Buchtip: “Die Superreichen”

Von | 26. September 2013

(C.O.) Wer sich für das Schicksal der Armen interessiert, findet laufmeterweise einschlägige Literatur. Die Welt der Armut ist bestens erforscht. Wer sich hingegen für die Welt der Reichen interessiert, und zwar nicht aus der Perspektive von Glitter & Glamour, sondern in politischem und ökonomischem Kontext, der hat ein Problem. Denn die Reichen schätzen es in der Regel nicht, von Reichtumsforschern interviewt, ausgefragt und vermessen zu werden. Sie ziehen es in aller Regel vor, sich hinter hohen und gut gesicherten Mauern zu verbergen. Der Reiche genießt und schweigt.

Um so beeindruckender ist die Leistung der britischen Journalistin Chrystia Freeland, deren neuestes Buch “Die Superreichen – Aufstieg und Herrschaft einer neuen globalen Geldelite” die derzeit fundierteste, präziseste und auch erschöpfendste Analyse des widerspenstigen Themas darstellt. Dass Frau Freeland außerordentlich lesbar und streckenweise durchaus auch vergnüglich zu schreiben versteht, macht ihren Text zu einer ebenso erbaulichen wie Erkenntnis fördernden Lektüre.

Aus eigener Kraft nach oben
Ihre zentrale These: Die Superreichen von heute unterscheiden sich nicht nur vom Rest der Bevölkerung, sondern auch von ihren Vorgängergenerationen an Milliardären und Multimilliardären erheblich. Denn während früher vor allem Hochadel und Erben die Liste der Reichsten dominierten, sind es heute zum Großteil Menschen, die sich ihren Reichtum selbst erwirtschaftet haben.

Von den 1266 US-Milliardären des Jahres 2012 haben es “840 aus eigener Kraft nach ganz oben geschafft. (…) Das Gros ihres Reichtums ist im Allgemeinen die Frucht von energischem Antrieb, Intelligenz und einer Menge Glück. Sie sind im Großen und Ganzen Meritokraten der Wirtschaft, die sich nicht nur mit dem Konsum von Reichtum beschäftigen, sondern mit seiner Schaffung” – ein Aspekt übrigens, der in der hiesigen Neiddebatte regelmäßig diskret ausgeklammert wird.

Die besten Chancen, aus eigener Kraft ein Superreicher zu werden, haben Frau Freelands Recherchen zufolge nicht etwa Sprösslinge aus dem Milliardärsmilieu, sondern “Harvard-Studenten mit Provinzschulbildung”, wie sie das nennt, also eine Mischung von bester universitärer Ausbildung und einem gewissen Außenseiter-Status. Mark Zuckerberg (Facebook), Steve Schwarzman (Hedgefonds-Milliardär), Lloyd Blanckfein (Boss von Goldman Sachs), aber auch die meisten jüdischen russischen Oligarchen belegen diese These augenscheinlich.

Dass in den vergangenen Jahrzehnten so schnell wie noch nie so viele Milliardenvermögen wie noch nie entstehen konnten, führt Freeland vor allem auf das heute dominierende “Superstar”-Prinzip zurück. Sein Motto lautet: “The winner takes it all” – und wird dabei steinreich. So hat etwa die Erfindung der Internet-Suchmaschine nicht ein paar hundert Anbieter derartiger Dienste zu Multimillionären gemacht, sondern Google-Gründer Larry Page zu einem Multimilliardär.

Eine Mischung aus Technologie und Globalisierung ermöglicht es den Neuen Reichen, ihre Erträge viel dramatischer zu steigern, als das früher je möglich gewesen wäre. Dass die Autorin mit zahlreichen der Reichsten der Reichen lange und ausführliche Gespräche führen konnte, liegt an ihrer Karriere als Wirtschaftsjournalistin des “Economist”, der “Financial Times”, der “Washington Post” und derzeit bei der Nachrichtenagentur “Thomson Reuters”. Zwei Jahrzehnte lang hat sie so immer wieder mit Reichen über deren Reichtum sprechen können, was ihrem Buch Dichte und Fülle verleiht.

Nationalität wird unwichtig
Superreiche, hat sie dabei beobachtet, bilden mittlerweise eine neue globale soziale Klasse, die ihre Identität nicht mehr an ihre nationale Herkunft bindet, sondern in viel höherem Maß aus der Zugehörigkeit zu dieser Klasse schöpft. “Ein Private-Equity-Unternehmer sagte mir, er habe mehr gemeinsam mit jemandem, der eine große afrikanische Bank leitet, als mit jemandem aus seiner Heimat.”

Freeland, und auch das gibt ihrem Buch Gewicht, ist weder ein naives Milliardärs-Groupie noch eine Vertreterin zeitgeistiger “Eat-
the-Rich”-Allüren. Den Kapitalismus nennt sie “das beste Wirtschaftssystem, um Wohlstand zu schaffen”, warnt aber gleichzeitig vor dem unangemessenen Einfluss riesiger Vermögen auf die Politik, besonders in den USA. Ein kühles, kluges und vernünftiges Buch, das sich mit Recht blendend verkauft. (“WZ”)

Die Superreichen

Cynthia Freeland

Westend Verlag, 258 Seiten, 23,70 Euro

3 Gedanken zu „Buchtip: “Die Superreichen”

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  2. FDominicus

    Ich behaupte mal Reichtum über mehrere Generationen zu erhalten ist die wirkliche Kunst. Natürlich muß jemand mal anfangen, nur schauen wir mal in 50 Jahren und in 100 Jahren was von den heute Superreichen bleibt. Wird sicherlich bei den Zugriffen auf das Eigentum durch gewählte Diebe sehr hart zu erhalten bleiben.

  3. Christian Peter

    @fdominicus

    Schwachsinn. Im Kreditgeld- und Fiatgeldsystem lässt sich (Groß-) Kapital sehr viel schneller vermehren als in anderen Geldsystemen.

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