Buchtip: “Brennpunkt Nahost”

(C.O.) Azaz, eine kleine, von Aufständischen besetzte Stadt in Syrien, Ostern 2013: Der deutsche Fernsehjournalist Jörg Armbruster wird von seinem Guide Amar an das Ufer eines Flusses geführt, der von hier nach Aleppo fließt. “Im Fluss unter der Brücke haben Männer Metallreusen in die Strömung gestellt. ,Damit fangen sie die Toten auf‘, erklärt Amar flüsternd. Fast jeden Tag treiben hier Leichen an. Leichen mit Folterspuren, verdrehten Gliedmaßen, zerschlagenen Gesichtern, aufgedunsen, zu Tode gefoltert oder erschossen. Weiter oben flussaufwärts ist Assad-Land. Dort entsorgen Assads Geheimdienstler ihre Opfer im Fluss. Sie treiben flussabwärts und bleiben in den Reusen unter der Brücke hängen. Die Männer am Fluss? Sie suchen nach Angehörigen und werden auch fündig…”, beschreibt Armbruster in seinem neuen Buch “Brennpunkt Nahost – Die Zerstörung Syriens und das Versagen des Westens”, was er auf seiner letzten Reise durch den syrischen Bürgerkrieg miterleben musste.

 

 

Unerwartete Einsichten
Es ist ein hervorragendes Stück altmodischer Reportage-Kunst im besten Sinne des Wortes, das der ARD-Mann Armbruster da abgeliefert hat. Auf zahlreichen Reisen durch das geschundene Syrien, sowohl vor als auch nach Beginn des Krieges, hat er sich vor Ort ein – soweit das überhaupt möglich ist – präzises Bild der Lage gemacht. Ohne jegliche Parteinahme zeichnet er die Gräueltaten aller an dem Schlachten beteiligten Parteien nach, beleuchtet den Ursprung des Krieges und analysiert klug und sachkundig die Intentionen aller Player innerhalb, aber vor allem außerhalb Syriens, von der Hisbollah bis zum Gasemirat Katar.

Seiner konsequenten Arbeitstechnik, sich nur auf das selbst Gesehene zu verlassen, verdankt der Leser unerwartete Einsichten. Etwa wenn Armbruster eines der im Westen mit einer gruseligen Konnotation behafteten Scharia-Gerichte besucht und dort die Gefängniszellen sehen will. “(…) ein dunkler Kellerraum, in dem sechs Gefangene zusammen mit einem Geistlichen auf einem auf dem Boden ausgebreiteten Teppich sitzen. Diese Kellerzelle ist offensichtlich mehr ein religiös aufrüttelndes Besserungszentrum als ein mit der Scharia drohendes Strafgefängnis. Von Zucht und Vergeltung kaum etwas zu spüren. Der Imam predigt mit sanfter Stimme und redet seinen Sündern ins Gewissen, sie mögen doch bitte ein gottgefälliges Leben führen. Die Sträflinge nicken einsichtsvoll und demonstrieren dem Kamerateam aus Europa ihre neue Frömmigkeit.”

In der Regel freilich hat er wesentlich Unerfreulicheres zu reportieren. Er berichtet von Streubomben mit Zeitzündern, die das Regime über den Feldern der Rebellen-Gebiete abwirft, um die Bauern an Aussaat und Ernte zu hindern, aber auch von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, von Aufständischen an Zivilisten begangen. Trotzdem verweigert er sich dem naheliegenden Schluss, den mittlerweile auch viele im Westen teilen, wonach es in Syrien sozusagen nur mehr Bösewichte gäbe, die gegen andere Bösewichte um die Macht ringen. Sogar jetzt noch, berichtet er, gibt es in Damaskus eine Opposition gegen Assad, die ausschließlich friedliche Methoden des Widerstandes anwendet und den militärischen Kampf der Rebellen ablehnt. Leise Stimmen freilich, die im Westen kaum wahrgenommen werden.

Knapp dem Tod entronnen
Beim Versuch, seinen Zusehern getreulich aus Syrien zu berichten, wäre Armbruster heuer im Frühjahr beinahe selbst ums Leben gekommen. Sein syrischer Guide hatte sich in der schwer umkämpften Stadt Aleppo schlicht und einfach verirrt, berichtet Armbruster: “Unseren Bus lotst er durch einen auch ihm augenscheinlich nicht vertrauten Stadtteil. Wir geraten immer näher an die umkämpfte Altstadt. Dann das Bab al Hadid, eines der Tore zur Altstadt, eine wuchtige Torburg, davor zwei offensichtlich unbeschädigte Telefonhäuschen. Die Straßen von Trümmern übersät, menschenleer. Gespenstisch leer. Dann ruft einer im Bus panisch: ,Wir sind falsch hier. Wir müssen weg.‘ Auf der Straße eindeutige Zeichen – das ist Scharfschützenland! Amar, der Fahrer, muss den Bus wenden, versucht Gas zu geben. Zu spät. Der erste Schuss. Er verletzt niemanden. Dann der zweite. Er trifft. Meinen Arm, meinen Bauch.” Schwer verletzt wird er zwischen Sterbenden in einem Lazarett von Aleppo operiert und nach ein paar Tagen außer Landes gebracht.

Dass er diese Episode nur ganz am Rande berichtet, gibt seinem wohltuend unprätentiösen Buch noch mehr Gewicht. (WZ)

 

Brennpunkt Nahost. Die Zerstörung Syriens und das Versagen des Westens.

Jörg Armbruster

Westend, 224 Seiten, 18,50 Euro

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