Buchkritik: “Panama Papers”

(C.O.)Pling. Mit jenem charakteristischen Ton, der den Eingang einer E-Mail am Laptop anzeigt, begann vor über einem Jahr, was heute unter dem Stichwort “Panama Papers” die Schlagzeilen beherrscht. Die E-Mail traf am Computer des deutschen Journalisten Bastian Obermayer ein. Sie lautete: “Hallo, hier spricht John Doe. Interessiert an Daten? Ich teile gerne.” John Doe, das ist das englischsprachige Pendant zu Max Mustermann.

Obermayer, Redakteur im Investigativressort der “Süddeutschen Zeitung”, war interessiert. “Wie kommen wir an die Daten?”, mailte er zurück. John Doe: “Als erstes müssen Sie verstehen, wie gefährlich und sensibel manche der Informationen aus den Daten sind. Mein Leben ist in Gefahr, wenn meine Identität offen gelegt wird…Es wird kein Treffen geben, was Sie am Ende veröffentlichen, ist Ihre Entscheidung.”

Veröffentlicht wurden, ein Jahr später und mit Hilfe von 400 Journalisten und 90 Medienhäusern rund um den Globus, die panamaischen Briefkastenkonstruktionen von Politiker, Managern, Spitzensportlern und anderen Promis, die seither einigen Erklärungsbedarf haben. Gleichzeitig mit dem Start der Enthüllungen legten Obermayer und sein Ressortkollege Frederik Obermaier das Buch zur Enthüllung vor: “Die Panama Papers – Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung”. Wer sich erwartet, in dem 300 Seiten starken Band neue Namen aus der Kundenliste der vom Datendiebstahl betroffenen panamaischen Kanzlei Mossack-Fonseca zu erfahren, wird eher enttäuscht, ebenso, wer sich Hinweise auf die Identität des Informanten erhofft. Putins millionenschwerer Cellisten-Freund, der bereits zurückgetretene Isländische Premier oder der Fußballer Lionel Messie kommen ausführlich vor, wurden aber in der aktuellen Berichterstattung schon abgehandelt. Stattdessen werden die technischen und juristischen Details der Panama-Briefkästen sehr detailliert erörtert, gelegentlich für den Laien nicht so recht verständlich, vor allem aber ohne rechten Erkenntnisgewinn gegenüber dem Wissenstand eines halbwegs informierten Zeitungslesers.

Winnie Pooh trifft auf Harry Potter
Unterhaltsam, aber nicht rasend bedeutend sind freilich zahlreiche Details wie etwa jene Tarnnamen, unter denen auf Diskretion bedachte Superreiche mit Panama kommunizieren. Da lautet ein E-Mail dann schon einmal: “Hallo Winnie Pooh, ich beziehe mich auf ein Treffen mit Harry Potter.” Oder die Geschichte der Mega-Yacht des legendären US-Bankers Sanford “Sandy” Weill, der sein Schiff und die dazugehörige Briefkastenfirma April Fool genannt hat – Weill hat seine Ehefrau am 1. April 1954 kennengelernt. Vor allem aber krankt das Buch am gleichen Problem wie die Enthüllung an sich. Der Besitz einer Briefkastenfirma ist nichts Verbotenes; der Nachweis, dass damit rechtswidrig gehandelt wurde oder wird, gelingt dem Buch genauso wenig wie den meisten bisherigen medialen Investigationen.

Dass das ganze gewaltig stinkt, steht außer Zweifel – nur, dass üble Gerüchte halt nicht strafbar sind. Und so kommt in dem Text laufend vor, jemand “ist auf einer Liste zu finden”, “wird dieser Firma zugerechnet” oder ähnliche Vermutungen, die im Grunde nichts belegen. Auch die Familie Habsburg, erfahren wir etwa, hat einen Bezug zu Mossack-Fonsecka. – Ja, und jetzt?

Unfreiwillig komisch wird das Buch, wenn die Autoren den Schweizer Altlinken Jean Ziegler besuchen, um sich dessen Meinung zu Steueroasen und Briefkästen einzuholen. Wortgewaltig donnert der alte Herr gegen den Neoliberalismus, den mörderischen Kapitalismus, die Verbrechen der Reichen. “Ziegler kann seine Wut auf den Turbokapitalismus schlecht zügeln, so schlecht, dass er deswegen stets irgendwo in Rechtsstreitigkeiten verwickelt ist. Sein Haus gehört deshalb seiner Frau, sein Auto ist geleast”, erfahren wir da.

Sein Vermögen dem Zugriff der Gläubiger zu entziehen, ist bekanntlich eine wesentliche Funktion panamaischer Briefkastenfirmen. Bedürfnis danach besteht aber offenbar nicht nur bei den Bösen, sondern auch bei den selbst ernannten Guten.

 

Panama Papers. Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung

Bastian Obermayer und Frederik Obermaier

KiWi-Paperback, 2016

352 Seiten, 17,50 Euro

10 comments

  1. Rennziege

    Ist doch meine Rede: Die “Panama Papers”, die auch ich kenne, sind warme Luft, aber dienten wieder mal zur Betäubung von Hinz & Kunz, um die Aufmerksamkeit von den wahren Problemen Europas abzulenken.

  2. mariuslupus

    …aber der Erfolg bei Hinz&Kunz ist bereits da. Hinz&Kunz ist lieber von den Schurkenkapitalisten überzeugt, als dass er an die Existenz der Schurkenpolitiker, sich trauen würde zu glauben.
    Karl Valentin: “Taten hättma schon wollen, aber dürfen hama uns net getraut”

  3. Mourawetz

    Puh! Und wieder ein Wochenende überstanden, ohne dass die Banken zusperrten oder der nationale Notstand ausgerufen ist.

  4. gms

    “Dass das ganze gewaltig stinkt, steht außer Zweifel”

    Den Gestank erkennt man bereits auf der Metaebene, gibt es neben besagtem Bastian Obermayer noch den nicht minder als initialen Kontakt zur Quelle behaupteten späteren Leiter des ICIJ namens Gerard Ryle.

    Gerard Ryle legte selbst gegenüber CBS News explizit dar, er hätte ein Paket mit einer Festplatte eines anonymen Absenders bekommen zu einem Zeitpunkt, bevor er noch seinen Job beim ICIJ antrat [1] und das wiederum über 15 Monate vor der Veröffentlichung. Daß man sich danach auf die Legende verständigte, die “Süddeutsche” wäre der erste Ansprechpartner gewesen und diese hätte hernach das ICIJ an Board geholt, ist drollig, aber dennoch erkennbar eine nachträgliche Narrativbildung.

    Laut wired.com [2]: ‘Obermayer declined to explain how their leaker sent Suddeutsche Zeitung hundreds of gigabytes or even terabytes of information at a time. That’s far too much to send over email, of course, though that quantity of data could easily be sent anonymously in the form of shipped encrypted hard drives. “I learned a lot about making the safe transfer of big files,” Obermayer says elliptically.’

    Entzückend. Obermayer im O-Ton: [3] “someone offered me .. when I looked into the first parts of the data .. got more in the weeks and months after that ..”

    In Deutschland zirkuliert vermehrt der Begriff ‘Lügenpresse’, und dann ist es ausgerechnet die “Süddeutsche”, die diesem Befund mit den Pampers-Gschichtln entgegnen will und kann sich dabei nichtmal mit dem ICIJ zuvor wirksam absprechen, was man der verdummten Masse verkaufen will, wie man an die Daten gekommen sei.

    [1] youtube.com/watch?v=OsbT_SgA1fk&nohtml5=False
    Origin of The Panama Files, Watch investigative journalist and ICIJ director Gerard Ryle describe the moment he obtained the offshore leaks files in this report from CBC News.
    [2] wired.com/2016/04/reporters-pulled-off-panama-papers-biggest-leak-whistleblower-history/
    [3] youtube.com/watch?v=IMhrfaIkvX8
    Talking Panama Papers w/ Bastian Obermayer

  5. Fragolin

    Man stelle sich vor, jemand überwacht illegal den öffentlichen Raum und stellt dann Videos in’s Netz, die beweisen, dass 17% der Leute, die bei Rot an einer Ampel stehen, in der Nase bohren.
    Ist zwar, im Gegensatz zur Überwachung und Öffentlichmachung, strafrechtlich irrelevant, zeigt aber, was die Leut’ für Schweinderl sind.
    NA UND?
    Sind die illegalen Filmer jetzt Helden und müssen die Popler-Schnweinderl von der Presse durch das mediale Dorf gejagt werden?
    Was sagt das über die Popler – und was über die Journalisten?
    Nein, Lügenpresse halte ich nicht für richtig. Denn hier wurden auf illegale Weise erhaltene (und damit aus unglaubwürdiger Quelle gespeiste) Daten über unbescholtene Menschen, die nichts rechtswidriges getan haben, von der Presse missbraucht, um Quote zu reißen und Menschen nicht nur zu schaden, sondern sich auch noch mit Schadenfreude daran zu ergötzen.
    Verbrecherpresse träfe es besser. Denn Hehler von Diebesgut sind Verbrecher, vor Allem, wenn sie ihre illegalen Aktivitäten mit dem Ziel durchführen, sich daran zu bereichern. Und sei es nur durch Werbung und Auflage oder durch Bücher.

  6. Fragolin

    Zum Thema Daten fragt man sich auch, ob Staatsanwaltschaft und Verfassungsschutz bereits aktiv sind, nachdem die Linksextremen die AfD-Parteitagsliste veröffentlicht hat und von Fassadenschmierereien über Fahrzeugbeschädigung bis hin zu Telefonterror und sogar Morddrohungen gegen unbescholtene Bürger die Folgen sind.

  7. Selbstdenker

    Wer schimpft der kauft:

    “Unfreiwillig komisch wird das Buch, wenn die Autoren den Schweizer Altlinken Jean Ziegler besuchen, um sich dessen Meinung zu Steueroasen und Briefkästen einzuholen. Wortgewaltig donnert der alte Herr gegen den Neoliberalismus, den mörderischen Kapitalismus, die Verbrechen der Reichen. ‘Ziegler kann seine Wut auf den Turbokapitalismus schlecht zügeln, so schlecht, dass er deswegen stets irgendwo in Rechtsstreitigkeiten verwickelt ist. Sein Haus gehört deshalb seiner Frau, sein Auto ist geleast’, erfahren wir da.

    Sein Vermögen dem Zugriff der Gläubiger zu entziehen, ist bekanntlich eine wesentliche Funktion panamaischer Briefkastenfirmen. Bedürfnis danach besteht aber offenbar nicht nur bei den Bösen, sondern auch bei den selbst ernannten Guten.”

  8. Fragolin

    @Selbstdenker
    Die angeblichen Bösen und die selbsternannten Guten tun im Grunde genommen alle genau das Gleiche. Nur glauben es sich die selbsterannten Guten im Kampf gegen das angebliche Böse redlich verdient zu haben, während andersherum… 😉
    Die Welt ist ein absolutes Irrenhaus, und die Irren haben die Deutungshoheit.

    An anderer Stelle habe ich die Panama-Papers-Geschichte auch damit verglichen, wenn private Schnüffler heimlich öffentliche Toiletten überwachen würden um dann Namenslisten zu veröffentlichen, wer sich nach dem Pinkeln nicht die Hände wäscht. Und dass die Welt ein Irrenhaus ist, sieht man daran, dass die illegalen Spanner als Helden gefeiert werden sollen, während man Menschen mit mangelndem Hygienebewusstsein und niedriger Ekelschwelle unter Hohn und Spott zu Untermenschen erklärt und Gesetze zum Schutz der Volkshygiene und Kameras auf allen Klos fordert.

  9. Thomas Holzer

    Und eine Vertreterin der katholischen Frauenbewegung in Österreich hat doch glatt öffentlich behauptet, wenn das Geld nicht in Panama gebunkert würde, hätte Österreich genügend Mittel für die Bildung in diesem Land; ganz im Sinne des -mit Verlaub- naiven Papst Franziskus.

    Abgesehen von der Tatsache, daß bis dato kein einziger Österreicher in diesen bisher veröffentlichten “Panama-papers” genannt wurde

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .