Buchtip: „Du sollst erfinden“

Von | 31. Oktober 2021

(Christian Ortner/WZ) Was haben der Sonnenkollektor, die geothermische Turbine, Cocktail-Tomaten, der USB-Stick, robotergestützte Wirbelsäulenchirurgie, das erste Freisprech-Smartphone und die künstliche Nase zur Krebserkennung gemeinsam? Antwort: Sie wurden im Laufe der vergangenen Jahrzehnte in Israel erfunden, wie hunderte weitere Innovationen.

Es ist ein merkwürdiges, nicht leicht ohne Stereotype zu erklärendes Phänomen, dass Israel eine so außerordentlich innovative Nation ist. Der Staat mit seinen knapp zehn Millionen Einwohnern, die auf einem Gebiet von der Größe Niederösterreichs umgeben von eher unfreundlichen Nachbarn leben, hat bisher 65 Start-ups hervorgebracht, deren Wert mehr als eine Milliarde Dollar beträgt, „Einhörner“ genannt. Zum Vergleich: Österreich – neun Millionen Einwohner – hat bisher zwei dieser Unternehmen, ganz Europa etwa 250 vorzuweisen.

Die Gründe für diese enorme Leistungskraft israelischer Forscher, Erfinder und Entwickler hat der israelische Autor Avi Jorisch in seinem Besteller „Du sollst erfinden“, der jüngst auf Deutsch erschienen ist, herausgearbeitet. Er traf zwei Dutzend der interessantesten israelischen Erfinder-Unternehmer zu Gesprächen und fand naturgemäß viele Unterschiede in den jeweiligen Lebensläufen, aber auch Gemeinsamkeiten.

„Es gibt mehrere Gründe für den Erfolg Israels als Land der Neuentwicklungen. Dazu gehört die Schaffung einer Kultur, welche die Bürger dazu ermutigt, Autorität infrage zu stellen, stets noch eine weitere Frage zu stellen und das scheinbar Naheliegende nicht einfach hinzunehmen,“ diagnostiziert der Autor. „Chuzpe, der obligatorische Militärdienst, renommierte Universitäten, wohlüberlegte Interventionen der Regierung, Rohstoffknappheit und die ethnische und kulturelle Vielfalt im Land tragen dazu bei, dass sich das kleine Israel zu einer Hochburg technologischer Innovationen gemausert hat.“

„Lebensretter-Flashmob“

Tatsächlich sind es nicht nur Juden, die in Israel erfinden und erforschen, sondern auch muslimische oder drusische Israelis, die oft erfolgreich zusammenarbeiten. Jorisch beschreibt dieses Phänomen anhand des Rettungsdienstes United Hatzalah, der Ersthelfer auf Motorrädern zu Unfällen, Infarkt- oder auch Terroropfern schickt, die meist vor der Rettung ankommen und damit jedes Jahr tausende Menschenleben retten.

Die wohl einmalige israelische Innovation setzt eine hochentwickelte Logistik voraus, die dafür sorgt, dass Ersthelfer in Tel Aviv oder Jerusalem meist binnen 90 Sekunden am Einsatzort sind – ein „Lebensretter-Flashmob“, so Jorisch: Zehntausende Ehrenamtliche aller Religionen machen mit, was auch hilft, Brücken zu bauen. Die Organisation bringt Menschen zusammen, die einander sonst nicht begegnet wären – ultraorthodoxe und säkulare Juden, Christen, Muslime, Beduine und Drusen. Das mache auch Schwierigkeiten: „Einige Geldgeber zogen ihre Zusagen zurück, als sie erfuhren, dass United Hatzalah auch arabische Freiwillige in die Arbeit einbezieht.“ Was andere Israelis wiederum so ärgerte, dass sie noch mehr spendeten

Es sind zwei Dutzend spannende Erfinderporträts, die Jorisch zu einem Panorama israelischer Innovationsfreude zusammenfügt. Dabei verweist er auch auf den Zusammenhang zwischen Religion und Innovation, was theologische Laien überraschen mag. „Spätestens seit dem Mittelalter beten Juden dreimal täglich das ,Alei-nu‘. Unter anderem hält das Gebet uns dazu an, die Welt zu heilen (…) Die Mischna, die im zweiten Jahrhundert kodifizierte mündliche Überlieferung als Ergänzung der Torah, erwähnt zehnmal das Konzept von ‚Tikkun Olam‘, also die Vorstellung von der Heilung der Welt, und schreibt vor, dass den potenziell Benachteiligten im Interesse der Heilung der Welt besonderer Schutz gebührt“, so Joresch.

Religion als Innovationstreiber – ein eher unorthodox anmutender Gedanke, den er klug und überzeugend argumentiert. Dass er kein Hehl daraus macht, Partei zu sein, mindert das Lesevergnügen nicht im Geringsten.

Du sollst erfinden

Avi Joresch

Edition mena-watch

288 Seiten, 19,90 Euro

4 Gedanken zu „Buchtip: „Du sollst erfinden“

  1. Susi

    Hätten wir keine hetzerischen Politiker wie zB. Herr FPÖ Kickl, keine „Fettnäpfchentreter“ wie Frau SPÖ Rendi-Wagner, keine „böse Blicke und schlechtes Karma“ verteilende Frau Neos Meinl-Reisinger, keine Grüne „Mittelfingerattacken“ Lady Frau Maurer, keine Politiker wie Herr ÖVP Mitterlehner, der sich das erste Mal richtig für etwas einsetzte als er sein eigenes Buch promotete, und die alle gemeinsam mit den zu ihnen passenden Parteimitgliedern Missgunst, Neid, Konflikte, Hass, schlechte Laune, Schadenfreude, Opportunismus, Chaos, Ungeduld, Unzufriedenheit,……verbreiten und somit Innovationslust und -freuden unmöglich machen, könnten wir das auch in unserem schönen Land. Es gilt natürlich für alle die Unschuldsvermutung und es entspricht meiner Wahrnehmung.

  2. Dieuetmondroit

    @Susi: Nein, das sehe ich nicht so. Genauer gesagt, das enspricht nicht meiner Wahrnehmung.
    In Österreich muss sich jeder, der mit einer neuen Idee kommt, noch immer gegen drei Prinzipien durchsetzen:
    1. Das hat es ja noch nie gegeben.
    2. Das haben wir immer schon so gemacht.
    3. Da könnte ja jeder kommen.
    Innovationen werden eher misstrauisch wahrgenommen.
    Und: Korrupte/missgünstige/unfähige Politiker gibt es dem Vernehmen nach in Israel genauso.

  3. sokrates9

    Faszinierend was Israel da macht. Geht natürlich nur in einem Land wo es keine Denkverbote und kaum Tabus gibt.Es ist möglich dass Israelis auch Bücher gegen den mainstream schreiben ( Holokaustlüge) und keiner will das zensurieren und verbieten.( Habe da keine Meinung, das Buch nicht gelesen, es geht mit um das Prinzip).
    Was auch ein wichtiger Beitrag ist was mir einmal ein Israeli erklärte – nachdem man vom Feinden umgeben ist, denkt der Erfinder immer sofort an den Weltmarkt.Kenne leider viele österreichische startups die Jahre brauchen bis sie mal nach Passau vordringen und so den „europäischen Markt“aufrollen..

  4. Marianne Gollacz

    Dazu fällt mir ein jüdischer Witz ein, den ich nur sinngemäß wiedergeben kann:
    Treffen sich ein Pfarrer, ein Imam und ein Rabbiner zum ökumenischen Austausch. „Was würdet ihr tun, wenn wieder eine Sintflut nahen würde ?“ philosophiert der Pfarrer, „wir würden inbrünstig beten und Buße tun.“ „Das wäre Kismet“ sagt der Imam, „wenn Allah es will, würden wir unser Schicksal annehmen.“ Und was würdet ihr tun?“, fragen der Pfarrer und der Imam den Rabbiner. „Wir würden lernen, unter Wasser zu leben,“ antwortet dieser.

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