Buchtip: “Die Israel-Boykottbewegung”

Von | 27. November 2020

(red.) Immer wieder schafft es die  Israel-Boykottbewegung “BDS”  in die Schlagzeilen. Aber wer sind diese Leute eigentlich, woher kommen sie? Ein neues Buch (” Die Israel-Boykottbewegung. Alter Hass in neuem Gewand”) beleuchtet diese Bewegung.

BDS – “Boycott, Divestment and Sanctions”- behauptet, 2005 als Reaktionen auf einen Aufruf der „palästinensischen Zivilgesellschaft“ entstanden zu sein, bloß für die Einhaltung der Menschenrechte der Palästinenser einzutreten, gewaltfrei zu agieren und mit Antisemitismus nichts zu tun zu haben.

So gut wie nichts davon trifft zu. Die Berufung auf die palästinensische Zivilgesellschaft soll die tatsächlichen Wurzeln der Boykottbewegung vernebeln; BDS geht es weder um Menschenrechte, noch um die Lebensumstände der Palästinenser, sondern um die Verdammung und Delegitimierung Israels; und BDS vertritt alten Hass in neuem Gewand: In der BDS-Propaganda wird Israel als „kollektiver Jude der Nationen“ auf grotesk verzerrte Art und Weise diffamiert, ausgesondert und völlig anders behandelt als alle anderen Länder der Welt. „Boykottiert Israel!“ lautet der Schlachtruf einer antisemitischen Kampagne, die entgegen ihrer Selbstdarstellung in Wahrheit auf nichts anderes abzielt, als auf die Beseitigung Israels als jüdischer Staat.

Die Forderung nach einem umfassenden Boykott Israels ist keineswegs neu: Beinahe in Vergessenheit geraten ist der jahrzehntelange Wirtschaftskrieg, mit dem die Arabische Liga versuchte, die ökonomische Basis des 1948 gegründeten jüdischen Staates zu zerstören. Gezielt setzten die arabischen Staaten ihr eigenes wirtschaftliches Gewicht ein, um Israel, aber auch jüdische Unternehmen und Personen weltweit zu diskriminieren und all jene zu boykottieren, die dabei nicht mitmachen wollten.

Die unmittelbare Vorgeschichte der BDS-Bewegung begann im September 2001 Damals wurde eine große Konferenz von Nichtregierungsorganisationen, die parallel zur dritten „Weltkonferenz gegen Rassismus“ der Vereinten Nationen im südafrikanischen Durban stattfand, von israelfeindlichen Organisationen und Aktivisten gekapert und in ein Festival des Israelhasses und des teils offenen Antisemitismus umgewandelt. In der Abschlusserklärung dieser NGO-Konferenz wurde unter anderem ein umfassender internationaler Boykott Israels gefordert. Im Anschluss daran unternahmen israelfeindliche Akademiker in Großbritannien und den USA erste Versuche, Boykottmaßnahmen gegen Israel auf den Weg zu bringen – Jahre bevor die BDS-Bewegung offiziell ins Leben gerufen wurde.

Eine Analyse der drei Hauptforderungen des BDS-Gründungsaufrufes von 2005 zeigt, warum die Behauptung, die Boykottkampagne würde bloß eine Änderung der Politik Israels gegenüber den Palästinensern im Westjordanland und im Gazastreifen bewirken wollen, schlicht unhaltbar ist: Zwei der drei zentralen Forderungen beziehen sich überhaupt nicht auf die „besetzten“ Gebiete, sondern auf das israelische Kernland, die dritte tut das zumindest implizit auch – und alle drei laufen in letzter Konsequenz auf die Beseitigung Israels hinaus.

Deutlich wird auch, warum es im besten Fall Augenauswischerei ist, den BDS-Aufruf als Dokument der „palästinensischen Zivilgesellschaft“ darzustellen, und dass es mit der stets betonten Gewaltfreiheit einer Bewegung nicht weit her sein kann, wenn in ihrer Mutterorganisation Gruppen wie die Hamas, der Palästinensische Islamische Dschihad und die Volksfront für die Befreiung Palästinas vertreten sind, die allesamt von der EU aus guten Gründen als Terrororganisationen eingestuft werden.

Hitzig debattiert wird die Frage, ob die BDS-Kampagne antisemitisch ist oder nicht. Unsere Antwort darauf lautet eindeutig: ja. Wir begründen sie auf zwei Ebenen: Einerseits entlang gängiger Definitionen von israelbezogenem Antisemitismus, die in den vergangenen Jahren erarbeitet wurden. Die BDS-Bewegung erfüllt mühelos fast jedes einzelne Kriterium dieser Form des Antisemitismus. Andererseits sehen wir uns an, was die BDS-Kampagne ausmacht: Sie ist ein fundamentaler Angriff nicht bloß auf den Staat Israel, sondern auch auf eines der wichtigsten Symbole zeitgenössischen jüdischen Lebens – und dafür gibt es eine Bezeichnung.

Bei BDS handelt es sich um eine internationale Kampagne, deren Stellenwert und Bedeutung in verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich ist. Relativ stark ist sie in Großbritannien und in den USA, wo sie vor allem im akademischen Bereich lautstark auf sich aufmerksam macht, aber auch zunehmend Gegenwind bekommt. Der Blick auf Deutschland und Österreich zeigt, dass, die Bedeutung der BDS-Bewegung hier bisher äußerst überschaubar geblieben ist – anders als in einigen anderen europäischen Ländern.

Nach 15 Jahren ihres Bestehens stellt sich die Frage, ob die BDS-Kampagne als eine Erfolgsgeschichte erachtet werden kann. Auf wirtschaftlichem Gebiet, was ja ihr erklärter Schwerpunkt ist, sind die Auswirkungen der Agitation der Boykotteure marginal und haben der Integration Israels in den Weltmarkt praktisch keinen Schaden zufügen können. Relativ erfolgreich war BDS eher auf anderen Gebieten, allen voran im Kunst-, Kultur- sowie im akademischen Bereich. Aber auch dort bleibt ihr Agieren nicht unwidersprochen.

Bedeutung erlangt die Boykottbewegung aber, wenn man sie im Zusammenhang mit anderen Kampagnen zur Delegitimierung Israels betrachtet, wie sie unablässig von etlichen UN-Einrichtungen, zahlreichen internationalen- sowie Nichtregierungsorganisationen und anderen Akteuren betrieben werden. Die EU distanziert sich offiziell zwar von einem Boykott Israels, kooperiert praktisch aber mit BDS-Gruppen bzw. greift in ihrer Politik Positionen von solchen Gruppen auf. So etwa, wenn sie selbst eine Art von „Boykott light“ initiiert. Es sind unter anderem genau diese Verflechtungen, die erklären, warum wir uns überhaupt so ausführlich mit der BDS-Kampagne beschäftigen, die im deutschsprachigen Raum sonst kaum so viel Aufmerksamkeit verdient hätte.
Dazu kommt, dass im Zuge der Antisemitismusdebatten im Sommer 2020, die sich an der Kritik an der Israelfeindlichkeit des post-kolonialen Theoretikers Achille Mbembe entzündet haben, deutlich wurde, wie weit verbreitet die Unkenntnis über die Israelboykotteure und deren tatsächliche Ziele immer noch ist.

Am Ende des Buches wird klar, warum der bekannte Antisemitismusforscher Wolfgang Benz recht hat, wenn er sagt, dass die BDS-Bewegung „unfair, blödsinnig, dumm und falsch“, ist, aber völlig falsch liegt, wenn er meint, sie gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz nehmen zu müssen.

Feuerherdt, Alex/Markl Florian: Die Israel-Boykottbewegung. Alter Hass in neuem Gewand, Hentrich und Hentrich Verlage Berlin/Leipzig 2020, 196 Seiten, 19,90 €. Bestellen hier

2 Gedanken zu „Buchtip: “Die Israel-Boykottbewegung”

  1. Rado

    Dem, dass sich die EU offiziell einem Boykott Israels widersetze, möchte ich widersprechen.
    Wer das Treiben um die Verlegungen der Botschaften nach Jerusalem letzten Jahr verfolgt hat, oder das Agieren Deutschlands in der UNO kommt zu einem anderen Bild.

  2. Falke

    Ergänzend zu den obigen Ausführungen von Rado wäre noch hinzuzufügen, dass die Hamas, der Palästinensische Islamische Dschihad und die Volksfront für die Befreiung Palästinas zwar von der EU als Terrororganisationen eingestuft werden, dieselbe EU aber die UNRWA, die diese Orgnisationen finanziert, fleißg und regelmäßig mit Milliardenberägen unterstützt. Und weil wir schon bei der UNO sind: dort wird Israel (auch mit den Stimmen der EU-Mitglieder) regelmäßig wegen angeblicher Menschenrechtsverletzungen oder Ungerechtigkeiten den Palästinensern gegenüber verurteilt. Als besondere Heuchler erweisen sich hier die Deutschen, deren Außenminister ja angeblich nur wegen Auschwitz in die Politik gegangen ist.

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