Buchtip: Innenansichten der Weltverschwörung

Von | 25. November 2020

(CHRISTIAN ORTNER) Ein Historiker und Mafia-Experte hat ein beeindruckendes Buch über die Freimaurerei geschrieben. An Büchern über die Freimaurerei besteht nicht wirklich Mangel; wer sich für diesen Gegenstand interessiert, findet mühelos hunderte Titel unterschiedlichster Qualität. Wozu also jetzt eine weitere Schwarte, noch dazu mit dem ebenso erwartbaren wie knalligen Titel „Die Freimaurer – Der mächtigste Geheimbund der Welt“? Wissen wir nicht eh schon alle, dass wir es hier mit einer düsteren Weltverschwörung zu tun haben, die im Hintergrund alle nur möglichen und unmöglichen Fäden zieht? Das ist ja meist die These jener vermeintlichen Aufdeckungsbücher, die angebliche Geheimnisse der Freimaurer aufzudecken vorgeben.

Auch der Klappentext des aufwendig gemachten Buches verspricht die übliche intellektuelle Fertignahrung: „Mozart, Goethe und Winston Churchill gehörten dazu. Genauso wie Louis Armstrong und vielleicht auch Brad Pitt … Wie weit reicht ihre Macht wirklich? Haben die Freimaurer die Französische Revolution ausgelöst? Stecken Sie hinter den Serienmorden von Jack the Ripper? Steht ihr Griff nach der Weltherrschaft unmittelbar bevor?“

Wer sich von derartigen Plattitüden abhalten lässt, das Buch zu lesen, begeht einen Fehler. Denn dem britischen Historiker John Dickie, der am University College in London lehrt und Autor des Standardwerkes „Cosa Nostra – Die Geschichte der Mafia“ ist, ist mit dem Band über die Freimaurerei abermals ein ganz großer Wurf gelungen. Anders, als der krawallige Auftritt des Buches nahelegt, haben wir es mit einem enorm gut recherchierten, außerordentlich angenehm zu lesenden und vor allem perfekt ausbalancierten Text zu tun, der die Maurerei weder romantisiert, noch einen weiteren Beitrag zur Weltverschwörungsliteratur liefert. Unaufgeregt, kühl, sachlich und doch immer wieder packend erzählt, nähert sich Dickie dem Gegenstand seines Interesses aus verschiedenen Perspektiven. Dabei wird er nie anbiedernd, macht aber in manchen Passagen kein Hehl daraus, dass er eine bestimmte Sympathie für diese Institution hegt. (Er selbst ist übrigens eigenem Bekunden zufolge nicht Mitglied.)

Man kann sein Buch als Dekonstruktion zahlreicher Mythen lesen, die die „Königliche Kunst“ umgeben. Etwa dem, wonach die Maurerei vor tausenden Jahren in Babylonien entstanden sei – tatsächlich dürfte sie 1717 in einem Londoner Pub namens „Zur Gans und zum Bratrost“ begründet worden sein, jedenfalls in ihrer heutigen Form. Oder dem, wonach die Maurerei eine „Geheimgesellschaft“ sei – tatsächlich bleibt es jedem Maurer unbenommen, seine Mitgliedschaft öffentlich zu bekennen; nur die maurerischen Rituale werden nicht veröffentlicht. Oder etwa dem, die Freimaurer hätten die Französische Revolution angezettelt. Stimmt nicht, es befanden sich „Brüder“ sowohl unter den Gegnern wie unter den Befürwortern der Revolution. Robespierre etwa war keiner; Joseph-Ignace Guillotin, Konstrukteur des gleichnamigen Hinrichtungsinstruments, war einer.

Dass Maurer ausnahmsweise nicht als frauenfeindliche Verschwörer dargestellt werden, die in ihren Logen kleine Kinder schlachten, hat im maurerischen Milieu zu einer freundlichen Rezeption des Buches geführt. So kommentierte die „Großloge von Deutschland“, der Dachverband der dortigen Maurer, den Text durchaus wohlwollend: „Anders als Heerscharen von freimaurerischen Autoren, die lieb gewonnene Mythen und Legenden mit mitunter recht unterschiedlichen Ambitionen zu teilweise fragwürdigen und wenig glaubhaften ,Forschungsergebnissen‘ zusammen dichteten, geht Dickie den Weg des unvoreingenommenen Wissenschaftlers. Er erforscht und schildert die geschichtliche Entwicklung und kommt in etlichen Bereichen zu anderen Schlussfolgerungen als die freimaurerische Geschichtsschreibung“, heißt es dort. Dickie „räumt mit der romantisierenden Legende auf, dass die Freimaurer in gerader Linie von den Steinmetzbruderschaften abstammten oder gar, wenig schmeichelhaft, von den Templern. Die moderne Freimaurerei war eine gesellschaftliche Entwicklung ihrer Zeit und ein Politikum; es ging um Netzwerke, Bildung, geistigen Brückenbau.“

Es mag enttäuschen, dass er auf 500 Seiten nichts erfährt, was noch nie zuvor enthüllt worden ist, da rächt sich leider der Klappentext. Und, vielleicht auch ein wenig enttäuschend: Nicht einmal der Griff nach der Weltherrschaft dürfte bevorstehen. Weltverschwörungen sind auch nicht mehr, was sie einmal waren. (aus: „Wiener Zeitung“)

Die Freimaurer – Der mächtigste Geheimbund der Welt
John Dickie
S. Fischer Verlag, 560 Seiten, 26,00 Euro

3 Gedanken zu „Buchtip: Innenansichten der Weltverschwörung

  1. CE___

    Tja, wer braucht denn im Jahre 2020 noch altvaterrische Geheimbünde und deren angebliche Ränkespiele, wenn doch gerade eben Putschisten gegen die freiheitliche, marktwirtschaftliche und demokratische Gesellschaftsordnung in aller Offenheit unter den Augen aller (also zumindest derer die hinsehen wollen) einmal jährlich ein groß in willfährigen Medien gehyptes „Elite-Treffen“ veranstalten und ihre Absichten und Ziele mittlerweile ganz offen in Buchform ausbreiten, so wie damals ein kleiner Gefreiter es auch tat.

  2. GeBa

    Wurden die Freimaurer nicht inzwischen von den Bilderberger abgelöst?
    Oder schließt die Mitgliedschaft zu den einen die zu den anderen nicht aus?

  3. Johannes

    „Die moderne Freimaurerei war eine gesellschaftliche Entwicklung ihrer Zeit und ein Politikum; es ging um Netzwerke, Bildung, geistigen Brückenbau.”

    Weltverschwörungstheorien wird jedem, der hinter dem Geheimen etwas vermutet, vorgeworfen.
    Vor kurzem habe ich gelesen Herr Haselsteiner macht aus seiner Mitgliedschaft kein Geheimnis.
    Die Agenda von Herr Haselsteiner kennt man in etwa wenn man seine politische Karriere beobachtet und seine Parteifinanzierung verfolgte.

    Wahrscheinlich gibt es in dem geheimen Bund die verschiedensten Meinungen welche angeregt diskutiert werden. Bei manchen wird wohl das Netzwerken ganz profanen Gründen haben, vielleicht wirtschaftliche, vielleicht rechtliche, vielleicht aber auch hehre.

    Es scheint mir ein wenig Harry Potter für eher konservative erwachsene Akademiker.
    Sozialisten waren wohl in den 70ger Jahren weniger dabei, daher wurde der Club 45 als „Gegenentwurf„`gegründet.;-)

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