Buchtip: “Ich war überall”

(C.O.) Tschetschenien, lange von einem der blutrünstigsten Bürgerkriege des 20. Jahrhunderts geschunden, gilt für die meisten Menschen auch heute nicht eben als besonders attraktive Urlaubsdestination. Kolja Spöri, im Hauptberuf erfolgreicher Unternehmer im Formel-1-Zirkus – und seiner eigenen Darstellung nach “reisesüchtig” – sieht das freilich ganz anders.
“Es mag vielleicht absurd klingen, aber die positivste Überraschung auf all meinen Reisen war Tschetschenien….”, schreibt er in seinem jüngst erschienenen Reisereportagen-Band “Ich war überall – Mit einem Gentleman stilsicher an die gefährlichsten Orte der Welt”. Vor allem die eher übel beleumundete Tschetschenen-Hauptstadt Grozny hat es Spöri angetan, “eine außergewöhnliche Mischung aus Palermo, Abu Dhabi und Monte Carlo” mit “nagelneuen Wolkenkratzern, modernsten Wohngebäuden und schicken Shopping-Centern”. Und offenbar einem erstaunlich hohem Maß an Sicherheit: “In London oder New York mit den allgegenwärtigen Sicherheitskräften mit Maschinenpistole fühlt man sich heute eher in einem Krisengebiet als in Grozny.”

Im Maßanzug durch die Dreckslöcher dieses Planeten
Destinationen à la Tschetschenien üben auf Kolja Spöri eine ähnliche Faszination aus wie ein Château Latour Jahrgang 1961 auf einen Rotwein-Kenner, sie zu bereisen ist “….mein persönliches Rauschmittel zur Bewusstseinserweiterung. Mein Fetisch sind dunkle, unbekannte und gefährliche Winkel der Welt”. Und von denen hat er nun wirklich schon erstaunlich viele bereist. Etwa Goma im Kongo, “die gefährlichste Stadt der Welt”. Ein wirklich einladender Ort: “Im Unterschied zu herkömmlichen Gefahrenzonen hat die Hölle von Goma neben den üblichen kriegerischen Auseinandersetzungen auch noch zwei tödliche Urgewalten im Programm: einen sehr aktiven Vulkan und einen See mit tödlichen Gasblasen…”

Was den Autor, einen bekennenden Snob, der auch in Goma maßgeschneidertes Jackett mit seidenem Einstecktuch trägt, nicht davon abhält, ein paar angenehme Tage im dortigen Hotel “Ihusi”, dem ersten Haus am Platz zu verbringen: “Hier schlürft man seinen Cocktail im Garten auf einer Terrasse wie zu kolonialen Zeiten neben Pfauenvögeln, die durchs Gras spazieren, und genießt den einmalig schönen Blick auf das giftgrüne Wasser des tückischen Kivu-Sees”.

Dass er sich gerne im Luxus-Geländewagen, die stählerne Rolex am Handgelenk und bekleidet mit feinsten Maßanzügen eines Londoner Schneiders durch die finstersten Dreckslöcher dieses Planeten bewegt und auch noch dazu steht, dürfte Herrn Spöri nicht gerade den “Mutter-Teresa-Preis für politische Korrektheit” einbringen. Doch da er diese Attitüde immer wieder selbstironisch bricht, ist gerade dieser snobistischen Haltung wegen ein ziemlich vergnüglich zu lesender Text entstanden, der mal ein wenig an T.C. Boyles genialen Roman “Die Wassermusik”, mal an einen James-Bond-Streifen und gelegentlich ein wenig an den trockenen Witz mancher früher “Lonely-Planet” Reiseführer erinnert. So berichtet er etwa über Mogadischu, die Hauptstadt von Somalia: “Sicherheit ist weiter ein Problem, weshalb die zwei funktionstüchtigen Hotels ihre Zimmer gleich im Paket mit Bodyguards anbieten. Das kostet immerhin 1000 Dollar pro Person und Nacht. Wenn die Linien-Maschine aus Istanbul in Mogadischu landet, wird die kilometerlange Hauptstraße vom Flughafen in die Innenstadt abgeriegelt, damit die frisch Angereisten nicht gleich überfallen werden. Die Somali haben sich den Ruf der Unregierbarkeit und Rechtlosigkeit über viele Jahre wirklich redlich erworben.”

Und in diesem Ton geht es Seite um Seite weiter, einmal in den Südsudan, einmal nach Transnistrien und auch einmal über die berüchtigte “Kolyma-Knochentrasse” bei minus 62 Grad zum russischen Kältepol der Welt, wo er in den Dörfern der Eiswüste “schicke russische Mädchen” bewundert, die “lieber keine europäischen Männer mehr wollen, denn die sind nicht so großzügig”.

Politische Analyse fällt leider eher schräg aus
Eher schräg kommt leider die politische Analyse des dandyhaften Weltenbummlers daher. Über Putin meint er, der “macht einen hervorragenden Job für sein Volk und betreibt keine Angriffskriege mit Drohnen und betreibt keine Foltergefängnisse”. Individuelle Freiheit, behauptet er allen Ernstes, “findet man jetzt eher im Osten – und den alles überwachenden Staat im Westen”. Vielleicht könnte Spöri ja mal eine Reise in die Ostukraine unternehmen, um dort vor Ort die Freiheitsliebe seines Helden Putin zu studieren. (“WZ”)

Ich war überall

Kolja Spöri

Plassen, 320 Seiten, 20,60 Euro

One comment

  1. Selbsdenker

    Ich kann Herrn Spöri nur recht geben: in China, 100 km von der nordkoreanischen Grenze entfernt ist von individueller Freiheit wesentlich mehr zu spüren als mitten in Europa.

    Die politische “Korrektheit” ist die Krankheit, die den Westen dahinrafft und ihn seiner Vernunft, seiner Stärke und seines Immunsystems beraubt.

    Auch wenn man sonst in vielen Teilen der Welt fast alles vom Westen kopiert – die politische “Korrektheit” zählt nicht dazu. Wenn man das freiwillige Kopieren als Gradmesser für die Genialität einer Idee / eines Systems heranzieht, so sieht die Bilanz für die politische “Korrektheit” sehr schlecht aus: an diese glauben wirklich nur die Europäer und ein Teil der Amis.

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