. Er war das “Zentralgestirn”, der unverzichtbare Hohepriester dieser politreligiösen Bewegung. Sein Tod im November 1939 hätte, so glaube ich, tatsächlich den Lauf der Geschichte verändert.

    Tatsächlich gab es bereits 1943 einen unmittelbar in Ausführung befindlichen Plan, sich mit dem “Führer” zusammen in die Luft zu jagen – wieder an einer unerwarteten Zeitplanänderung gescheitert (die die bereits scharf gemachte Bombe konnte vom verhinderten Attentäter gerade noch rechtszeitig entschärft werden). Grundsätzlich ist halt das Selbstmordattentat kein Phänomen des Abendlandes. Auf den ungläubigen Täter warten einfach keine 72 Jungfrauen…

    Stauffenbergs Verschwörung litt an der Schwäche, dass er zugleich der Attentäter und die treibende Kraft hinter dem geplanten Staatsstreich (“Walküre”) war. Er konnte sich also nicht einfach selbst opfern, wenn er das Unternehmen nicht gefährden wollte. Ein Pistolenattentat hätte er, angesichts seiner schweren Kriegsversehrtheit, kaum ausführen können. Keiner seiner Mitverschwörer aber hatte Zutritt zu Hitler Wie dem auch sei: In den entscheidenden beiden Stunden in denen er auf dem Rückflug aus Ostpreußen nach Berlin war, ist – mangels ausreichend entschlossener Mittäter – die Zeit von General Olbricht & Co. nicht genutzt worden. Irgendwie auf tragische Weise stümperhaft gehandelt. Ich ziehe jedenfalls den Hut vor so viel Courage, wie sie Stauffenberg bewiesen hat.

  10. astuga

    Ob Elser irgendenwas verhindert hätte ist fraglich, man vergisst oft, dass der gesamte Zeitraum zwischen 1. und 2. Weltkrieg von Kriegen und bewaffneten Konflikten gekennzeichnet war.
    Von Italien bis Japan…, auch Polen hat in der Zeit mit jedem seiner Nachbarn Krieg geführt. In der Tschechoslowakei sogar Territorium besetzt (Teschen).
    Elsers ideologische Heimat die Sowjetunion hat sich ja dann an den Raubzügen der Nazis sogar beteiligt, hat seit Weimar deutsche Piloten und Armee in Russland ausgebildet (was wegen Versaille in Deutschland selbst nicht erlaubt war) – bis in die Nazizeit hinein, und auch Treibstoff und Erdöl für den Westfeldzug geliefert (ebenso wie übrigens Standard Oil, dem man dafür die Patente für synthetisches Benzin abgetreten hat).

    Elsers Attentat forderte 8 Menschenleben, 7 davon zwar Nazis, aber eben auch das einer 30-jährigen Kellnerin die zwei kleine Kinder und Ehemann hinterließ.
    Alleine dafür hätte man ihn damals in den meisten Ländern Europas hingerichtet oder zu lebenslanger Haft verurteilt.
    Und jetzt soll mir keiner erzählen, er hätte solche Opfer nicht bewusst in Kauf genommen.
    Den Anstand selbst sein Leben einzusetzen hatte er jedenfalls nicht, und wie schlimm der Nationalsozialismus werden würde konnte man damals noch nicht völlig absehen. Aber gut bei den Kommunisten hat es ihn ja auch schon nicht gestört, und die hatten damals bereits Millionen ermordet, etwa in der Ukraine…

    Ich denke eben, es ist relativ müßig über nicht geglückte Attentate zu spekulieren.
    Wir können mehr fürs Heute davon lernen, wie solche Regime überhaupt an die Macht kommen.

  11. Rado

    @astuga
    Treffend bemerkt zu Polen und seiner Mitverantwortung! Das ist unlängst in einer Rede Putins vorgekommen. Nämlich am Vorabend des Münchner Abkommens haben sich Deutschland und Polen die Tschechoslovakei in einem Vertrag aufgeteilt.

  12. Der Realist

    Stümper waren sie alle, und wie Hatschi Bratschi oben schreibt, Möglichkeiten Herrn Hitler zu erschießen hätte es genug gegeben, auch genug gut ausgebildete Scharfschützen.

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