Buchtip: “1866 – Königgrätz”

Von | 8. September 2017

(ANDREAS TÖGEL) Mit dem Ortsnamen Königgrätz, verbindet der einigermaßen geschichtsinteressierte Zeitgenosse, in erster Linie den Begriff „Zündnadelgewehr“. In der Tat trug die modernere Infanteriebewaffnung der preußischen Truppen, einen wichtigen Teil zu ihrem Triumph über die mit Vorderladern ausgerüsteten Österreicher bei. Schwerer als dieser zweifellos vorhandene technische Vorteil, wog jedoch das strategische Können des preußischen Oberbefehlshabers Helmuth von Moltke, der fünf Jahre später, bei Sedan, seinen größten Erfolg im deutsch-französischen Krieg erringen sollte.

Der Autor beleuchtet indes auch zahlreiche andere Gründe, die zu dem am 3. Juli 1866 erlittenen Debakel der österreichischen Nordarmee beitrugen. Da war einmal das geopolitische Genie Bismarcks, der alles daran setzte, ein geeintes Deutsches Reich unter preußischer Führung zu schaffen. In einem solchen Konstrukt war für den Vielvölkerstaat Österreich kein Platz – sosehr Kaiser Franz Josef sich auch als „deutscher Fürst“ fühlen mochte. Der von Preußen und Österreich 1864 gemeinsam gegen Dänemark geführte Krieg, respektive dessen Ergebnis, lieferte dem preußischen Ministerpräsidenten die Ausgangsbasis für den von ihm gewünschten Konflikt mit den ungeschickt taktierenden Österreichern. Sein im April 1866 geschlossenes gegen Österreich gerichtetes Bündnis mit Italien, nötigte Kaiser Franz-Josef zu einer Zersplitterung seiner ohnehin nicht allzu starken Kräfte. Zum anderen darf die weitaus bessere Organisation und Disziplin der preußischen Truppen nicht übersehen werden. Den Generalstab der Nordarmee als “chaotisch” zu bezeichnen, ist mit Sicherheit nicht übertrieben. Der mit seinem Kommando ohnehin überforderte Feldzeugmeister Benedek stand am Tag der Schlacht faktisch ohne Generalstab da und hatte zudem mit offener Insubordination einiger Korpskommandanten zu kämpfen. Zuletzt kam also alles so, wie es kommen musste.

Kontrafaktische Geschichtsbetrachtungen ändern zwar nicht an den Ereignissen, liefern aber mitunter reizvolle Einsichten und Erkenntnisse: Wären nicht starke Teile der österreichischen Armee auf dem italienischen Schauplatz gebunden gewesen (die eineinhalb Wochen vor Königgrätz bei Custozza einen beachtlichen Erfolg gegen zahlenmäßig überlegene Feindkräfte erringen konnten); wäre anstelle des mit seiner Aufgabe überforderten, greisen Benedek, der Sieger von Custozza, Erzherzog Albrecht mit dem Kommando der Nordarmee betraut gewesen; und hätte schließlich nicht eine Reihe von Fehleinschätzungen dazu geführt, auf den waffentechnischen Vorteil eines Hinterladergewehrs zu verzichten; die europäische Geschichte hätte einen völlig anderen Verlauf nehmen können.

Denn, und das arbeitet der Autor sehr schön heraus, „Königgrätz“ war nicht einfach eine Schlacht von vielen. Nein, hier erfolgte eine entscheidende europäische Weichenstellung. Ohne den preußischen Sieg keine „kleindeutsche Lösung“, kein „Deutsches Reich“ unter preußischer Führung und – wer weiß – vielleicht kein als „Urkatastrophe Europas“ in die Geschichte eingegangener Erster Weltkrieg.

Ohne die überragende und opferreiche Leistung der österreichischen Artillerie, wäre die Schlacht vermutlich in ein Massaker ausgeartet. So aber konnte der glücklose Benedek wenigstens das Gros seiner Verbände vor ihrer völligen Vernichtung bewahren.

Kurzbiographien der Staatsmänner beider Seiten und der an der Front eingesetzten Kommandeure, sowie Schilderungen der an Nebenkriegsschauplätzen am Main (wo es zum hoffnungslosen Kampf der zusammengewürfelten Bundesarmee gegen die Preußen kam) und in Italien (wo es angesichts der politischen Umstände für Österreich militärisch nichts mehr zu gewinnen gab) abgelaufenen Ereignisse, komplettieren das Bild.

Einzig zu beklagender Mangel: Der völlige Verzicht auf Kartenmaterial, der es dem Leser beinahe unmöglich macht, die minutiös geschilderten Manöver nachzuvollziehen.

 

1866 Königgrätz

Helmut Neuhold

Marix Verlag

253 Seiten, Hardcover

ISBN: 978-3-7374-1011-3

6,- Euro

11 Gedanken zu „Buchtip: “1866 – Königgrätz”

  1. Rado

    Danke für den Tipp, das soll eines meiner Ausflugsziele 2018 werden.

  2. wbeier

    Interessant allemal und ein beredtes Zeugnis, wie sich politische Interessen schon im 19.Jahrhundert blitzschnell ändern. Kaum zwei Jahre vorher hatten die Kontrahenten gemeinsam im Interesse der großen deutschen Lösung gegen Dänemark gefochten und da spreche jemand noch von der heutigen Schnelllebigkeit…….
    Der Sieg hat viele Väter und sicher nicht nur den bewaffnungstechnischen Vorteil des Zündnadelgewehrs – übrigens die Entwicklung eines Hrn. Werndl aus Steyr, ein österreichisches Schicksal. Militärisch dürfte wohl die erstmalige Verwendung der Eisenbahn für Aufmarsch und Logistik auf europäischem Kriegsschauplatz Preußen den entscheidenden Vorteil gebracht haben.
    Wirklich gravierend war der demonstrierte Vernichtungswille durch beherztes Nachstoßen des geschlagenen Gegners bis kurz vor Wien. Das war kein Kabinettskrieg nach Art des 18.Jahrhunderts mehr (siehe auch die eilig ausgehobenen Schanzen bei Stammersdorf oder das Denkmal für den preußischen Kapellmeister Johann Gottfried Piefke in seinem überlieferten Wirkungsort Gänserndorf).

  3. Andreas Tögel

    An wbeier
    Eine kleine Korrektur sei gestattet: Das in Preußen eingeführte “Zündnadelgewehr” wurde nicht von Herrn Werndl, sondern von Nikolaus Dreyse entwickelt. Josef Werndl konstruierte, nachdem eine Konversion des (bis Königgrätz verwendeten) Lorenzgewehres zum Hinterlader (System Wänzel) ein totaler Fehlschlag war (der Scharnierverschluss war nicht dichtzukriegen, sodass dem Schützen beim Abfeuern der Pulverdampf ins Gesicht schlug), den damals revolutionären “Tabernakelverschluss” – und damit das nach ihm benannte Werndl-Gewehr. Zuvor war von Vincent von Augustin (der selbst eine Waffe entwickelt hatte, die ab 1841 bei der österreichischen Armee eingeführt wurde) in seiner Eigenschaft als für die Begutachtung neuer Waffensystem zuständiger Fachmann, das Dresye-Zündnadelgewehr abgelehnt worden. Begründung: Technisch unausgereift und – das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen – weil Hinterlader zur Munitionsverschwendung führen. Konsequenterweise konnten die österreichischen Soldaten auch mit dem (auf größere Entfernungen dem Dreyse-Prügel überlegenen) Lorenzgewehr nicht gut umgehen, weil sie während der Ausbildung nur wenige Schüsse abgeben durften (Sparprogram – man kennt das vom rezenten Bundesheer). Wenn sich hieniden beim Übergang von der Monarchie zur Demokratur etwas nicht geändert hat, dann ist es die Vernachlässigung des Militärs…

  4. Rado

    Dank Stichwortsuche bei ANNO gibts ungeahnte Möglichkeiten! Suche “Zündnadelgewehr”:
    Welchen Unsinn österreichische Miltärfachleute über das Zündnadelgewehr von sich gegeben haben, kann man in den zeitgenössischen Fachzeitschriften recht gut sehen.
    Hier ein Artikel aus 1865, als sich die Erfahrungen des deutsch-dänischen Krieges eigentlich schon herumgesprochen haben sollten.
    http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=tze&datum=18650410&seite=1&zoom=33&query=%22z%C3%BCndnadelgewehr%22&ref=anno-search

  5. Christian Peter

    @Andreas Tögel

    ‘Vernachlässigung des Militärs’

    In Ländern wie Österreich erfreulicherweise, schließlich hat man gesehen was passiert, wenn korrupte Parteien wie ÖVP oder FPÖ Geld in das Militär investieren : Dann gibt es Schrott zu weit überhöhten Preisen und der Steuerzahler darf bezahlen.

  6. mariuslupus

    Königgrätz und Benedek Lajos, sind Geschichte. Die Diskussion, das Gewehr, so oder so, ist müssig.
    Wichtig ist, was hat Österreich und seine Regierung aus der Katastrophe bei Königgrätz gelernt. Nämlich nichts. Die einzige Konsequenz, Benedek wurde entlassen. Wie immer, die Unschuldigen werden bestraft. Die Entlassung eines Kommandierenden ist, die Vermeidung eines Lernprozesses.
    Franz Joseph ist nach Königgrätz und nach der Konfrontation mit dem Aggressor, in ein vorgezogenes Stockholm Syndrom verfallen. Ab Königgrätz handelte er wie eine Geisel der Hohenzollern. Seine Nibelungentreue, bzw. eher die Unterwerfung, unter die Führung des Deutschen Reiches ist die eigentliche Tragödie von und nach Königgrätz. Mit Königgrätz hat die unwiderrufliche Demontage Österreichs als europäische Grossmacht begonnen. Wurde 1918 abgeschlossen. Aus Österreich blieb ein durch die “Sieger” gerupfte Kleinstaat übrig.
    Der übrig gebliebene Kleinstaat hat sich zu Republik gewandelt. Aber, offensichtlich die Unterwerfungssucht, war damit nicht beendet. Weitere Stationen. Die Scheinexistenz als Ostmark. Die nächste Station, die Aufgabe der staatlichen Souveränität, im Aufgehen in der EU. Auch in der EU nimmt Österreich höchstens die Rolle des Hampelmanns von Berlins und Brüssels gnaden.
    Auch weiter kein Zeichen von Lernbereitschaft, und keine Fähigkeit zu Antizipation.

  7. Mona Rieboldt

    Mein Professor kam aus Graz. Wenn ich ihm sagte, wir machen euch wieder zu unserer Ostmark, antwortete er “Und wir machen euch wieder zu unserer Provinz”. Letzteres gab es ja auch mal.

  8. cmh

    Bevor man über die damalige Zeit und ihre Fehlurteile sowie über den Kaiser urteilt (natürlich bequem wie immer) sollte man sich schon einmal Rechenschaft über den Sinn des Habsburgerreiches ablegen. Und vor allem sollte man nicht die antiösterreichische (i.d.R. französische) Polemik zu seiner eigenen Argumentation machen..

  9. Rennziege

    8. September 2017 – 09:18 — Rado
    Vielen Dank für beide Links! Hochinteressant. Und wenn ich lese, welch gutes Deutsch und welche unaufdringliche Ausgewogenheit und Recherche damalige Journalisten beherrschten, werde ich — bekanntlich nicht erstmalig — wieder zur Monarchistin.
    In den beiden glücklichen Jahrhunderten mit und nach Maria Theresia ging’s Österreich besser als heute, vor dem Hintergrund der Epoche betrachtet. Mit Kaiser Franz Joseph ging’s allmählich bergab, aber das lag nicht allein an ihm, sondern primär an den Hofschranzen und dem unfähigen Personal, das diese an seine Seite beförderten. Und freilich an der Königgrätz-Watschen, die in weiterer Folge zum Kniefall vor den Hohenzollern-Kaisern Wilhelm I. & II. führte, somit auch zum Weltkrieg Nr. 1.

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