Buchtip: “Die Mathematik des Daseins”

(ANDREAS TÖGEL)  Um mit dem Positiven zu beginnen: Hier schreibt Rudolf Taschner, ein Mann, der komplizierte Sachverhalte und Problemstellungen in einer auch für den Laien gut verständlichen Sprache darzustellen weiß. Der Autor pflegt einen flüssigen, leicht lesbaren Schreibstil und verfügt über das weit über sein Sachgebiet, die Mathematik, hinausgehende Wissen des Bildungsbürgers. Hat man erst einmal zu lesen begonnen, fällt es nicht leicht, das Buch wieder aus der Hand zu legen.
Wer sich am Titel orientiert und erwartet, eine profunde Darstellung der Spieltheorie vorzufinden, wird indes eine Enttäuschung erleben. Recht rasch nämlich stellt sich der Eindruck ein, dass die geschilderten spieltheoretischen Problemstellungen, lediglich den Aufhänger für eine Fülle anekdotischer Erzählungen über das Leben großer Mathematiker und Philosophen bilden. Zweifellos ist es interessant, zu erfahren, dass Wien in der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg ein Zentrum der (ökonomischen und mathematischen) Wissenschaften war. Auch die schlaglichtartig geschilderten Biographien von Männern wie Karl Menger (Sohn des Begründers der „Österreichischen Schule der Nationalökonomie“, Carl Menger), Hans Hahn oder Oskar Morgenstern, sind hochinteressant.
Dass die Spieltheorie in der Zeit des kalten Krieges eine wichtige Rolle spielte, um politisch-strategische Entscheidungen zu erleichtern, ist bemerkenswert und sicher nicht allgemein bekannt. Dass spieltheoretische Erkenntnisse auch für wirtschaftlich handelnde Akteure überaus hilfreich sein können, genauso wenig. Doch leider kommt die von vielen Käufern des Buches zweifellos erwartete, tiefgreifende Beschäftigung mit dem apostrophieren Spezialgebiet der Mathematik, eindeutig zu kurz. Selbst ein in Fragen der Mathematik einigermaßen unterernährter Leser wie der Verfasser dieser Zeilen, konnte dem Band nicht viel Neues entnehmen.
Der „Zahlensack“ (ein alter Falschspielertrick), oder das „Chicken-Game“ und das „Gefangenendilemma“ werden, neben anderen „Spieltableaus“, zwar anschaulich dargestellt. Der Horizont der meisten Leser dürfte dadurch aber nicht entscheidend erweitert werden. Fazit: Immerhin eine unterhaltsame, intelligent und kurzweilig geschriebene Erzählung…

Die Mathematik des Daseins / Eine kurze Geschichte der Spieltheorie
Rudolf Taschner
Hanser-Verlag, 2015
ISBN: 978-3-446-44479-9
251 Seiten, gebunden
21,90,- Euro

7 comments

  1. cmh

    Typisch für den Zustand unserer Denke und Argumentation ist, dass als erste Amtshandlung der sprechende Klarname “Soko Asyl” auf das nichtssagende Wortgeklingel “Soko Zerm” geändert werden musste. War wohl wegen der Gutties nötig.

  2. Thomas F.

    Es ist traurig, dass eigentlich Mathematik in der allgemeinen Schulausbildung so gut wie nicht vermittelt wird. Es wird meist nur “Rechnen” gelernt, als ob das Mathematik wäre. Dabei wäre Mathematik und die Übung des logischen und abstrakten Denkvermögens die wichtigste Basis um sich anderen komplexen Themenstellungen zu nähern.
    Der “in Fragen der Mathematik einigermaßen unterernährte Leser” würde wohl seine Zeit besser nützen, wenn er versäumtes durch die Lektüre international bewährter Einführungsliteratur nachholt. Ein Klassiker ist zum Beispiel “What Is Mathematics?” von Courant und Robbins.

  3. cmh

    Um Gottes willen, das ist ja Englisch!

    Es gibt aber gsd auch das deutsche Original. – Wobei man bei dieser Zeit nie ganz sicher sein kann, was denn das Original ist.

    Anschauliche Geometrie von Hilbert ist aber auch jedem Taschner vorzuziehen.

  4. astuga

    Varoufakis ist ja mit der Spieltheorie auch gut gefahren.
    Nicht als Minister aber als Privatmann. 😉

  5. Rennziege

    Sehr geehrter Herr Tögel,
    ich hab’ dieses Buch vor ein paar Tagen in Berlin, quasi druckfrisch, überflogen und finde Ihre Kritik zu hart. Rudolf Taschner, stets (auch in der “Presse”) lesenswert, hat hier einen überlangen, aber unterhaltsamen Essay geschrieben, der das Interesse der Leser weckt, sich über wissenschaftliche und historische Details zum Thema aus tiefergehenden Quellen zu bedienen.
    Hätte Herr Taschner ein akademisches Werk im Sinn gehabt, wäre er nicht mit gut 250 Seiten ausgekommen, sondern wäre mit dem nötigen zehnfachen Volumen bei den meisten Verlagen auf taube Ohren gestoßen. Das sind die Zeiten, in denen wir leben. Zum Vergleich: Charlotte Roche geht mit ihrem neuen Bändchen gebrauchten und bedruckten Klopapiers mit einer Startauflage von einen halben Million Exemplaren ins Rennen.
    Und nun? Ganz Deutschland befeuchtet in freudiger Erwartung seine Intimwäsche.

  6. Andreas Tögel

    Verehrte Rennziege,
    “Harte Kritik” zu üben, war nicht meine Absicht. Mir hat das Buch ja auch sehr gut gefallen (wie mir auch die Gastkommentare des Autors in der “Presse” zusagen). Ich hatte nur etwas anderes erwartet und vermute, dass das auf die meisten Käufer des Buches zutreffen wird…

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