Buchtip: Der Mann, den Putin jagt

(C.O.) Wenn es in knallroten Lettern “Wie ich Putins Staatsfeind Nummer 1 wurde” von einem Buchcover schreit, dann ist Skepsis angebracht – angesichts des Konfliktes zwischen Russland und dem Westen ist es für einen Verlag einfach zu verführerisch, jedes Buch, in dem Putin irgendwie eine Rolle spielt, entsprechend gnadenlos zu vermarkten.

Ob der amerikanische Investmentbanker Bill Browder, Autor von “Red Alert – Wie ich Putins Staatsfeind Nummer 1 wurde”, tatsächlich ganz oben auf der Hit-Liste des Kreml steht, weiß naturgemäß niemand; gut möglich ist es freilich durchaus. “Ich muss damit rechnen, dass Putin oder Angehörige seines Regimes mich eines Tages ermorden lassen”, schreibt er, nicht ohne Grund.

In kurzer Zeit reich geworden
Browder, 51, stammt aus einer politisch weit links außen angesiedelten US-Intellektuellenfamilie, sein Großvater war Vorsitzender der Kommunistischen Partei der USA. Das habe in ihm, beschreibt er, früh den Wunsch ausgelöst, “Kapitalist zu werden”. Und das ist ihm auch flott und erfolgreich gelungen. Als Mittzwanziger ging er unmittelbar nach dem Kollaps des Kommunismus im Auftrag einer US-Investmentbank nach Polen, um dort ein bankrottes Automobilkombinat zu sanieren, reiste bis Murmansk am Polarkreis (“Gelsen groß wie Tennisbälle und Klos ohne Toilettensitz im besten Hotel der Stadt”), um bei einer Privatisierung behilflich zu sein, investierte seine ganzen Ersparnisse in zuerst polnische und später russische Unternehmens-Entstaatlichungen und verdiente damit seine ersten Dollarmillionen.

Packend beschreibt er den rohen Kapitalismus der frühen russischen 1990er Jahre, wo an improvisierten Börsen hunderte Millionen Dollar in bar auf Campingtischen gegen Unternehmens-Coupons getauscht werden, der Wert von Aktien sich binnen kurzem verhundertfacht und die späteren Oligarchen ihren Reichtum begründen.

2005, am Höhepunkt seiner Karriere, verwaltet sein Hedgefonds “Hermitage Capital” ein Vermögen von fast fünf Milliarden Dollar, Browder gilt als einer der erfolgreichsten Fondsmanager seiner Zeit und könnte bis ans Ende seiner Tage mit Frau und Kindern Reichtum und Luxus genießen. Könnte, denn plötzlich wird er Opfer einer räuberischen Attacke eines russischen Oligarchen, dem es gelingt, ihm sein Unternehmen zu stehlen. Das ging damals in Russland und geht vielleicht sogar auch noch heute, wenn man Pech oder die falschen Gegner hatte.

Browder beginnt, um sein Vermögen zu kämpfen, und wird damit zwangsweise zum Feind der Oligarchen-Klasse. Solange Putin diese Männer nicht gänzlich unter Kontrolle hat, lässt er Browder als losen Verbündeten gewähren, der sich zu einer Art Aktionärs-Aktivist entwickelt, der illegale Operationen der Oligarchen an den Finanzmärkten bekämpft, anfangs durchaus auch nicht ohne Erfolg. Doch Putins Schutzschirm löst sich in Luft auf, sobald der sich mit den Oligarchen arrangiert hat und Browders Rechtsstaatlichkeits-Fimmel für das System Putin zum Ärgernis wird, vor allem seit er aufdeckt, wie korrupte Steuerbeamte 230 Millionen Dollar aus der Staatskasse stehlen. 2005 belegt ihn Moskau mit einem Einreiseverbot. Grund: “Gefährdung der nationalen Sicherheit”. 2013 wird in Abwesenheit ein Strafverfahren (“Steuerhinterziehung”) gegen ihn eröffnet, das Urteil: neun Jahre Gefängnis.

Er ist schon längst ihn London, Russland wendet sich an Interpol, um ihn per “Red Notice”-Haftbefehl weltweit zur Fahndung ausschreiben zu lassen, erfolglos freilich, weil Interpol schließlich erkennt, wie substanzlos die Vorwürfe sind.

Anwalt gefoltert und getötet
Wesentlich schlechter geht die Geschichte für Browders russischen Steueranwalt Sergeji Magnitski aus, der in einem russischen Gefängnis gefoltert wird, um eine Aussage gegen ihn zu erpressen, und schließlich von Killern des Innenministeriums erschlagen wird. Von London aus orchestriert Browder, seither mehr Menschenrechtsaktivist denn Investmentbanker, eine internationale Kampagne gegen das System Putin, das schließlich (2012) im sogenannten “Sergeji-Magnitski-Gesetz” der USA mündet, das korrupten und oder regierungskriminellen Beamten der russischen Regierung US-Visa verweigert.

Sein Buch, so schreibt er, sei für ihn eine Art Versicherungspolice: “Wenn ich umgebracht werde, dann werden Sie wenigstens wissen, wer es getan hat.”

Red Notice. Wie ich Putins Staatsfeind Nr. 1 wurde
Bill Browder
Hanser, 410 Seiten, 22,60 Euro

4 comments

  1. Rennziege

    22. Mai 2015 – 11:22 cppacer
    Was hat Henryk M. Broder mit Bill Browder zu tun, pittäh?

  2. Der Realist

    in kurzer Zeit so reich zu werden ist allerdings auch nicht ganz unverdächtig, ob da nicht doch auch dubiose “Geschäftspartner” mit im Spiel waren

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