Buchtip: “Die Alchemisten”

Von | 22. Mai 2013

Jean Claude Trichet, damals noch Präsident der Europäischen Zentralbank, bereitet sich an jenem 9. August 2007 auf eine Bootspartie mit seinen Enkelkindern in der Bretagne vor; französischer Tradition folgend hatte er gerade seinen Sommerurlaub angetreten. Auch Mervyn King, Gouverneur der “Bank of England”, hatte sich einen freien Tag genommen und wollte an jenem Donnerstag im Londoner Kennington-Cricket-Stadion das Match Großbritannien gegen Indien verfolgen. Nur Ben Bernanke, wohl der mächtigste im exklusiven Klub der mächtigsten Zentralbanker der Welt, war auf dem Weg zur Arbeit. Seine Sicherheitsbeamten fuhren ihn an jenem Morgen ins Washingtoner Regierungsviertel, wo er ein Arbeitsfrühstück mit Finanzminister Henry Paulson verabredet hatte.

Für alle drei Männer würde der Tag freilich ganz anders verlaufen, als sie geplant hatten. Denn noch bevor er seine Bootspartie beginnen konnte, läutete Trichets Mobiltelefon. Francesco Papadia, hochrangiger Mitarbeiter der EZB in deren Frankfurter Hauptquartier, berichtet dem Chef: “Wir haben ein Problem.” Das war nicht wirklich untertrieben, denn an jenem Tag hatte die US-“Subprimekrise” erstmals eine europäische Bank getroffen, die französische BNP Paribas. Es sollte der Beginn einer der turbulentesten wirtschaftlichen Phasen der europäischen Nachkriegsgeschichte werden.

Bernanke, Trichet und King sind denn auch die zentralen Figuren in Neil Irwins spannender Reportage “The Alchemists – Three Central Bankers and the World on Fire”, einer packend und sachkundig geschriebenen Geschichte des Kampfes dieser drei Männer gegen die gefährlichste Wirtschaftskrise seit der Depression der 1930er Jahre. Eines Kampfes, dessen Ausgang noch immer höchst ungewiss ist und der noch einige Jahre andauernd wird, wenn auch mit anderen Akteuren an der Spitze der Notenbanken.

Geschickt verbindet Irwin, im Hauptberuf Redakteur der renommierten “Washington Post”, die Biographien von Bernanke, Trichet und King mit den gewagten geldpolitischen Manövern der drei Zentralbanken mit dem Ziel, eine globale Depression, den massenhaften Zusammenbruch von Banken und das damit verbundene Chaos zu verhindern. Weil das wesentlichste Instrument der Notenbanken in diesem Kampf die Erschaffung von Geld buchstäblich aus der Luft heraus ist, trifft Irwins Titel “Die Alchemisten” durchaus den Kern der Sache. Auch denen ging es ja, wenn auch vergeblich, um die Erschaffung realer Werte aus dem Nichts.

Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass der wirtschaftspolitisch einigermaßen interessierte Leser trotz der peniblen Recherchen des Autors keine wirklich sensationellen Neuigkeiten aus dem gewöhnlich eher mit großer Diskretion betriebenen Geschäft der Notenbanken erfährt; dazu war die Berichterstattung in den Medien der letzten Jahre zu dicht.

Für finanzpolitische Feinspitze freilich wird Irwins Enthüllung hochinteressant sein, dass 2011 ausgerechnet Axel Weber, damals Präsident der Deutschen Bundesbank, als erster Notenbanker der Eurozone intern bei einem Treffen der EZB-Spitzen vorgeschlagen hatte, die EZB möge Staatsanleihen der krisengeplagten Südstaaten ankaufen, um die Panik an den Märkten zu lindern. Offiziell waren damals die Bundesbank und ihre Führung entschieden gegen derartige Maßnahmen aufgetreten.

Webers Vorstoß blieb eine rätselhafte Episode – denn schon am Morgen nach jener Sitzung der EZB setzte er ein Mail an seine Kollegen ab, in dem er seinen Vorschlag eilig wieder zurückzog.

Für die Geschichte entweder Helden oder Unglücksraben
So vergnüglich die zahllosen Details sind, die der Autor recherchiert hat – dass etwa Ben Bernanke am Sonntag regelmäßig in seinem Büro anzutreffen ist, dort aber Jeans und T-Shirts trägt -, so sehr gebricht es dem Buch an der gebotenen Distanz zu den Helden der Handlung. Vor allem Bernanke wird von Allen weitgehend kritiklos zu einem wahren Superstar der Geldpolitik hochstilisiert, dessen Politik des massiven Gelddruckes die Welt vor einem ökonomischen Armageddon bewahrt habe.

Die Frage, ob diese Politik des Gelddruckens nicht langfristig in einem noch viel schlimmeren Debakel enden wird, ist unter seriösen Ökonomen durchaus umstritten; und ob Bernanke und seine Kollegen am Ende des Tages als Helden oder als Unglücksraben in die Geschichte eingehen werden, ist noch völlig offen. Dies ausreichend zu berücksichtigen, hätte dem trotzdem recht lesenswerten Buch nicht gerade geschadet. (WZ)

The Alchemists

Neil Irwin

Penguin Press, 430 Seiten, 23,99 Euro

Ein Gedanke zu „Buchtip: “Die Alchemisten”

  1. Thomas F.

    Banditen wäre ein passenderes Wort.

    Es war nie die definierte Aufgabe der Zentralbanken, die selbst verursachte Insolvenz eines großen Teils der Banken zu verhindern.

    Geld drucken kann ich auch. So jemand ist nie Held.

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