Buchtip: “Der Antikapitalist: Ein Weltverbesserer, der keiner ist”

Von | 20. Oktober 2020

(ANDREAS TÖGEL) Der Antikapitalist jagt, in Ermangelung eines real existierenden Kapitalismus´, ein Phantom. Alle tatsächlichen oder vermeintlichen wirtschaftlichen und sozialen Fehlentwicklungen der Gegenwart lastet er einer Wirtschaftsordnung an, die nirgendwo auf der Welt jemals in „Reinform“ praktiziert wurde, noch praktiziert wird.

In zwanzig voneinander unabhängigen Kapiteln beschreibt der Autor Wesen und Eigenart eines insbesondere von Intellektuellen, Künstlern und Staatsbediensteten abgelehnten, verachteten und bekämpften Phänomens, das es gar nicht gibt.
Thorsten Polleit beginnt mit einer Kritik des ökonomischen Denkens, indem er die Anwendung naturwissenschaftlicher Methoden auf die Sozialwissenschaften verwirft und stattdessen auf „apriorische Erkenntnis“ setzt, wie sie von Immanuel Kant beschrieben und von Ludwig von Mises als „Praxeologie“ in die Wirtschaftswissenschaften eingeführt wurde.

Wer sich bereits mit der „Österreichischen Schule“ beschäftigt hat, findet in diesem Buch eine dichte, vielschichtige Betrachtung zur Frage eines immer wieder erfolglos gesuchten Mittelweges zwischen Kapitalismus und Sozialismus, der mit dem Begriff Interventionismus treffend charakterisiert ist. Dem in Fragen der Wirtschaftstheorie unbedarften Betrachter wird eine auch für ihn problemlos lesbare Einführung zum Verständnis grundlegender Fragen der Eigentums- Geld- und Zinstheorie geboten.

Hochinteressant zu lesen sind auch die historischen Exkurse – etwa zu den Ursachen, der Ausbildung und den Folgen der Hyperinflation in Deutschland im Jahr 1923. Dass die Ursachen aller wirtschaftlichen Verzerrungen und Verwerfungen einerseits auf die staatlich monopolisierte und hemmungslos betriebene Produktion inhärent wertlosen Geldes und anderseits auf unentwegte Interventionen des Staates in wirtschaftliche Abläufe zurückgehen, wird hier messerscharf herausgearbeitet. Dass der Antikapitalist, wenn er vom „Kapitalismus“ spricht, in Wahrheit den Interventionismus meint, erschließt sich in jedem einzelnen Kapitel.

Die zu einer Umkehr vom Weg in die sozialistische Knechtschaft notwendigen Voraussetzungen benennt der Autor im Epilog, wobei es aus heutiger Sicht nicht viel Veranlassung zu großem Optimismus gibt. Denn die überwiegende Mehrheit der Menschen vertraut doch viel lieber den Sirenengesängen derjenigen, die ihnen allerlei Wohltaten versprechen und nicht denen, die Freiheit in Verantwortung befürworten. Lesenswert!

Der Antikapitalist: Ein Weltverbesserer, der keiner ist
Thorsten Polleit
Finanzbuchverlag
319 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-95972-396-1
19,99,- Euro

6 Gedanken zu „Buchtip: “Der Antikapitalist: Ein Weltverbesserer, der keiner ist”

  1. Kluftinger

    Am Angebot der einschlägigen Literatur liegt es nicht, dass die Menschen den Sirenengesängen vertrauen (wollen). Es ist die Unfähigkeit oder der Unwillen, das eigene Weltbild zu ergänzen bzw. es in Frage zu stellen.

  2. Manfred Moschner

    Ich denke, das ist keine Frage des Weltbildes. Sondern schlicht des Eigeninteresses.
    Solange es lohnender ist, davon zu leben, dem/n anderen etwas wegzunehmen, als selbst wertschöpfend tätig zu sein, wird sich daran nichst ändern. Und solange es hemmungslosen Demagogen gelingt, den (meisten) Menschen weis zu machen, es sei möglich, auf Kosten “der anderen” zu leben (ohne dass ihnen selbst etwas weggenommen würde, wohlgemerkt).

  3. Kluftinger

    @ Manfred M
    Ihre Sichtweise ist kein Widerspruch. Das was sie beschreiben ist ein Teil des jeweiligen Weltbildes.
    Vom Schmarotzertum bis zum ausgeprägten Egoismus ist halt alles vertreten. Eine realistische und objektive Einordnung der eigenen Existenz ist mühsam und verlangt geistige Auseinandersetzung.
    Und dann noch die “Tat”! Eine vermehrte meditatio bedingte eine verstärkte actio.
    (aber warum soll man hackeln, wenn es andere für mich erledigen??)

  4. sokrates9

    Nach 30 Jahren Indoktrinierung in Schulen und Universitäten braucht mabn sich nicht zu wundern dass Soizialismus / Kommunismus Hochkonjunktur haben. Vorbei die Zeiten wo Leistung / Arbeit / Wettbewerb /Elite noch angestrebt wurden. Heute ist soziale kompetenz und Gleichheit für alle gefragt.der Strom kommt aus der Steckdose, die Heumilch vom Heuproduzenten , das Geld vom Bankomat. Die Welt ist so wunderbar trivial geworden!

  5. Johannes

    Der Antikapitalist beäugt jede private Initiative mit Neid und Missgunst. Er will vordergründig nur das Beste für die Menschen. Dafür müssen sie aber bedingungslos gehorchen, andernfalls droht die Verfolgung. Linke Regime haben ihre millionenfachen Morde immer mit der drohenden Konterrevolution zu legitimieren versucht.

  6. Johannes

    Das Werkzeug des Antikapitalisten ist die gesellschaftspolitische Heckenschere.

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