Buchtip: Ansichten eines Putin-Freundes

Von | 1. März 2021

(C.O.) Wenn ausrangierte Spitzenpolitiker, im Selbstverständnis zu „Elder Statesmen“ herangereift, Bücher mit Titel wie „Was jetzt geschehen muss“ oder so ähnlich schreiben (lassen), in denen sie ihren Nachfolgern erklären, warum die jetzt machen müssen, woran sie selbst gescheitert sind, dann bringt das dem Leser meist wenig Erkenntnisgewinn und noch weniger Vergnügen.

Eine unerwartete Ausnahme von dieser Regel des Büchermarktes stellt das Buch „Letzte Chance – Warum wir jetzt eine neue Weltordnung brauchen“ dar. Geschrieben haben es der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und der renommierte Historiker Gregor Schöllgen, der auch schon eine Biografie Schröders verfasst hat und mit diesem seither in engem Austausch steht.

Zu diesen „Fehlern der Vergangenheit“ zählen die beiden Autoren etwa die Unfähigkeit der Europäischen Union, ihre Interessen unabhängig von den USA auch militärisch projizieren zu können – Stichwort Europäische Armee -, ihr Unvermögen, sich endlich eine Verfassung als soliden Boden einer „ever closer Union“ zu geben, oder das Fehlen einer gemeinsamen Europäischen Finanzpolitik zur Sanierung der Euro-Konstruktion. „Tatsächlich war der Euro von Anfang an mit erheblichen Fehlern und Makeln behaftet“, diagnostiziert der Altkanzler heute und fordert eine „Vergemeinschaftung der Schulden“ in der EU; eine Idee, die ihm in seiner Heimat nicht nur Freunde machen wird.

Auch die Nato hält er für ein Konstrukt aus der Welt von gestern, die er lieber heute als morgen abschaffen will. Sie sei nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ohne Geschäftsgrundlage und damit nur noch ein Instrument der amerikanischen Dominanz. Sie sei durch eine militärische Autonomie der Europäer zu ersetzen, fordert Schröder und erinnert daran, dass es etwa noch keiner deutschen Bundesregierung gelungen sei, die USA dazu zu bewegen, Auskunft zu geben, welche US-Atomwaffen wo auf deutschem Bundesgebiet stationiert sind.

Schröders Kritik an der Nato ist zweifelsfrei nur im Kontext mit seiner offenbar tiefen persönlichen Freundschaft mit Wladimir Putin zu verstehen und seinem ungewöhnlich weitgehenden Verständnis für Russlands Interessen und Positionen. (Boshafte Mitmenschen unterstellen ihm, dieses Verständnis sei nicht zuletzt namhaften Zahlungen geschuldet, die Schröder als Aufsichtsratsvorsitzender des russischen Staatskonzerns „Rosneft“ lukriert.)

Wie von Schröder zu erwarten, zieht sich eine ordentliche Portion an Russland-Versteherei wie ein roter Faden durch das Buch, meist verbunden mit einer überaus kritischen Haltung den USA gegenüber.

Man kann die Argumente, die Schröder und Schöllgen da vorbringen, interessant finden, auch ohne sie zu teilen. Etwa, wenn er Russlands immer aggressivere Außenpolitik als Folge einer Art von Minderwertigkeitskomplex erklärt, den Russland nach 1989 erlitten habe, mitverursacht durch eine die Interessen Moskaus zu wenig berücksichtigende Politik des triumphierenden („Das Ende der Geschichte“) Westens.

Das brachte Schröder, erwartbar, Kritik in Großhandelspackungen ein. Josef Joffe, transatlantischer Großpublizist und Edelfeder der „Zeit“, murrte ebendort über das Buch: „Putin kriegt ständig mildernde Umstände. Seine imperialen Ambitionen erklären sie mit dem ,Expansionskurs‘ der Nato. Putin wehre sich bloß mit ,Nadelstichen‘. Mordanschläge und Hackerangriffe? Da heißt es: ,Ist die Beweislage eindeutig? Sind die Verantwortlichen zweifelsfrei identifiziert?‘ Bestrafung? Sanktionen seien ,keine sinnvolle Option‘. Putin dankt.“

Mag sein. Eines kann man Schröder jedenfalls nicht vorwerfen: Dass er im üblichen substanzlosen Schwurbel-Stil abgehalfterter Politiker einen auf Balkonmuppet macht, ohne dabei zu riskieren, heftig in die Ziehung zu geraten. Ein Kämpfer auch im fortgeschrittenen Alter.

Letzte Chance
Gregor Schöllgen und Gerhard Schröder
DVA, München 2021; 256 Seiten, 22 Euro

7 Gedanken zu „Buchtip: Ansichten eines Putin-Freundes

  1. dna1

    Ich bekomme keine „namhaften Zahlungen von russischen Staatskonzernen“ und bin auch nicht mit Putin befreundet, dennoch vertrete auch ich die Meinung, die Nato wäre überflüssig geworden, braucht kein Mensch mehr (außer die, die daran verdienen, Millionen jedes Jahr) und ich meine auch, Europa sollte endlich beginnen, auf seine Interessen zu achten, und nicht auf amerikanische. Dazu gehört eine eigenständige Politik, die aufgrund geographischer und wirtschaftlicher Gegebenheiten ein freundschaftliches Verhältnis zu Russland, wie auch zu anderen Staaten, geeignet erscheinen läßt.
    Lachhaft auch der Vorwurf der immer „aggressiveren Außenpolitik“ Russlands. Wovon reden die da, wenn man über aggressive Außenpolitik sprechen will, dann beginnen wir zuerst einmal bei der USA, die stehen nämlich an erster Stelle, dann kommt lange nichts, und dann reden wir über Russland und China.

  2. Wolfgang Niedereder

    Mit Nachbarn muss man ein Auskommen finden und Russland ist nicht nur der Nachbar , nein auch Bestandteil Europas- Das hochtechnisierte Europa und das rohstoffreiche Russland das wäre doch eine Vision der man etwas abgewinnen könnte. Misstrauen gegenüber kommunistisch/diktatorischen Strukturen ist berechtigt, aber ebenso ist Misstrauen seitens Russland gerechtfertigt – siehe Napoleon bist Hitler – ja und die NATO hätte auch das eine oder andere besser sprich mit mehr Geschichtsbewusstsein machen können. Dass beim Zerfall der Sowjetunion kein Krieg ausgebrochen ist, ist eine Leistung die nach wie vor nicht gewürdigt wird.

  3. sokrates9

    Wenn ich mir die russische Philosophie ansehe wo Werte, Heimat, Leistung, Kultur, Sport,Wissenschaft noch einen Stellenwert haben und demgegenüber die „liberale USA „immer mehr geflutet von bildungsfernen Menschenmassen, die begonnen von der Mathematik ob 1+1 2 ist über Genderphilosophie, mit Auslöschen der Kultur des weißen Mannes, cultural revolution wo von den Griechen über den Römern bis in die Gegenwart Darwins alles verboten wird, fällt mir der americsan way of live als Lebensmodell immer schwerer zu akzeptieren.In Sachen Kriegsanzettelung, Agression und Völkermorden steht da die USA auch ganz oben auf der Liste!

  4. Thomas F.

    Bei „wenig Erkenntnisgewinn und noch weniger Vergnügen“ hätte ich zu lesen aufhören sollen.

  5. CE___

    Wenn man die Zankerei hernimmt „pro Russland oder pro USA“, gähn, ja dann leben wir im Westen in überkommenen Strukturen.

    Im Grunde genommen ist dies eine müßige Streiterei innerhalb des „Hauses des Westens“, zu dem ich Russland dazuzähle, die ihre Nahrung vom vergangenen Gegensatz USA/Westeuropa gegen Sowjetunion erhielt.

    Unser aller Problem in Zukunft ist der 1400 Pfund Gorilla namens VR China mit einem unser Kultur und Werten komplett inkompatiblen Weltverständnis und Herrschaftssystem.

    Und gegen den müssen wir uns etwas überlegen, der 500 Pfund Gorilla in Nordamerika, der 140 Pfund Gorilla in Russland, und die von 5 Pfund bis 80 Pfund reichende und einem Flohhaufen ähndelnde Makaken-Horde names EU.

    Ein Pfund stellvertretend stehend für circa eine Million Menschen.

    Russland ist hier am exponiertestens, mit riesigen überwiegend unbewohnten Gebieten östlich des Urals, und einem revanchesüchtigen Nachbarm im Südosten namens VR China, die derzeit noch ihre Revancegelüste gegen Japan, Südkorea und die Republik China hinkanalisiert, die sich aber bald nicht mehr nur mit Öl- und Gas-Lieferungen zufriedenstellen lassen werden.

  6. Johannes

    Europa befindet sich im Moment in einem Greta-Infatilismus.
    Wenn die Grenzschutzabteilung kriminalisiert und die Schlepper der kirchlichen und anarchistischen Allianz heroisiert werden bleibt wenig Spielraumfür für ernstzunehmende Politik.

    In Europa wird sich die Frage wer die Akzente setzt immer mehr in Richtung NGO’s verschieben.
    Ich halte es daher für müßig über eine mögliche politische Zukunft Europas nachzudenken.
    Solange Merkel und Co. das Sagen haben wird die Politik eben Greta, BLM, Greenpeace und tausend anderen NGO folgen und den Weg des geringsten Widerstandes gehen.
    Kämen andere politische Kräfte, etwa wertkonservative, würde sofort eine die ganze Periode dauernde Protestwelle aufgebaut, ähnlich wie gegen Trump in den USA.

    Zwischen diesen beiden Optionen sehe ich im Moment keine andere.
    Meist werden solche degenerativen Erscheinungen durch große Krisen zum Platzen gebracht.
    Daher glaube ich das erst nach dem Platzen der großen Blase wieder Realistische Vernunft eine Chance haben wird.

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