Buchtip: “Die Rückkehr des Kalifates”

(C.O.)  Irgendwann in der näheren Zukunft: Der Gesandte des Islamischen Staates überreicht dem Herrn Bundespräsidenten sein Beglaubigungsschreiben, die wichtigsten EU-Staaten eröffnen Botschaften in der Hauptstadt dieses Islamischen Staates, und dessen Oberhaupt, Kalif al-Baghdadi, hält eine programmatische Rede vor der UNO-Vollversammlung. Der “Islamische Staat” hat seine Anführungszeichen verloren und ist eine Nation wie alle anderen auch geworden.

Eine absurde Vorstellung? Nicht unbedingt, behauptet die renommierte italienische Terror-Expertin und Autorin Loretta Napoleoni in ihrem provokanten Buch “Die Rückkehr des Kalifats – Der Islamische Staat und die Neuordnung des Nahen Ostens”. Den derzeit laufenden Versuchen, das Terrorkalifat militärisch niederzuringen, gibt sie nämlich wenig Chancen auf Erfolg – und diagnostiziert deshalb: “Wir müssen einen Dialog mit dem IS aufbauen, um diesen Staat einzudämmen. Und vielleicht müssen wir diesen sogar in die internationale Gemeinschaft integrieren. Bomben ist keine Lösung.”

Scharia und Säuberungen
Eine eher gewagt erscheinende These angesichts der jedes Vorstellungsvermögen überschreitenden Unmenschlichkeit, die im Herrschaftsbereich des IS Normalität geworden ist. Doch Napoleoni, eine unbestrittene Kapazität in ihrem Fach, belegt akribisch, warum der IS nicht einfach eine Terrorgruppe ist, die mit ausreichender militärischer Feuerkraft liquidiert werden kann, sondern bereits ein “Protostaat”, also gleichsam die Vorstufe zu einem richtigen Staat – und früher oder später einer werden wird.

Denn entgegen den Stereotypen, die im Westen verbreitet sind, herrscht auf dem Gebiet des “Islamischen Staates”, in dem heute etwa acht Millionen Menschen leben (so viele wie in Österreich), nicht einfach “finsterstes Mittelalter”, sondern eine Mischung aus streng interpretiertem Islamischem Recht (Scharia), einer Art von rudimentärem Sozialstaat und einer bestialischen Politik der ethnischen Säuberung gegen alle als “Ungläubige” denunzierten Menschen.

Dabei herrscht das Kalifat aber nicht nur durch reinen Terror, sondern durchaus auch mittels des Versuches, die Menschen für sich zu gewinnen. “Es gibt beim IS Leute, die sich allein um die Bedürfnisse der Bevölkerung kümmern”, meint die Autorin. “Sie tun alles dafür, einen Konsens herzustellen. In dieser Hinsicht präsentiert sich dieser Staat als moderner Staat, als westlicher Staat.” Sobald eine Stadt vom Kalifat kontrolliert wird, beginnt der IS mit dem Aufbau eines neuen Gemeinwesens: Gerichtsbarkeit, medizinische Versorgung, Straßenbau, die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln.

Und wer sich den Rechtsvorstellungen des Islamischen Staates unterwirft, der profitiert von Sicherheiten, die es so in den “failed states” Irak und ganz besonders Syrien nicht gegeben hat. Nicht das finstere Mittelalter, sondern eher der europäische Nationalsozialismus des 20. Jahrhunderts ist in dieser Analyse die passende politische Analogie zum heutigen IS.

All das, argumentiert Napoleoni, erzeuge eine gewisse Loyalität gegenüber dem Kalifat in den von ihm eroberten Gebieten – und werde es der Allianz gegen IS schwer bis unmöglich machen, das Problem militärisch zu lösen.

Nicht zuletzt auch deshalb, weil der IS überhaupt keine Berührungsängste gegenüber der Moderne kennt. Virtuos beherrschen IS-Leute die sozialen Netzwerke und andere Formen der Kommunikation im Internet, verfügen über hochentwickelte Kenntnisse in PR und Marketing und gehen geradezu spielerisch mit ihnen um.

Anders als die Taliban
“Sie haben nichts gegen Fernsehen, Smartphones oder andere technische Annehmlichkeiten, sie sind anders als die Taliban, die zurück ins 7. Jahrhundert wollten. Sie haben nichts gegen Impfungen gegen Kinderlähmung. Kurz, sie wollen ein Kalifat des 21. Jahrhunderts” (Napoleoni).

Der Westen, argumentiert die Autorin, müsse verstehen, dass die nicht zuletzt von ihm geschaffene Staatenwelt des Nahen Ostens mit ihren willkürlichen Grenzen weitgehend gescheitert sei. Und nun auf deren rauchenden Trümmern in Syrien, dem Irak oder in Libyen neu staatliche Gebilde entstehen, die dem “Islamischen Staat” vermutlich ähnlicher sein werden, als das dem Westen lieb sein kann.

Ein kompaktes, lesbar und intelligent geschriebenes Buch, das dabei hilft, diesen faszinierenden Prozess zu verstehen. (“WZ”)

4 comments

  1. Enpi

    Kalifat oder Zerbomben? Ich will zweiteres. Ist auch eine schöne praktische Übung für neue westliche Waffensysteme.

  2. Paul H. Ertl

    Bomben ist keine Lösung ? Mag sein, aber bevor ich das glaube, möchte ich erst das gesamte Gebiet des “IS” wenigstens zweimal KOMPLETT umgepflügt sehen. Letztlich hat man ja auch die Nazi-Deutschland und – was ich für noch schwieriger halte – das japanische Kaiserreich durch (äußerst) großzügige Anwendung von Explosivstoffen “überzeugen” können. Daß das für die EU schon in Ermangelung geeigneter Ausrüstung nicht in Frage kommt, ist klar.

  3. PP

    Die Entschlossenheit von damals, die Nazis niederzuringen gibt es heute nicht mehr.

  4. Enpi

    PP
    oberflächlich betrachtet mögen Sie recht haben. Allerdings ist die Zivilisation auch nur eine Maske. Derzeit wird der Islam als keine existentielle Bedrohung betrachtet und die Friedenstauben dürfen sich weiter austoben. Wenn jedoch z.B. eine islamische Kernwaffe das Zentrum Londons verwüstet und hundertausend Tote fordert, wird sich die westliche Gesellschaft adjustieren.

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