Buchtip: “Der Aufstand der Massen”

Von | 2. Oktober 2015

(ANDREAS TÖGEL)  1930, also 35 Jahre nachdem Gustave le Bon sich erstmals dem Phänomen der Masse widmet („Psychologie der Massen“), legt José Ortega Y Gasset, der in Deutschland studiert hat und diesem Land auch darüber hinaus großes Interesse schenkt, sein durch die Ereignisse in der Weimarer Republik geprägtes Werk “Der Aufstand der Massen” vor. Sein elitäres Denken und die daraus resultierenden Vorbehalte gegen die Massendemokratie sind nicht zu übersehen. Dennoch stellt er sich 1936 gegen Franco auf die Seite der Volksfrontregierung und verlässt Spanien, wohin er erst 1948 wieder zurückkehrt.

Ortega beklagt die mit dem allgemeinen, gleichen Wahlrecht einhergehende „Vermassung“ der Demokratie, die zuvor, wie er schreibt „durch eine kräftige Dosis Liberalismus und Verehrung für das Gesetz gemildert“ wurde. Jetzt dagegen lautet die Gleichung Masse gleich Macht. Das wirft Probleme auf, denn: „die Masse vernichtet alles, was anders, was ausgezeichnet, persönlich, eigenbegabt und erlesen ist.“ Wer wollte dem widersprechen?

Immerhin anerkennt der Autor die „allgemeine Hebung der Lebensumstände“, die mit der Herrschaft der Massen einhergeht. Er gehört also nicht zu jenen konservativen Denkern, die der These anhängen, wonach früher alles besser gewesen sei.

Mehrfach betont er, unter Hinweis auf die beachtliche Bevölkerungszunahme in der Alten Welt, die beispiellose Dynamik des (liberalen) 19. Jahrhunderts. Doch nun, im 20. Jahrhundert angekommen, stellt sich plötzlich das Problem der Vermittlung der in vielen Jahrhunderten bis dahin ausgebildeten Kultur, an die neu entstandenen Massen. Der Liberalismus, gepaart mit moderner Technik, kann zwar das Bevölkerungswachstum gewaltig beschleunigen, zeitgleich jedoch schafft er die Voraussetzungen für einen Rückfall in kulturell finsterste Zeiten.

Ortega sieht – schon drei Jahre vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten in Deutschland – die Europa bevorstehende Katastrophe kommen: „…so werden 30 Jahre genügen, damit unser Erdteil in die Barbarei zurückfällt.“ Er ist dabei zu optimistisch: So lange sollte es gar nicht mehr dauern…

Der ein wenig dünkelhafte Bildungsbürger Ortega tritt in Sätzen wie diesen hervor: „Dummheit ist lebenslänglich und hoffnungslos (…) Bosheit setzt manchmal aus. Dummheit nie.“ Ein Urteil, dem heute jeder linke Egalitarist sofort empört entgegentreten wird.

Der Spanier steht dem Nationalstaat kritisch gegenüber und nimmt die Einigung Europas gedanklich vorweg, wenn er meint: “In uns allen überwiegt der Europäer bei weitem den Deutschen, Spanier, Franzosen (…) vier Fünftel unserer inneren Habe sind europäisches Gemeingut.“

Michael Stürmer schreibt in seinem 1989 hinzugefügten Nachwort zum Aufstand der Massen: „Ortegas Buch ist beides, psychologische und sozialkritische Analyse der Gegenwart und Appell für die europäische Integration der Zukunft.“

Welches Urteil Ortega wohl über die Europäische Union am Beginn der größten Wanderungsbewegung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs fällen würde?

Der Aufstand der Massen

José Ortega y Gasset

Deutsche Verlags-Anstalt

224 Seiten, gebunden

ISBN 978-3-421-04577-5

19,99 Euro

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