Buchtip: “Der Euro” von Hans-Werner Sinn

(CHRISTIAN ORTNER) Im Jahre 1790 verordnete Alexander Hamilton, damals erster Finanzminister der USA, dem jungen Land eine spektakuläre ökonomische Kur. Um einen “wirkungsvollen Zement für unsere Union” zu schaffen, verfügte er, dass künftig der US-Bundesstaat für die Schulden der einzelnen Gliedstaaten einstehen würde. Die Folge waren Schuldenexzesse sonder Zahl und am Ende jede Menge pleitegegangener Bundesstaaten, Depression und Finanzchaos; für viele Historiker einer der Auslöser des Amerikanischen Bürgerkrieges statt “Zement für unsere Union”.

Hans-Werner Sinn, einer der renommiertesten Ökonomen Deutschlands, beschreibt diese Episode in seinem jüngsten Werk “Der Euro – von der Friedensliebe zum Zankapfel” recht ausführlich, weil er sie als warnendes Beispiel für die EU des frühen 21. Jahrhunderts interpretiert. Auch hier, so fürchtet er nicht ohne Grund, würde eine Vergemeinschaftung der Schulden zu harten Konflikten zwischen den Geber- und den Nehmerländern führen, wie sie ja am Rande der Griechenlandkrise schon zu besichtigen waren.

Schmerzhafter Schuldenschnitt
Statt dessen rät er den Euro-Staaten, dem Vorbild der USA zu folgen und ein striktes Verbot der Haftung des Bundes und der Notenbank für strauchelnde Gliedstaaten, Städte oder Kommunen zu erlassen. Nur so sei die notwendige Budgetdisziplin durchzusetzen, während eine Vergemeinschaftung von Schulden in der Praxis nur zu immer neuen Schuldenexzessen führe.

Es ist ein monumentales Werk, das der Professor mit dem berühmten Lincoln-Bart da vorlegt: 536 eng beschriebene Seiten dick, mit 1185 Gramm so schwer wie ein kleineres Huhn und mit zahllosen Statistiken, Kurven und Tabellen versehen, haben wir es hier trotz der klaren Sprache nicht eben mit leichter Lektüre zum Einschlafen zu tun, sondern eher mit Arbeit, die dem Leser da abverlangt wird. Arbeit, die sich freilich lohnt.

Noch nie zuvor dürften die Geschichte, die Funktionsweise und die Dysfunktionalitäten der europäischen Einheitswährung so genau beschrieben worden sein wie in diesem Werk, das Sinn in englischer Sprache verfasst hat, das zuerst in der renommierten Oxford University Press erschienen ist, in einer chinesischen und einer koreanischen Fassung vorliegt und nun erst, bei Hanser, in die Muttersprache des Professors übersetzt und verlegt worden ist.

Sinn beschränkt sich nicht darauf, die mittlerweile sattsam bekannten Konstruktionsfehler des Euro zu beklagen, er bietet auch Lösungen an. So plädiert er für einen schmerzhaften Schuldenschnitt zugunsten der unmäßig verschuldeten Euro-Staaten, allen voran Griechenland: “Die europäischen Steuerzahler hängen wegen all dieser öffentlichen Kredite, die zum Teil ohne, zum Teil mit der Zustimmung der Parlamente vergeben worden waren, bereits an der Angel. Sie sollten sich dieses Schicksals bewusst werden und ihre Verluste abschreiben, anstatt ihren Politikern zu erlauben, den eingeschlagenen Kurs immer weiter fortzusetzen und dabei immer größere Verluste anzusammeln.”

Gleichzeitig verlangt er ein Ende jener Schuldenpolitik, die sich seit Jahren in der EU als “Austeritätspolitik” tarnt, aber weit von einem Abbau der Schuldengebirge entfernt ist: “Man kann sich durch neue Schulden für eine gewisse Zeit Luft verschaffen, indem man der Binnenwirtschaft eines Landes künstliche Nachfrage zuführt, vielleicht lange genug, um bis zur nächsten Wahl durchzuhalten. Deswegen lieben ja die Politiker den Keynesianismus, der ihnen das Gewissen erleichtert. Man kann sich aber nicht dauerhaft wie Münchhausen am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen. Schulden lassen sich nicht mit Schulden bekämpfen.”

Für “atmende Eurozone”
Vor allem aber, argumentiert Sinn, müsse das Design der Euro-Zone verändert werden. Die derzeitige vertragliche Regelung, wonach ein Austritt eines Landes nicht möglich ist, hält er für falsch. Statt dessen plädiert er für eine “atmende Eurozone”, die schwächelnde Mitgliedsstaaten für ein paar Jahre verlassen können, um im Wege von Abwertungen wieder Boden unter die Füße zu kriegen, anschließende Rückkehr nicht ausgeschlossen.

Statt dessen, so fürchtet er, droht “eine ewige Hängepartie mit hoher Arbeitslosigkeit und einer unzufriedenen Bevölkerung”, inklusive der Gefahr, “dass sich am Ende alle gegenseitig die Köpfe einschlagen”. So wie dank Herrn Hamiltons Schuldenunion damals in den jungen USA. (WZ)

5 comments

  1. Zaungast

    “… 536 eng beschriebene Seiten dick, 1185 Gramm schwer…”

    Es wird alles nichts nutzen. Es können noch so viele gescheite, dicke, schwere, monumentale Werke publiziert, noch so viele kluge Blogs und Leserbriefe geschrieben werden, die politische Entwicklung bleibt davon unbeeindruckt und unberührt. Das Unheil nimmt seinen Lauf und wird sich nicht aufhalten lassen. Weil es die Menschen so wollen.

  2. menschmaschine

    @ Zaungast

    Richtig. Die Menschen sind seit Jahrzehnten, genauer seit 1970, von den Versprechungen des Sozialismus, er werde stets wie ein gütiger Vater für alle und alles sorgen, korrumpiert und belämmert. Begriffe wie “Eigenverantwortung”, “Freiheit” oder “Sparsamkeit” wurden mittels staatlicher Gehirnwäsche diskreditiert und sind heute praktisch niemandem schmackhaft zu machen.
    Ohne großen Krach wird niemand begreifen, dass grundlegende Änderungen notwendig sind. Leider.

  3. Falke

    Diesen Grundsatz – die “no bail out”-Klausel – gibt es ja längst in der EU. Nur wurde und wird sie – wie so viele andere EU-Gesetze – nicht eingehalten; ohne jedwelche Folgen. Daher bin ich – spät aber doch – zu dem Schluss gekommen, dass die EU eigentlich eine Fehlkonstruktion ist.

  4. Carl Schurz

    Zu viele wollen es – vermutlich – so weiter machen. Weder Ochs noch Esel halten diesen Irrsinn auf. es muss wahrscheinlich erst zum big bang kommen.

  5. Lisa

    Wenn Mama und Papa wegen der finanziellen Überforderung der Kinder nun die Handyrechnungen des Nachwuchses selbst bezahlen, dürfen sie sich nicht wundern, wenn die dann ncoh höher ausfallen als zuvor. So lange, bis es heisst “Heinerle, Heinerle, hab kein Geld”

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