Buchtip: “Die letzten Tage Europas”

(C.O.) Wo Henryk M. Broder, im Hauptberuf Autor der deutschen Tageszeitung “Die Welt”, hinschreibt, dort wächst gemeinhin ziemlich lange kein Gras mehr. Seine Texte polemisch zu nennen, erfüllt in aller Regel den Tatbestand der gröblichen Verharmlosung. Und je tabubehafteter ein Thema ist, umso lustvoller schwingt Broder die Keule; einer gepflegten intellektuellen Rauferei geht er nur höchst ungern aus dem Wege. Mal legt er sich mit dem Appeasement gegenüber den Islamisten an (in seinem Bestseller “Hurra, wir kapitulieren”), mal mit der Verwertung des Holocaust (in “Vergesst Auschwitz!”) – und auch für die Bekämpfung des Klimawandels hat er, wenig überraschend, vor allem Spott über. Diese sei “eine Art Feldgottesdienst der Ungläubigen, die sich im Glauben an das Ende der Welt zusammengefunden haben”.

Gegen Glühbirnen-Dirigismus
Wenn sich Broder nun der Europäischen Union annimmt – in seinem jüngsten Buch “Die letzten Tage Europas” -, ist das Resultat, wenig überraschend, nicht eben als Erbauungslektüre für das Nachtkästchen von EU-Kommissionspräsident Manuel Barroso geeignet. “Auf diesem Projekt lastet der Fluch des Größenwahns und der Inkompetenz. Diese Mischung wurde schon dem Luftschiff ,Hindenburg‘ und dem Luxusliner ,Titanic‘ zum Verhängnis (…)”, urteilt er gewohnt streitlustig: “Die EU ist eine Idee, die sich selbstständig gemacht hat.”

Was Broders Text von der handelsüblichen EU-Kritik angenehm abhebt, ist nicht nur der typische rotzfreche und herrlich erfrischende Broder-Sound, sondern vor allem die überhaupt nicht EU-feindliche Grundhaltung, von der aus er die Union kritisiert. Die EU, meint der immerhin 67-jährige Broder, habe ihn bis vor kurzem wenig gekümmert, “und wenn sich jemand über die Brüsseler Bürokratie mokierte, über die Regelung zur Krümmung der Salatgurke, so habe ich das als vernachlässigbare Schrulle abgetan”. Den Europäer besonders raushängen zu lassen, habe er immer irgendwie albern gefunden, findet der in Kattowitz Geborene, “mir wäre schon geholfen, wenn das nicht in Polen, sondern in der Toskana liegen würde”.

Auf die Idee, der EU seine publizistische Aufmerksamkeit zu widmen, habe ihn der unsägliche Glühbirnen-Dirigismus der Union gebracht: “Ich fürchte, eine weitere menschenbeglückende Idee ist im Begriffe, totalitäre Züge anzunehmen.”

Dass sich Broder dem Gegenstand seiner Kritik ohne allzu viel spezielles Vorwissen nähert (“Ich habe noch nie an einer Europawahl teilgenommen”), ist sowohl Schwäche als auch Stärke. Schwäche, weil seine Argumentation naturgemäß kaum neue Fakten oder Zusammenhänge beinhaltet; jedem einigermaßen politisch Interessierten sind die zahllosen Mängel des europäischen Projektes bekannt, die er gnadenlos auflistet, von bürokratischen Narreteien bis zu demokratischen Defiziten sonder Zahl.

Dafür, und darin liegt die Stärke des unvoreingenommenen Zugangs, eröffnet er immer wieder erfrischend neue Perspektiven auf den Gegenstand seines Interesses. Etwa, wenn er von einer in Brüssel ordinierenden Psychoanalytikerin berichtet, die sich auf die Behandlung hochrangiger EU-Beamter spezialisiert hat, denen die mangelnde Sinnhaftigkeit ihrer fürstlich entlohnten Tätigkeit psychosomatische Beschwerden bereitet: “Ich bin mir ziemlich sicher, die meisten von ihnen wissen, dass sie an einem beschäftigungstherapeutischen Programm teilnehmen.”

Ein Moratorium als Lösung?
Wenig spektakulär, aber dafür durchaus nicht unvernünftig ist Broders Idee darüber, wie der Misere beizukommen sei: ein Moratorium, eine Art Auszeit von ein paar Jahren, in denen das europäische Projekt nicht weiter vorangetrieben, sondern grundsätzlich überdacht werden soll. “Während dieser Auszeit findet eine öffentliche Debatte über die Zukunft Europas statt. In jedem Land und grenzübergreifend (…). Und nach zwei, drei oder vier Jahren wird dann abgestimmt, für oder gegen den Euro, für oder gegen die EU, in welcher Form auch immer, als Staatenbund oder als Bundesstaat, als lose Föderation, als Kibbuz, als Kolchose (. . .).”

Dass hochrangige deutsche EU-Funktionäre Broders neues Buch in der Öffentlichkeit eher unfreundlich kommentierten, überrascht wenig. Alles andere hätte den Autor vermutlich auch wirklich an sich selbst zweifeln lassen. Broder eben.

Information
Sachbuch
Henryk M. Broder: Die letzten Tage Europas. Wie wir eine gute Idee versenken. Knaus, 224 Seiten, 20,60 Euro.

15 comments

  1. Thomas Holzer

    “Dass sich Broder dem Gegenstand seiner Kritik ohne allzu viel spezielles Vorwissen nähert (“Ich habe noch nie an einer Europawahl teilgenommen”), ”

    Wie viele derer, welche an Wahlen teilnehmen, egal ob auf nationaler oder EU-Ebene, nähern sich dieser ihrer Wahlentscheidung ohne allzu viel spezielles Vorwissen?!

    Ich denke, so um die zumindest 90%; diesen Wählern wird deren Mangel an speziellem Vorwissen auch nicht vorgeworfen. Außerdem denke ich, in den meisten Fällen reicht der
    vielzitierte “gesunde Hausverstand”, um Fehlentwicklungen schon in deren Anfängen zu diagnostizieren, und nicht ein spezielles Vorwissen 🙂

  2. FDominicus

    Es gibt auf EU Ebene nichts für uns zu wählen, geküngelt wird unter den Finanzministern und die werden von niemandem “überwacht”. Gewählt auch nicht, das es noch nie einem Bürger vergönnt war mitzuentscheiden den oder die da hätte ich gerne als Finanzminster. Das macht die alternativlose Bundeskanzlering in kleiner Runde aus oder auch nicht. Das Buch habe ich gekauft – und tatsächlich gelesen. Es passt, nur gibt es eben auch dort keine Alternative, wie auch die EU ist auf Kurs Eisberg hin oder her. Das EU Parlament ist an Überflüssigkeit nur noch irgendetwas mit UN oder IM m Namen zu toppen ;-(. Alle Macht geht vom Vok aus? Klar in PC korrekten Träumen…

    Broder schreibt auf eine Art und Weise die mir liegt aber auch wenn er anders schriebe, bleiben die Ergebnisse diesselben. Alle Macht den Bürokraten und alle Rechnungen an die Bürger.

  3. Klaus Kastner

    Ja, man kann dieses Buch nur empfehlen. Vielmehr – man müsste es zur Pflichtlektüre aller Palamentarier und Regierungsmitglieder in EU-Ländern machen. Nicht, um sie davon zu überzeugen, dass Broder recht hat. Dazu taugt das Buch nicht. Aber es taugt extrem gut dazu, Anlaß zum Nachdenken zu geben. Das zu tun, was an und für sich Politiker – und nicht nur Politiker! – immer tun sollten: alle bestehenden Strukturen, Richtlinien, Verhaltungsmuster, etc. immer zu hinterfragen, ob sie noch jenen Prämissen entsprechen, auf Basis derer sie geschaffen wurden. Und vor allem um eine kritische Fremdsicht kennenzulernen, damit man erkennt, dass es neben der Eigensicht auch noch eine Fremdsicht gibt.

  4. Thomas Holzer

    @Klaus Kastner
    Verzeihung, aber da verlangen Sie eindeutig zu viel von “unseren Volksvertretern” 😉

  5. Ehrenmitglied der ÖBB

    Wer H. Broder auf seinen rhetorischen Trick von “nicht allzuviel Vorwissen” hineinfällt, ist selber Schuld.
    Dieses scheinbar wenige Vorwissen ist reine Koketterie von ihm? Dazu habe ich schon zu viele Beiträge von ihm gelesen. Wenn es darauf ankommt spielt er sein “Wissen durchaus aus!

  6. Ehrenmitglied der ÖBB

    @ Rennziege
    Vielen dank für den youtube Hinweis! Es ist lustig und geistvoll das Gespräch!
    Aber, Verzeihung ! Ich glaube, das Gespräch hat am Zürcher und nicht am Münchner Hbf. stattgefunden ?

  7. Rennziege

    24. Oktober 2013 – 15:05 — Ehrenmitglied der ÖBB
    Liebes Ehrenmitglied, Sie sollten mich nicht um Verzeihung bitten. Das muss nur ich, denn Sie haben recht. Ich ließ mich durch die weißblauen Straßenbahnen im Intro täuschen, obwohl schon zu Beginn das Schweizerkreuz im Bild ist und die Innenansicht des Bahnhofs nicht auf München, sondern auf Zürich hinweist.
    Mea culpa. Aber schön, dass es Ihnen gefallen hat. Gäbe es Broder nicht, müsste man ihn erfinden. Herzliche Grüße!

  8. herbert manninger

    In einer Zeit, wo Journalisten und selbst Kabarettisten politisch gleichgeschaltet sind, ist Broder eine der wenigen erfrischenden Ausnahmen. Ich mag ihn auch , weil er bei der Wortwahl nicht zimperlich ist, die feine Klinge nämlich verdienen unsere linken und links anbiedernden PolitdeppInnen nicht.

  9. Christian Weiss

    @ Rennziege: Ich glaube kaum, dass dieser Michel von Tell Schweizer ist. Einen solchen Akzent hat kein Deutschschweizer, kein Romand, kein Tessiner, kein Puschlaver und kein Rätoromane.
    Die Verwechslung mit dem Münchner Hauptbahnhof hat sich ja aufgeklärt, obwohl ich schon sagen muss: Wie kann man nur? Die blau-weissen Trams tragen ja nicht nur das schöne Zürcher Blau, sondern auch noch das Zürcher Wappen mit den Zürcher Löwen.

  10. Rennziege

    24. Oktober 2013 – 20:20 — Christian Weiss
    Issja gut! Wie sehr soll ich mich denn noch schämen? Ich geb’s ja zu: Ich hab’ das Intro beim ersten Ansehen übersprungen, Zürich nicht geschnallt und aus dem Zunamen “von Tell” den Schwyzer Gesprächspartner geschlossen. Man richte die Armbrust auf mich! Den Scherben Apfel hab’ ich eh schon auf. 🙂
    Hauptsach’, Broder & von Tell finden ein großes Publikum.

  11. KClemens

    Wer das Buch noch nicht gelesen hat, findet auf der Achse des Guten kleine Anrisse dazu, sowie auch aktuelle Fortschreibungen.

    Seltsam, w-c hat sich noch gar nicht zu Wort gemeldet. Ist doch Europa sein Lieblingsthema… 🙂

  12. world-citizen

    >>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>> Wenig spektakulär, aber dafür durchaus nicht unvernünftig ist Broders Idee darüber, wie der Misere beizukommen sei: ein Moratorium, eine Art Auszeit von ein paar Jahren, in denen das europäische Projekt nicht weiter vorangetrieben, sondern grundsätzlich überdacht werden soll. “Während dieser Auszeit findet eine öffentliche Debatte über die Zukunft Europas statt. In jedem Land und grenzübergreifend (…). Und nach zwei, drei oder vier Jahren wird dann abgestimmt, <<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<

    Und so was aus dem Munde eines Manchesterliberalen?
    Zwei bis drei Jahre Ungewissheit, in der niemand weiß, was nachkommt. Zwei bis drei Jahre Rechtsunsicherheit. Zwei bis drei Jahre Zeit für Kapital und Investoren, das Land zu verlassen. Sie bräuchten es nicht mal fluchtartig zu tun.
    Und so etwas schreibt jemand gerade in einer Zeit, in der es sogar schon den Sozialisten und Kommunisten klar geworden ist, dass damit auch die zutraulichsten Rehe davongejagt werden.

  13. gms

    WC,

    “Zwei bis drei Jahre Rechtsunsicherheit.”

    Weswegen zum Henker soll ein einziges Unternehmen ein Land verlassen, das nicht in einer Sozial-, Steuer- und Transferunion aufgehen will und auch keinen Bock auf Quoten im Aufsichtsrat hat oder irgendwelche gerechtistische Gehaltsvorschriften für Manager ablehnt? Oder meinen Sie einmal mehr die Angst vor rollenden Panzern, wie sie tagtäglich an der norwegisch-schwedischen oder deutsch-schweizerischen Grenze zu sehen sind?

  14. Brautkleid

    Das Gespräch mit Broder und Tell war in der Schweiz habe ich zumindest gelesen.
    Die Schweizer Fahne im Background erhärtet den verdacht :p
    Und was den Dialekt angeht. Ich weiss ja nicht wirklich was das für eine Rolle spielt, zumal ich garkeinen höre, ich kenne Leute die sprechen die Sprache Ihres Geburtslandes garnicht mehr richtig 🙂 zb Arnie i ll be back und ich kenne auch Leute die haben den PAss eines Landes dessen Sprache sie nicht beherschen.
    Aber dies nur am Rande. Wusste ohnehin nicht worauf du damit hinaus wolltest.
    Danke für den Link Rennziege. Hat mir gefallen

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