Buchtip: “Auf der Überholspur”

Von | 29. Januar 2016

(CHRISTIAN ORTNER) Wenn erfolgreiche Manager Bücher schreiben, dann ist das Ergebnis in nicht gerade wenigen Fällen eher für das Ego des Autors denn für den Leser ein Gewinn. Wer imstande ist, ein Unternehmen zu führen, muss nämlich deswegen noch lange kein guter Autor sein; auch wenn viele Superstars am Firmament der Wirtschaft das nicht für möglich halten.

Eine Ausnahme von dieser Regel ist der österreichische Industrielle Herbert Cordt, der seine Karriere als Sekretär des seinerzeitigen Finanzministers Hannes Androsch begann, turbulente Zeiten im Vorstand der ehemaligen “Länderbank” durchmachte, später zum Partner des erfolgreichen Unternehmers Martin Schlaff wurde. Unter dem Titel “Auf der Überholspur – Zeitzeugen über das Goldene Zeitalter der österreichischen Wirtschaft vom Staatsvertrag
bis heute” legt er, zusammen mit dem Journalisten Gerd Milmann, ein ausgesprochen lesenswertes, stellenweise geradezu packendes Buch über den ökonomischen Aufstieg der Republik in der Nachkriegszeit vor.

Mit nahezu allen (noch lebenden) großen Akteuren dieser Epoche – von Androsch bis Vranitzky, von Christian Konrad bis Claus Raidl, von Klaus Liebscher bis Rudolf Streicher – hat er 50 lange Gespräche geführt, dokumentiert und in leicht konsumierbare Kapitel umformatiert. Dabei legt er, was bei derartigen Büchern ja eher selten ist, durchaus noch bisher unbekannte Fakten, Zitate und Zusammenhänge vor. Etwa, wenn er mit dem Mythos aufräumt, vor allem die Gewerkschaften hätten ursprünglich den EU-Beitritt des Landes verhindert, und belegt, dass vor allem Bruno Kreiskys Angst vor den Sowjets die Annäherung blockierte. “Eher beiß’ ich mir die Zunge ab, als dass ich zugebe, dass wir nur ein halb souveräner Staat sind”, wird Kreisky in diesem Zusammenhang aufschlussreich zitiert.

Dass Kreisky von Wirtschaft nicht wirklich etwas verstand, ist bekannt. Wie fahrlässig er da manchmal agierte, berichtet der ehemalige Notenbanker Adolf Wala. Mit Schrecken erinnert er sich an ein Interview des Kanzlers 1977 in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”, in dem dieser erklärte, er sei sich nicht eben sicher, ob Österreich die Koppelung des Schillings an die Deutsche Markt, gegen die er stets eingetreten war, auf die Dauer durchzuhalten imstand sei. “Als Marktreaktion darauf haben wir ein Drittel unserer Währungsreserven verloren. Die ausländischen Banker haben natürlich gedacht: Wenn sogar der Bundeskanzler das sagt, wird schon etwas dahinterstecken. Innerhalb von zwei oder drei Tagen sind weitere vier bis sechs Milliarden an Währungsreserven abgeflossen.”

Dass es Herbert Cordt gelungen ist, der an sich ja schon recht gut dokumentierten Geschichte der österreichischen Wirtschaft neue Aspekte und Episoden abzutrotzen, dürfte nicht zuletzt an der ungewöhnlichen Konstellation zwischen dem Autor seinen Gesprächspartner liegen. Dass ihr Gegenüber kein Journalist, sondern einer Ihresgleichen war, dürfte die Atmosphäre deutlich gelockert und die Erzählfreude entsprechend erhöht habe, was dem Buch natürlich ausgesprochen guttut.

Dabei wird auch gut sichtbar, dass vor allem in der staatsnahen Wirtschaft der Republik gelegentlich eher eigentümlich gefuhrwerkt worden ist. Beppo Mauhart etwa, der langjährige Generaldirektor der “Austria Tabakwerke”, berichtet, dass nach der umstrittenen Privatisierung seines Unternehmens 2001 die diesbezüglichen Unterlagen in der Verstaatlichten-Holding ÖIAG zügig entsorgt worden sind, angeblich “aus Platzgründen”.
Der ehemalige ÖIAG-Chef Karl Hollweger wiederum wickelte einmal eine Hauptversammlung (der Aktionäre, also der Republik) dieses damals enorm wichtigen industriellen Komplexes in weniger als 180 Sekunden ab – er hatte vorher mit einem Freund darüber gewettet, dass dies möglich sei. Skurril mutet auch die Begründung an, mit der Franz Strutzel bei seinem ersten Anlauf der Aufstieg in den Vorstand der Voest-Alpine verwehrt worden ist: “Sie sind körperlich zu klein.”

Oliver Rathkolb, einer der eminentesten Historiker des Landes, weist in seinem “Historischen Geleitwort” darauf hin, dass Österreich nach 1945 davon profitiert hat, dass die Nazis eine komplett neue Rohstoffindustrie, bedeutende Chemiebetriebe und eine leistungsfähige Elektrizitätswirtschaft errichtet haben – was heute ganz gerne vergessen wird.

 

Auf der Überholspur

Zeitzeugen über das Goldene Zeitalter der österreichischen Wirtschaft, vom Staatsvertrag
bis heute

Von Herbert Cordt

(Verlag Molden Wien, 320 Seiten, 34,90 Euro)

5 Gedanken zu „Buchtip: “Auf der Überholspur”

  1. Lisa

    Kann mir vorstellen, dass das Buch lesenswert ist: Gespräche sind in der Regel nicht nur nachvollziehbarer, lebendiger und aufschlussreicher als sog. Sach- und Fachbücher, wo man sich das Ganze erst mal in Normalsprache übersetzen muss (und dann entsetzt feststellt, wie viel davon reine Zeilenschinderei und Angeberei ist!). Kein Wunder hat English dasDeutsche als Wissenschaftssprache abgelöst!

  2. Thomas F.

    Das Sittenbild einer Bananenrepublik, wie es scheint. Und die Akteure finden bis heute gar nicht viel dabei. Schmierige Typen haben die Republik offenbar seit Anbeginn unter ihrer Kontrolle.

  3. Falke

    Ausgerechnet den tiefroten Oliver Rathkolb als “einen der eminentesten Historiker des Landes” zu bezeichnen, ist ja wohl mehr als gewagt.

  4. gms

    Falke,

    > Ausgerechnet den tiefroten Oliver Rathkolb als „einen der eminentesten Historiker des Landes“
    > zu bezeichnen, ist ja wohl mehr als gewagt.”

    Exactamente. Besagte „Überholspur“ ist bestenfalls die gut geschmierte Schleimspur, auf der Androsch bis Vranitzky, von Christian Konrad bis Claus Raidl, von Klaus Liebscher bis Rudolf Streicher unseren Staat ins heute versaubeutelte und streng nach Parteibuch aufgeteilte Austriachstan schlittern ließen und sich selbst ins gemachte Bett.

    Rathkolb taugt zu deren Beurteilung wie Chomeinis Meinung zu Mohammed. Stünde uns heute das Wasser bis knapp unter die Nasenlöcher, fänden sich nicht minder lächerliche Figuren mit der Behauptung, nur der heldenhafte und jahrzehntelange Kampf diverser Protagonisten bekannter Gesinnung hätte Österreich ein völliges Absaufen erspart.

    Nein, Herr Rathkolb, nichts wird vergessen. Versprochen.

  5. astuga

    Oliver Rathkolb ist ganz ohne Zweifel einer der eminentesten Historiker des Landes.
    Gerade auch wegen seiner Nähe zur Parteipolitik.

    Ob er auch ein wissenschaftlich korrekter und im guten Sinne ideologisch neutraler Historiker ist, darüber sollen andere richten.
    Der Ruf der öst. Historikerzunft ist ja allgemein bekannt, und in letzter Zeit auch nicht gerade besser geworden.

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