Buchtip: “Eine Rede an uns”

(von ANDREAS TÖGEL) Humanistisch gebildete Menschen wissen: „Quod licet Iovi, non licet bovi“. Ein jüdischer Freund übersetzte mir den Spruch launig ins Jiddische: „Der Rebbe derf.“ Daß manche dürfen, was für andere tabu ist, wird bei Lektüre des vorliegenden Büchleins aus der Feder Peter Menasses eindrucksvoll bestätigt. Nur einem Angehörigen der jüdischen Gemeinde ist es möglich, eine derartige Botschaft ungestraft zu verkünden. Jeder andere würde sich dafür reflexartig mit dem Vorwurf des Antisemitismus´ (oder noch Schlimmerem!) konfrontiert sehen.

Der Chefredakteur des jüdischen Magazins „Nu“ verlangt von seinen jüdischen Mitbürgern, ihre seit der Zeit des Nationalsozialismus´ so liebevoll gepflegte Opferrolle aufzugeben. Kein nichtjüdischer Deutscher oder Österreicher könnte – bald 70 Jahre nach Ende der Shoah – zu fordern wagen, einen „Schlussstrich“ unter diesen Teil der Geschichte zu ziehen, ohne damit einen Sturm der Entrüstung auszulösen. Menasse dagegen meint: „Den Opfern der Shoah schulden wir unseren ganzen Respekt. Aber jetzt ist es an der Zeit, daß wir Nachgeborenen einen Schlussstrich ziehen.“ Und etwas später im Text: „Die Shoah ist Geschichte. Sie hat keinen Bezug zur Gegenwart der jungen Generationen.“

 

Begründet werden diese Feststellungen mit der Tatsache, daß für die heute lebenden Deutschen und Österreicher die Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten mittlerweile eine „entfernte Geschichte“ wäre – vergleichbar mit den Bauernkriegen. Niemandem – am wenigsten der jüdischen Gemeinde selbst – sei damit gedient, den heute Lebenden permanent die historische Schuld einiger ihrer Vorfahren vorzuhalten.

Besonders kritisch geht Menasse mit dem ehemaligen Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Wiens, Ariel Muzikant, ins Gericht. Ihm wirft er vor, aus jedem noch so nichtigen Anlaß reflexartig in Warnungen vor Pogromen auszubrechen und das Bild brauner Kolonnen zu zeichnen, die wieder durch die Straßen des Landes marschieren (zuletzt anläßlich der von Deutschland ausgehenden Debatte um die Beschneidung). Ein unentwegt betriebener Alarmismus habe letztlich eine abstumpfende Wirkung und könne bewirken, tatsächlich heraufziehende politische Fehlentwicklungen möglicherweise zu übersehen.

An die Stelle der Pflege einer Opferrolle (die gelegentlich schon dafür eingesetzt worden sein soll, sich handfeste wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen!) sollte ein „würdiges Erinnern“ treten. Auch sei es an der Zeit, daß Juden sich von ihrer Rolle als „Mahner und Erzieher“ zurückziehen.

Die Frage, ob Deutsche und Österreicher grundsätzlich böse wären (immerhin ist die Idee zum industriellen Massenmord an Juden ja hier und nicht etwa in Frankreich, England oder Italien entstanden), lässt Menasse offen. Entscheidend sei es allerdings, „…den Zeitpunkt verstehen zu lernen, an dem der totalitäre Staat seinen Ausgang nimmt.“

Den Österreichern wirft er vor, nach dem Kriege nur allzu gerne jede Beschäftigung mit ihrer Geschichte verweigert und sich auf ihre eigene Opferrolle zurückgezogen zu haben. Erst mit der „Waldheimaffäre“ gegen Ende der 1980er-Jahre habe sich das geändert. Die „Ignoranz der Altvorderen“ wäre damals bloßgestellt worden.

Der Autor zeigt keine ungebremste Begeisterung im Hinblick auf die Errichtung von Gedenkstätten und Denkmälern. „In Gedenkstätten können Menschen lernen, daß es Mord und Grauen gab, aber nicht, warum das so war“ Besonders das „Hrdlicka-Denkmal“ auf dem Albertinaplatz sieht er kritisch: „Unsere Vorväter brauchen nicht mehr straßenwaschend auf einem öffentlichen Platz ausgestellt zu werden. Die Tauben scheißen dort auf den Juden und der Erkenntnisgewinn für die Betrachter geht gegen null.“

Menasses Resümee: Nach den Phasen des Verschweigens und der Aufarbeitung der Shoah sei es nun Zeit für eine dritte Periode: Die der Aufgabe der Opferrolle und einer Investition in die jüdische Zukunft.

Fazit: Einer ausgewogenen Analyse folgt die Forderung, den Blick nicht in die Vergangenheit, sondern besser in die Zukunft zu richten.

 

Rede an uns

Peter Menasse

Verlag Edition a, 2012

107 Seiten, gebunden

ISBN978-3-99001-053-2

€ 14,90,-

 

Tagebuch

8 comments

  1. GeorgK

    Jetzt bin ich mit offenem Mund vor dem Computer gesessen: “Was, der fleischgewordene Staatskünstler MENASSE schreibt sowas?”
    Bis ich gemerkt habe: Das ist ja nicht der Robert…

  2. Ehrenmitglied der ÖBB

    @GeorgK
    Dieser Herr Peter Menasse, ist das der Herr, der in der PRESSE schrieb (sinngemäß): “ihr Alten, wenn ihr das Zwangsheer wollt, dann zahlt es auch”? (als Nachlese zur BH Volksbefragung, und unter nicht Berücksichtigung des tatsächlichen Wahlverhaltens der bis zu 30jährigen)?

  3. Gerhard

    Leider ist dies (noch) nicht die Meinung der Israelitischen Kultusgemeinde, daher wird weiterhin die Nazikeule geschwungen.

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