Buchtip: “Der eingebildete Rassismus”

Von | 29. Januar 2021

(CHRISTIAN ORTNER) Gemessen daran, dass Pascal Bruckner zu den bedeutendsten Intellektuellen Frankreichs zählt, hat das Erscheinen der deutschen Fassung seines Buchs “Der eingebildete Rassismus – Islamophobie und Schuld” in den Qualitätsmedien des deutschen Sprachraumes ein eher überschaubares Echo ausgelöst. Das überrascht insofern nicht, als Texte, die sich seriös, aber kritisch mit der “Religion des Friedens” auseinandersetzen, zwischen Hamburg und Wien nicht selten als wenig hilfreich bei der Integration von Neubürgern betrachtet werden und von manchen Gatekeepern der Meinungsindustrien daher gerne dezent übergangen werden.

Das ist im vorliegenden Fall umso bedauerlicher, als Bruckner kein rabiater Rechter ist, der Hass und Zwietracht schürt. Er gehört zu den “Neuen Philosophen”, die sich vom Marxismus abwandten und der antitotalitären Aufklärung verschrieben. Er unterstützte den Krieg im Irak, bezeichnete ihn aber später als Irrtum. 2007 sprach er sich für Sarkozy aus, von dem er sich aber “aus Enttäuschung” schnell wieder entfernte. Vor kurzem veröffentlichte er “ein ergreifendes Buch über die faschistische Vergangenheit seines Vaters”, charakterisierte ihn jüngst die “FAZ”.

Im Mittelpunkt der vorliegenden Essay-Sammlung steht der Begriff Islamophobie, den Bruckner penibel als politischen Kampfbegriff beschreibt mit dem einen Daseinszweck, jede Kritik am Islam zu verunmöglichen. “Im Begriff Islamophobie”, schreibt er, “verbinden sich zwei ganz verschiedene Bedeutungen: Die Verfolgung der Gläubigen, die überall ein Vergehen ist, und das Hinterfragen von Glaubensinhalten, das in jedem zivilisierten Land ein Recht ist. Unter dem Vorwand, die Muslime zu verteidigen, geht es also darum, jene Westler zum Schweigen zu bringen, deren Schuld darin besteht, Geschlechtergleichheit und Glaubensfreiheit zu postulieren. Vor allem aber zielt der Vorwurf der ,Islamophobie‘ darauf ab, die arabischen oder muslimischen Intellektuellen mundtot zu machen, die bestrebt sind, ihren Glauben mit der Moderne zu versöhnen und ihn durch das Feinsieb der Vernunft laufen zu lassen. Sie sind die eigentlichen Feinde, die es durch die Beschuldigung zu diskreditieren gilt, mit den ehemaligen Kolonialmächten zu kollaborieren.”

Er wolle den “Ausdruck Islamophobie madigmachen, ihn (. . .) delegetimieren, Zweifel und Unbehagen an ihm (. . .) verbreiten, ihn quasi in Anführungszeichen (. . .) setzen und dadurch schwächen”, poltert der Autor gleich am Anfang seines Werks folgerichtig. Und das gelingt ihm auf den folgenden 220 Seiten auch mit beeindruckender Wucht. Besonders seit der iranischen Revolution metastasieren, argumentiert er, der gewalttätige Dschihadismus und sein Bruder im Geiste, der islamische Fundamentalismus, unter dem Schutzschuld des Islamophobie-Vorwurfes im Westen: “Während wir es mit den Dschihadisten aufnehmen, machen die Salafisten, die Wahabiten und die Moslembrüder ihre Spielzüge, setzen ihre Weltanschauung und ihre Bekleidungsvorschriften durch, (. . .) zersetzen den Islam der Mitte und halten die moderaten Imame fern. Sie entscheiden die semantische Schlacht und den Krieg um die Köpfe für sich. 37 Jahre nach der iranischen Revolution hisst er überall seine Fahnen, verbreitet seine Sitten und erobert die Herzen einer Mehrheit der Gläubigen.”

Mit Recht widmet sich Bruckner auch der mehr als eigentümlichen Sympathie von Teilen der europäischen Linken für den Islam, gar den fundamentalistischen oder politischen Islam. “Was für einem eigenartigen Spektakel wohnen wir bei?”, schreibt er. “Man kann beobachten, wie frühere Priesterfresser vor dem Hintern der Islamisten in die Knie gehen.” Seine Erklärung: Beide Strömungen eine der Hass auf die evidenten Erfolge von Marktwirtschaft, liberaler westlicher Demokratie und die hedonistische Attitüde des Westens genauso wie das Gefühl, in einer Sackgasse der Ideengeschichte gelandet zu sein; und das verbinde eben.

Erklärende Diagnose

“Für diese desillusionierten Aktivisten wird die Religion des Propheten zur letzten Utopie – Ersatz für Kommunismus und Entkolonisierung. In der Kategorie der guten Subjekte der Geschichte übernimmt der Muslim die Rolle, die einst Proletarier, Guerilleros und Verdammte der Erde spielten. Er verkörpert die Hoffnung auf soziale Gerechtigkeit hienieden und bildet die Speerspitze eines neuen Aufstands. So wird ein Strich gezogen unter Feminismus, Laizismus, erhellende Skepsis und Kritik, kurz: unter alles, was man mit einer progressistischen Einstellung verbindet.”

Eine Diagnose, die auch ein wenig erklären mag, warum seine Streitschrift in vielen Medien, natürlich aus Platzmangel, nicht eben prominent erörtert worden ist.   (“Wiener Zeitung”)

 

Pascal Bruckner:”Der eingebildete Rassismus”

Edition Tiamat, 240 Seiten,

24 Euro

6 Gedanken zu „Buchtip: “Der eingebildete Rassismus”

  1. Wolfgang Niedereder

    Das Kopfschütteln über die Naivität der Europäer in Verbindung mit dem radikalen Islam wird täglich größer . Am meisten schütteln jene Länder den Kopf, die Erfahrung damit haben, wie zu Beispiel Russland oder islamische Staaten selbst. Nun die Kulturgroßmacht Russland fällt unter horribile dictu und Meinungen von Betroffenen/Geschädigten aus islamischen Ländern sind meist zu kompliziert. Vielerorts hat man den Eindruck die Warnungen vor dem radikalen Islam werden wie ein Wetterbericht bewertet bei das Gewitter dann doch nicht so heftig war und man die Fensterläden wieder öffnen kann und die Sonne strömt wieder ins behütete Heim.

  2. Johannes

    Ho Chi Minh war über lange Zeit das große Vorbild der Linken. In einer aus dem westlichen Wohlstand, dem warmen Nest heraus, romantisch verklärten Vorstellung von Kommunismus plärrte man die unsinnigsten Parolen, sympathisiert offen mit Totalitarismus.

    Die Morde der Kommunisten wurden ausgeblendet, die Killing Fields nicht zur Kenntnis genommen.
    China konnte ohne Kritik die Fäden ziehen, die Waffen liefern, Vietnam zu einem unfreien kommunistischen Land machen, jede Opposition ersticken.
    Die Schuld war und ist bis heute den USA angehängt worden.

    Nach dem gleiche Muster hat sich diese Geisteshaltung dem Islam zugewandt. China und Vietnam taugen nicht mehr und sind weit weg.
    Der Hass auf die eigene Gesellschaft ist bei vielen Alt-68gern geblieben, seither sind neue Generationen nachgekommen welche durch sie indoktriniert wurden.

    Der Frieden der kommunistischen Unterdrückung und der Frieden
    einer sogenannten Religion ist ohne Hinterfragung zu akzeptieren, andernfalls will man diesen “Frieden” herausfordern und seinen dann “gerechten ” Zorn verspüren.

    Das alles geht nur wenn man die Deutungshoheit hat, solange unsere Medien hier mitspielen wird diese falsche Erzählung die Realität bestimmen.

  3. GeBa

    Rabiate Rechte? Kann schon sein, dass es sie gibt, aber 90% derer, die rechts sind, sind Menschen die entsetzt sind, was aus ihrem Land wurde, entsetzt sind wenn sie auf die Straße gehen und fast nur mehr “Ausländer” sehen, egal ob eingebürgert oder nicht, ob Asylanten oder Migranten, sie sind auf den ersten Blick erkennbar und benehmen sich auch meist nicht so, wie wir das wollen.
    Früher, als Wien noch mein Wien war, hat man sich gefreut, wenn man z.B. einen gepflegten Schwarzen sah, wenn man auf den Markt ging und man sah fleißige Türken etc., heute hat man das Gefühl, die “anderen” haben die Stadt übernommen. Wenn ich zu meinen Freunden in den 10. Bezirk fahre, die im schönen Teil der Per-Albin-Hanson Siedlung wohnen, sehe ich nur mehr Verschleierte.
    Die Politik ist schuld, dass es so weit kam und wie kann man sich wehren? Mit Worten – und schon ist man ein rabiater Rechter. Nur wer zerstört bei Demos alles? Wirklich die Rechten????

  4. Franz Meier

    @Johannes
    Sehr gute Darstellung des Sachverhaltes. Ausgezeichnet. Hervorragende Aufzeichnung der historischen Entwicklung und Zusammenhänge. Was geht in den Köpfen von Linken ab? Was denken die sich eigentlich? Die wissen doch von den gewaltigen Menschenopfern und Schäden der Kulturrevolution in China. Die wissen doch Bescheid über die Killing Fields in Kambodscha. Sie wissen Bescheid, dass das Monster, der Massenmörder, der kranke Psychopath Stalin viele, viele Millionen Tote auf dem Gewissen hat. Die Sowjetunion ist schlussendlich untergegangen. Das kommunistische China hat nur überlebt, weil der Westen dumm genug war seine Industrien samt Know-how und Technologie nach China zu verschieben. Dass es dazu überhaupt kam, daran sind unsere linken Gewerkschaften und ihre ständigen Arbeitskämpfe im Westen mit Schuld. Unsere Linken wissen auch um die aberwitzigen Umweltschäden die vom Sozialismus verursacht wurden (siehe z.B. Aralsee). Das wissen doch die Linken alles und trotzdem huldigen sie dieser kranken Irrlehre, trotzdem wollen sie nicht wahrhaben, dass Sozialismus und Kommunismus schon mittelfristig nicht funktionieren. Das neueste, aktuelle Beispiel ist Venezuela. Venezuela war in den 60er Jahren das Vorzeigeland Südamerikas. Was ist so verdammt cool an dieser Irrlehre, an dieser neuen Religion, an diesem Konzept? Warum glauben die Linken immer noch, dass man eine wirklich gerechte Gesellschaft erzwingen kann? Die Medien sind Mitschuld an der verklärten Darstellung des Sozialismus. Stellen wir uns vor, die Amerikaner hätten Südkorea in den 50er Jahren nicht gegen die Aggression und den vom kommunistischen Nordkorea ausgelösten Krieg unterstützt. Dann wären die Menschen Südkoreas Teil des “sozialistischen Paradieses” Nordkorea. Dank der amerikanischen Intervention blieb Südkorea ein freies Land und ist heute ein reiches Land. Nordkorea ist bettelarm. Den Vietnamkrieg wollten unsere linken Politiker, Studenten, Journalisten und Medien zugunsten Nordvietnams entschieden sehen. Wo steht das vereinte Vietnam heute entwicklungsmässig und sozial? Hat der Sieg Nordvietnams den Menschen im Süden einen gerechtere Gesellschaft gebracht?

  5. Falke

    Ich habe das Buch natürlich nicht gelesen; ich entnehme allerdings der Rezension, dass offenbar 2 ganz entscheidende Faktoren übersehen oder vernachlässigt wurden. Erstens die falsche Bezeichnung: “Phobie” heißt übersetzt “(extreme) Angst”, während man unter “Islamophobie” ja Ablehnung, Hass gegen den Islam verstehen soll. Zweitens ist der Islam per definitionem keineswegs eine Religion im herkömmlichen Sinne, sondern eine Ideologie und Gesellschaftsordnung, d.h. kein Islam ohne Scharia. Und als solche sollte man den Islam auch behandeln. Das scheint in diesem Buch nicht der Fall zu sein.

  6. Johannes

    @ Franz Meier
    Danke stimme mit ihrer Ausführung voll überein, gutes Beispiel Südkorea von ihnen aber leider der Mainstream kehrt das wie nichts unter den Teppich.

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