Buchtip: “Charles de Gaulle und sein Jahrhundert”

Von | 10. März 2021

(ANDREAS TÖGEL)  Eine nicht belegte Aussage des Generals, anlässlich eines 1970 – nach seinem Rücktritt als Staatspräsident und kurz vor seinem Tod – erfolgten Besuches beim greisen “Caudillo” Francisco Franco nahe Madrid, liefert ein anschauliches Charakterbild dieses zweifellos großen Franzosen: „Sie sind der General Franco, das ist schon etwas; ich hingegen war der General de Gaulle.“

De Gaulle hat die Geschichte Frankreichs – mit einer längeren Unterbrechung – für beinahe drei Jahrzehnte entscheidend geprägt. Er hat sich, nach der 1940 erfolgten Kapitulation Frankreichs, zum Führer des „Freien Frankreich“ aufgeschwungen und beharrlich am Ziel der Befreiung seiner Heimat von der fremden Besatzung gearbeitet. Zunächst im Exil in London, brachte er mit seiner halsstarrigen, oft auch anmaßenden Art, Premierminister Churchill immer wieder gegen sich auf. Franklin D. Roosevelt (der die Kooperation des „Freien Frankreich“ für die geplante Invasion Nordafrikas und Italiens benötigte) hielt ihn gar für übergeschnappt.

Dennoch brachte er in den Jahren 1944/45, nach dem Abzug der Deutschen, das Kunststück zuwege, die tief gespaltene Nation – allen inneren Widerständen zum Trotz – unter der Trikolore zu einen. In seinen Memoiren würdigt er die Leistungen der Alliierten – namentlich die der Amerikaner – mit kaum einem Wort. In seiner Darstellung haben sich die Franzosen so gut wie alleine und aus eigener Kraft der deutschen Besatzung entledigt.

Der Historiker Johannes Willms hat keine trockene Aneinanderreihung historischer Fakten vorgelegt, sondern schildert den Werdegang des Soldaten und Politikers de Gaulle in einer subtilen, respektvoll-distanzierten Weise, bisweilen nicht ohne Ironie. Er verkennt nicht das wiederholt aufblitzende Genie des Mannes, der immer wieder einen beispiellosen Sinn für die richtige Einschätzung der Lage und seiner Möglichkeiten zeigte – etwa als er es im Zuge der Algerienkrise verstand, 1961 einen Militärputsch abzuwenden, ohne sich zugleich mit den führenden Militärs zu überwerfen. Ganz pragmatisch und kühl löste er das Algerienproblem ohne ein katastrophales Blutbad heraufzubeschwören – und er entließ die die verbliebenen Kolonien Frankreichs in die Unabhängigkeit.

Im grellen Gegensatz zu dieser gewandten, an den vorhandenen Möglichkeiten orientieren Politik, stand sein stures Festhalten an der überlebten Vorstellung von der „Grandeur“ Frankreichs, die mit dessen politischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten nach dem Zweiten Weltkrieg einfach nicht in Einklang zu bringen war. Immerhin war er mit der Parole „Ich oder das Chaos“ lange Zeit innenpolitisch erfolgreich.
Gegen Ende seiner politischen Karriere, als alter Mann an der Spitze einer autonomen Nuklearmacht, wirkte und agierte er häufig wie aus der Zeit gefallen. Nach einem gescheiterten Referendum zur Unternehmensbeteiligung der Arbeiter, erklärte er seinen Rücktritt und überließ seinem langjährigen Weggefährten Georges Pompidou das Feld. Mit seinem Tod am 9. 11. 1970 ging eine Ära zu Ende.
Für den an Zeitgeschichte interessierten Leser ist das vorliegende Buch sehr empfehlenswert.

Der General: Charles de Gaulle und sein Jahrhundert
Johannes Willms
Verlag C.H.Beck
640 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-406 74130-2
31,41,- Euro

3 Gedanken zu „Buchtip: “Charles de Gaulle und sein Jahrhundert”

  1. Kluftinger

    Man zitiert auch manchmal den Ausspruch De Gaulles, dass, so lange er etwas politisch zu sagen hat, Großbritannien niemals in die EWG kommt. das werde er verhindern.
    ????

  2. Andreas Tögel

    Tatsächlich hat er auch alles getan, was in seiner Macht stand, um einen Beitritt des UK zur EWG zu verhindern. Er hat nämlich das “perfide Albion” ebenso mißtrauisch betrachtet wie die USA.

  3. Franz Meier

    De Gaulle warf die NATO 1966/67 aus Frankreich hinaus und zog Frankreich aus den integrierten Strukturen der NATO komplett ab. Lyndon Johnson soll damals seinem Aussenminister Dean Rusk gesagt haben:”Ask him about the cemeteries”. Damit meinte er die amerikanischen Soldatenfriedhöfe in Frankreich. Der seinerzeitige US Verteitigungsminster Robert Mc Namara soll de Gaulle bei einem Besuch in Paris gefragt haben, ob sie auch die toten Amerikaner die in der Normandie gefallen waren, entfernen müssten. Diese beiden Geschichten sind unbewiesen, aber sie sagen etwas aus über die Undankbarkeit und den Grössenwahn der Franzosen den Angelsachsen gegenüber, die Frankreich in zwei Weltkriegen zu Hilfe gekommen waren und unter vielen eigenen Opfern gerettet hatten. Die Franzosen waren sauer, weil die USA ihnen bei Dien Bien Phu nicht aus der Patsche geholfen hatten und weil Eisenhower bei dem verpatzten Suezabenteuer 1956 sowohl den Engländern als auch den Franzosen ein wenig in den Rücken gefallen war, während die Sowjetkommunisten zur selben Zeit in Ungarn die Rebellen niederwalzten und niedermetzelten. Trotzdem war es einmal mehr ein Verrat der Franzosen an Europa und am Westen. Genau wie König Ludwig der 14. die Osmanen beim Kampf gegen die österreichische Habsburgermonarchie 1683 unterstützte. Auch das war Verrat an Europa aus französischem Grössenwahn. Da waren die Polen mit ihrem Entsatzheer deutlich bessere Europäer. Die Franzosen hatten immer ihre eigene Agenda – damals wie heute. Wenn es ihren Interessen dient, wenn sie die deutsche Kohle brauchen, dann sind sie glühende Europäer. Wenn nicht, dann wollen sie lieber alleine marschieren. Ist nicht bös gemeint, ich habe wirklich nichts gegen die Franzosen, im Gegenteil. Denke aber nicht, dass die heutige Achse Berlin-Paris uns Europäern wirklich gute Dienste leistet. Sie schadet uns allen und befördert die deutsche Hegemonie über Europa.

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