Buchtip: “Keynes/Hayek”

Von | 5. März 2013

Sommer 1942, Cambridge, England: John Maynard Keynes, damals schon fast 60 Jahre alt, und der deutlich jüngere Österreicher Friedrich August von Hayek verbringen eine ganze Nacht auf dem Dach der Kapelle von King’s College, ausgerüstet mit jeweils einem kräftigen Spaten. Nicht etwa, um Wirtschaftstheorie zu diskutieren, sondern um die Kapelle vor Görings Luftwaffe zu retten. Die beiden bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts verbringen, wie ihre Studenten, die Nacht am Dach des Gotteshauses, um von deutschen Bombern abgeworfene Brandsätze eilig mit ihren Schaufeln vom brennbaren Gestühl auf den Boden zu befördern.

Information

Es ist eine gleichermaßen berührende wie charakteristische Szene, die der britische Autor Nicholas Wapshott in seinem Buch “Keynes Hayek – Der Konflikt, der die moderne Ökonomie definiert” beschreibt, einer brillanten Doppelbiografie der beiden weit über ihren Tod hinaus außerordentlich einflussreichen Kombattanten.

Der eine, John Maynard Keynes, kam angesichts der Massenarbeitslosigkeit im England der Zwischenkriegszeit zum Schluss, in solchen Situationen müsse der Staat, und sei es auf Pump, in großem Stil investieren, um die Wirtschaft “anzukurbeln”, wie Keynesianer das bis heute nennen. Dass dies langfristig zu Inflation führen werde, wischte Keynes mit dem legendären Zitat zur Seite, wonach wir “langfristig alle tot” seien.

Der andere, Friedrich August von Hayek, kam dagegen nicht zuletzt unter dem Eindruck der Hyperinflation in Österreich nach dem Ersten Weltkrieg, die (unter anderem) seine Familie verarmen ließ, zum Schluss, dass jede Form staatlicher Intervention letztlich mehr Schaden als Nutzen stifte, und wurde damit, wenig überraschend, zum großen Antagonisten von Keynes. Doch die ökonomischen Grundlagen dieses Jahrhundertkonfliktes verpackt Wapshott außerordentlich gelungen in eine faszinierende Milieustudie der beiden Herren und ihrer Umgebungen, die zumindest indirekt Einfluss auf ihre jeweiligen Überzeugungen gehabt haben werden.

Da steht auf der einen Seite Keynes, ein intellektueller Dandy und Snob, Alphatier im latent homosexuellen Cambridge-Milieu und in der elitären “Bloomsbury”-Gruppe, einem Zirkel von Künstlern und Intellektuellen um die Autorin Virginia Wolfe. Es muss eine kosmopolitische, diskursfreudige und auch erotisch ziemlich hoch aufgeladene Gruppe Höchstbegabter gewesen sein, deren Epizentrum Keynes damals war (und deren Lebensunterhalt er mit Börsenspekulationen erwirtschaftete).

Auf der anderen Seite der Wiener Friedrich August von Hayek, Schüler des berühmten Ökonomen Ludwig von Mises, des Doyens der “Österreichischen Schule der Nationalökonomie”. Habituell mehr Beamter denn waghalsiger Entrepreneur verbrachte Hayek seine ganze Berufslaufbahn ausschließlich im Staatsdienst; Glamour nach der Art des lebensfrohen Keynes dürfte ihm eher fremd gewesen sein.

Auftrieb für Keynesianer
Die beiden trafen einander erstmals 1928 in Cambridge, diskutierten angeregt die Funktion des Zinssatzes in der Ökonomie – und entwickelten von da an eine “prickelnde Freundschaft” (Wapshott), die sie nicht davon abhielt, die Lehren des anderen für extrem problematisch zu halten. Für Hayek musste der Keynesianismus früher oder später in Inflation, Verarmung und anschließendem Totalitarismus enden – für Keynes dagegen waren die Lehren der “Austrians” der Weg in die Massenarbeitslosigkeit und das Massenelend.

Entschieden ist dieser fundamentale Konflikt im Grunde bis heute nicht, und das verschafft Wapshotts Bericht über zwei tote Ökonomen ein hohes Maß an Gegenwartsbezug. Denn während die “Austrians” gegen Ende des 20. Jahrhunderts – Hayek wurde 1974 mit dem Nobelpreis geehrt – den Konflikt für sich entschieden zu haben schienen und der Staatsinterventionismus in die Defensive geraten war, änderte sich das mit Ausbruch der Finanzkrise 2008 gründlich. Seither sind die Keynesianer wieder zum Gegenangriff übergegangen.

“Wir unternehmen nichts, weil wir kein Geld haben”, spottete Keynes schon 1930, “aber in Wahrheit haben wir kein Geld, weil wir nichts machen.” Mit “machen” hat er nicht zuletzt Schulden gemeint; eine auch 2013 in Europa höchst populäre Ansicht. Langfristig sind wir schließlich alle tot.

Wapshott, Nicholas: Keynes Hayek, Norton & Co., 384 Seiten, 18,99 Euro          (“WZ”)

29 Gedanken zu „Buchtip: “Keynes/Hayek”

  1. Schabeltierfresser

    Hayek kam “zum Schluss, dass jede Form staatlicher Intervention letztlich mehr Schaden als Nutzen stifte”? Hayek hat doch seitenweise Argumentationen vorgelegt, in welchen Situationen der Staat dann doch eingreifen müsse, wenn nämlich die natürlichen Ordnungen nicht greifen.

    Den Neoklassikern gar nicht unähnlich.

  2. Adam Smith

    Für jemanden, der nicht einmal den Unterschied zwischen Merkantilismus und Kapitalismus kennt, tun Sie sich aber sehr leicht mit dem Namedropping, Herr Ortner!

    Gesehen bei Erlesen… Ortner vergleicht den “Finanzmarkt” mit dem “Naschmarkt”.

    Was eher als ironischer Seitenhieb herhalten könnte, wurde von Ortner vollkommen im Ernst behauptet.

  3. Mercutio

    @Adam Smith
    So eine intellektuell bescheidene Schwarz-Weißzeichnung wie zwischen dem Sozialisten Keynes und der liberalen Lichtfigur Hayek herrscht heute heute nicht einmal mehr in der Simmeringer SP-Bezirksgruppe.

  4. Lodur

    Keynes wollte den Kapitalismus retten, das weiß jeder der seine Werke auch nur peripher kennt. So forderte er in Zeiten ökonomischer Rezession staatliche Interventionen in das Wirtschaftsgeschehen (auch auf Pump), z. B. Senkung des Leitzinssatzes, Steuererleichterungen für Unternehmer oder direkte/indirekte Förderungen der Öffentlichen Hand für Unternehmen. Das Ziel war eine Erhöhung der Konsumrate, also eine Nachfrageerhöhung, um die Produktions- und Distributionsprozesse krisenhafter Volkswirtschaften zu erhöhen, und um so die Nachfrage nach neuen Arbeitskräften zu generieren, sprich Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Die Erhöhung des Konsums sollte jedoch laut Keynes nicht auf Basis von Lohnerhöhungen stattfinden, sondern durch eine Erhöhung der Arbeitnehmerquote (Anteil der Arbeitnehmer in der Relation zu allen Einwohnern einer Volkswirtschaft). Die Reallöhne (= inflationsbereinigten Löhne) sollten dabei laut Keynes in der Relation zur Produktivitätsrate nur geringfügig steigen, in geringen Steigerungsphasen der Produktivität sogar stagnieren, um die Profitrate stabil zu halten, und um so die Anreize, Unternehmen zu gründen, bzw. für die vorhandenen Unternehmer, Arbeitskräfte einzustellen, nicht zu vermindern, da dies ja, laut Keynes, zu einem Einbruch der Konsumrate führen könnte. In Zeiten des zyklischen Aufschwunges forderte Keynes einen Rückgang staatlicher Interventionen in die Wirtschaft, also ein Sparen der Öffentlichen Hand bzw. ein stärkeres Rückzahlen der in Krisenzeiten aufgebauten Schulden.

    Also Keynes war weder ein Apologet des hemmungslosen Schuldenmachens, der exzessiven Inflation oder der Lohnerhöhungen. Er wollte lediglich den Kapitalismus retten.
    Marxistische Ökonomen wissen jedoch, dass der finanzielle Spielraum für keynesianischen Interventionismus durch die Tendenz der fallenden Profitrate, verursacht durch die kapitalitische Produktionsweise, und die daraus resultierenden immer wiederkehrenden Überproduktionskrisen immer geringer wird.

  5. Lodur

    Kleine Ergänzung: Keynes versuchte, durch die von ihm vorgeschlagenen staatlichen Interventionen (wie in #5 erwähnt), die Investitionstätigkeit der Unternehmen zu erhöhen, damit diese mehr Arbeitskräfte einstellen bzw. keine entlassen, um so den Konsum zu erhöhen bzw. zu stabilisieren.

  6. Lodur

    Kurz: Eine nachfrageorientierte Interventionspolitik.

  7. gms

    Lodur :
    [Keynes] wollte lediglich den Kapitalismus retten.

    Gut gemeint ist auch hier das Gegenteil von gut. Die Krise ist Ausdrück für gravierende Mängel im System. Ein fehlerbehaftetes System aber auf Pump weiterzuschleppen, ist der Inbegriff der Torheit.

    Keynes wird mit seiner Vorstellung nicht grundlos zum Säulenheiligen der Linken, ist nach seiner Irrlehre doch einzig und allein die Zentralgewalt in der Lage, ihren Pappenheimern auf die Sprünge zu helfen. Das Politbüro hat recht, Millionen von Individuen irren, also muß gegen(!)gesteuert werden. Welch’ ein anmaßender Aberwitz.

  8. Feldheld

    Die Folgen von Keynes Politik konnte man schon während der großen Depression beobachten: Roosevelts “New Deal” machte die Depression erst groß. Keynes und seine Anhänger warnten gegen Ende des zweiten Weltkrieges vor den Folgen der Abrüstung, massiver Wirtschaftseinbruch wurde vorhergesagt, weil der Staat urplötzlich viel weniger Geld ausgab und zugleich Millionen Soldaten auf den Arbeitsmarkt strömten. Das genaue Gegenteil trat ein.

    Es gibt – neben simpler Logik – Unmassen an Belegen für die Schwachsinnigkeit von Keynes’ Theorie.

  9. Karl Markt

    @gms
    “Das Politbüro hat recht, Millionen von Individuen irren, also muß gegen(!)gesteuert werden”

    Und was wollen die Millionen von Individuen ihrer Meinung nach?
    Niedrige Löhne, Arbeitslosigkeit und ein daraus resultierendes Nachfrageproblem (mit evtl anschließender Krise und noch mehr Arbeitslosigkeit)?
    Der Zustand des Marktes ist nunmal kein Resultat der individuellen Wünsche der Marktteilnehmer, sondern ein Indikator für den augenblicklichen Zustand der Profitrate.

  10. PP

    Karl Markt :
    @gms
    “Das Politbüro hat recht, Millionen von Individuen irren, also muß gegen(!)gesteuert werden”

    Der Zustand des Marktes ist nunmal kein Resultat der individuellen Wünsche der Marktteilnehmer, sondern ein Indikator für den augenblicklichen Zustand der Profitrate.

    Der Zustand des Marktes ist Resultat der individuellen Wünsche der Marktteilnehmer und Indikator für den augenblicklichen Zustand der Profitrate.
    Und?

  11. Karl Markt

    @PP
    Nein, weil Sie keine Ahnung haben wie die Profitrate, oder Profit überhaupt, zustandekommt.
    Der Wettbewerb zwingt (und das ist schon nicht freiwillig) den Unternehmer möglichst und immer billiger zu produzieren, was auf Löhne drückt, zum Abbau von Arbeitsplätzen führt und zum Ersatz Mann gegen Maschine. Je weniger “Manpower” im Produktionsprozess einer Ware, desto geringer der Wert und desto geringer die Profitrate, grob gesagt. Und was hat das jetzt mit individuellen Wünschen zu tun?
    Will das irgendjemand? Oder will das irgendjemand nicht? Im Prinzip irrelevant, denn das ist einfach so.
    Ein intrinsische Folge der kapitalistischen Produktionsweise.

  12. Lodur

    @Karl Markt
    “Der Wettbewerb zwingt (und das ist schon nicht freiwillig) den Unternehmer möglichst und immer billiger zu produzieren, was auf Löhne drückt, zum Abbau von Arbeitsplätzen führt und zum Ersatz Mann gegen Maschine.”

    Der Wettbewerb ist eigentlich die Folge der kapitalistischen Produktionsanarchie, in der der Unternehmer so viele Produkte wie möglich innerhalb eines bestimmten Zeitraumes produzieren lässt, um einerseits so viele Waren wie möglich auf dem Markt innerhalb einer bestimmten Zeit zu einem bestimmten Marktpreis verkaufen zu können, und um andererseits die Produktionskosten pro Stück so gering wie möglich zu halten. Durch die damit verbundene Rationalisierung der Produktionsprozesse (z. B. durch Technisierung/Maschinisierung) ist immer weniger menschliche Arbeitskraft zur Herstellung eines Produktes notwendig. Dadurch sinkt der Wert eines Produktes, im Sinne der AWT. Der Marktpreis sinkt dabei ebenfalls, und zwar durch ein immer höher werdendes Angebot und weil der Wert der Ware durch die Überproduktion im Sinne der AWT ebenfalls sinkt. Das wirkt sich natürlich auch auf die Profitrate aus, die der Tendenz des Falls unterworfen ist. Diese Tendenz der fallenden Profitrate führt nun dazu, dass Unternehmen immer schwerer den von ihren Arbeitnehmern geschöpften Mehrwert auf dem Markt realisieren können, da ja durch Überproduktion die Preise sinken und die Bedürfnisse der Menschen auch begrenzt sind (deshalb Werbung/Marketing, damit immer mehr Bedürfnisse geweckt werden). Diese immer begrenzter werdende Mehrwertrealisierung führt nun dazu, dass die einzelnen Unternehmen nun gegeneinander arbeiten müssen, sprich konkurrieren, um so viel Mehrwert wie möglich, dessen Realisierung durch die Tendenz der fallenden Profitrate immer knapper wird, realisieren zu können.

  13. gms

    Karl Markt :
    Je weniger “Manpower” im Produktionsprozess einer Ware, desto geringer der Wert und desto geringer die Profitrate, grob gesagt.

    Das Traurige an der Marx’schen Werttheorie liegt in Zweierlei: Sie ist falsch, und wenn sie richtig wäre, wäre sie irrelvant.

    Tun wir mal, nicht ganz so grob, so, als wäre der Wert nicht eine rein subjektive Zuschreibung (ohne physikalische Einheit) zur Ermittlung einer ganz persönlichen Präverenzordnung, sondern tatsächlich etwas Objektives, nämlich das Äquivalent (in Sekunden) aller bisher in Irgendwas direkt und mittelbar geflossenen Arbeitszeiten seit Anbeginn der Menschheit.

    Für Dienstleistungen summierte sich neben der Zeit, innerhalb derer sie erbracht wird, jene zur Vor- und Nachbereitung, plus jene zur Aneignung der nötigen Fertigkeiten, sowie anteilig die Zeit all jener lebenden und verstorbenen Personen, welche die Grundlagen dafür erarbeiteten resp. diese vermittelten. Ob und wie nötige Regnerationszeiten einfließen, sollen Kundigere festlegen.
    Analoges gälte für Güter und Waren, für welche deren aufsummierte Herstellungszeit (“Manpower”) plus allfällige Regeneration heranzuziehen wäre, sowie prozentuell entsprechend jene Güter und Vorgüter, die dafür einem Verschleiß unterlagen.
    Die Erstellung und Handhabe von Gütern wiederum benötigt flankierende Dienstleistungen von heute, gestern und vorgestern, selbige wiederum bedürfen zu ihrer Ausübung einer gewissen Infrastruktur plus Hilfmittel.
    Das Prinzip sollte damit klar sein. Wer noch die eine oder andere Jahrtausendsumme da oder dort rein- oder rausreklamieren will, ist dazu herzlich eingeladen.

    Basierend auf diesem Modell ließe sich, so Marx, der Wert von allen Dingen und Phänomenen objektiv ermitteln und in Arbeitszeiteinheiten angeben, indem alle oben genannten Zusammenhänge seit Adam und Eva aufgedröselt, verfolgt und ihren Nachfolgeentitäten, in die sei mündeten, zugeordnet werden.

    Nun, das Modell ist genial. Bloß bedarf es keines Geisteriesen, um die Undurchführbarkeit dieses Zuganges zu erkennen. Angenommen, trotz dieses kleinen Makels wäre es tatsächlich so, wie Herr Marx sagt. Was folgte daraus?

    Entweder, die Menschen verhalten sich im Durchschnitt, manifestiert durch die Summe ihrer Tauschaktionen, tatsächlich so, als gäbe es diesen objektiv feststellbaren Wert, weil sie etwa über das entsprechende Sensorium verfügen, oder aber sie verhalten sich sich anders und verstoßen damit permanent gegen objektive Zusammenhänge.

    Wenn nun aber die Menschen sowieso dem Modell entsprechend ihre durchschnittlichen Präverenreihen gestalten und danach handeln, dann erübrigt sich jeder Klassenkampf. Tun sie es aber nicht, dann ist Marx in einem ziemlich üblen Beweisnotstand, ein paar verdammt lange Zahlenreihen auf den Tisch zu legen, aufdaß acht Milliarden Menschen endlich mal wissen, was die Unsummen von großen und kleinen Leistungen und Waren, die sie täglich untereinander austauschen, oder für sich selbst verwenden, oder für einen ungewissen Zweck aufbewahren, tatsächlich wert sind und warum dies objektiv so ist.

    In unserem Gedankenexperiment legt Marx die Zahlenreihen für nahezu alle Waren und Dienstleistungen, die irgendwo auf dem Globus angeboten werden, tatsächlich vor, und veranschaulicht anhand ausreichend vieler Stichproben die Richtigkeit seiner auf historischen Daten seit der Bronzezeit basierenden Berechnungen. Und siehe da — eine UN-Kommission bestehend aus Mathematikern, Historikern, Soziologen, Ökonomen und GenderwissenschaftlerInnen bestätigt die Korrektheit der Darlegung und das Faktum, daß damit der Wert von allem richtig ermittelt worden wäre.

    An alles Denk- und Undenkbare wird danach ein Wertschild in Sekunden (resp. 10er-Potenzen) davon geklebt, und die Welt jubelt Herrn Marx erlöst und dankbar zu, weil tatsächlich der gute alte Lada Taiga seit jeher unter seinem Wert gehandelt wurde, und der Haarschnitt vom Friseur nebenan nun amtlich bestätigt überteuert ist. Niemand mußte sich danach jemals mehr Gedanken über Tauschrelationen machen, weil der Marx’sche Wertfindungsalgoritmus mitsamt seinen historischen und laufend aktualisierten Daten als Public Domain Software jedermann zugänglich ist. Wer keinen Rechner hat, bekommt von der UN die entsprechende Wagenladung an Papiertabellen, gültig für jeweils ein Monat und einen abgezirkelten Quadranten am Globus.
    –Cut–

    Weder konnte noch wollte aber Marx den Beweis jemals erbringen. Er verwies auf sein Modell und den Umstand, die von vielen Menschen empfundene Ungerechtigkeit in der Welt resultiere aus der permanenten Verletzung der behaupteten objektiven Tatsachen. Zum Auffetten setzte er noch einige Kapitel über die Besonderheiten vom objektiven Nutz- und Tauschwert oben drauf, und fertig war das massentaugliche duftende Feuchttuch zur psychohygienischen Universalpflege.

    Zugegeben, der letzte Satz war etwas grob, – subjektiv betrachtet.

  14. Feldheld

    gms :
    Die Krise ist Ausdrück für gravierende Mängel im System

    Nö. Es gibt kein System ohne Krisen. Im Gegenteil schafft jede fette Phase die Voraussetzungen für die nächste magere Phase (in der wiederum die Voraussetzungen für die folgenden fetten Jahre erwachsen). Das liegt in der Natur allen Lebens.

    Die Idee der Sozialisten ist nicht nur, alle Menschen auf das gleiche Elends-Niveau herunterzuholen, sondern auch das natürliche (und vitale) Auf und Ab der Zeitläufte durch ein Dauer-Unten zu ersetzen.

    Und ebenso ist es gerade der historisch beispiellose Anstieg des Wohlstands und der Lebensbedingungen (und in der Folge das historisch beispiellose Wachstum der Weltbevölkerung), der die Voraussetzungen für die Massenidiotien wie Sozialismus, Nazismus, Islamismus etc schafft. Fette Zeiten bringen millionenfach Arschlöcher und Bekloppte hervor. Helden wachsen nur in harten Zeiten.

  15. Karl Markt

    @gms
    Also was soll das jetzt heißen? Man kann den Wert nicht feststellen? Stimmt im Prinzip auch, weil dafür sprichwörtlich unendlich viel Information notwendig wäre.
    Deshalb zu behaupten, dass es diesen Wert bzw. diese Größe nicht gäbe, wäre jedoch ungefähr genauso wie die Behauptung lügen strafen zu wollen, der pazifische Ozean bestehe aus einer finiten, abzählbaren Anzahl von H20 Molekülen, bloß weil es praktisch nie möglich sein wird, diese tatsächlich abzuzählen und die exakte Anzahl zu bestimmen.

    Ganz so schwer ist es aber auch schon wieder nicht, da ja jeder Produzent in der Fertigungskette genau weiß, welche Kosten er hat und diese bekanntlich dann auf ein Preisschild schreibt. Spätestens unter der Bedingung der Konkurrenz wird sich dann der Marktpreis immer diesem “tatsächlichen” Wert annähern, bzw um ihn fluktuieren.
    Der Markt erledigt also das, was Sie als “undurchführbar” bezeichnen. Der Gleichgewichtspreis am Markt reflektiert im Prinzip den Arbeitsaufwand.
    Das mikroökonomische Konzept des Mehrwerts braucht man spätestens, um zu erklären, wie im Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage ein Gewinn entstehen kann. -> Da Produkt muss mehr Wert (daher “Mehrwert”) sein, als die gesamte Produktionskette.

    Der “Marx’sche Wertfindungsalorithmus” ist auch nicht dazu da, die Wirtschaft zu steuern, sondern bloß um die zu verstehen. Dass sich die Menschen auch danach verhalten sieht man zB daran, dass ein Herr Stronach für einen Liter Milch genauso viel bezahlt wie ein Arbeitsloser. Alle zahlen die selben Preise.
    Die Grenznutzenlehre zu ende gedacht bedeutete eigentlich, dass alle Waren im Grunde gratis seien, erst der Konsument gibt ihnen den Preis.
    Schwer zu erklären dann, wie auf der Welt das Phänomen auftreten kann, dass sich jemand etwas nicht leisten kann.

  16. Mercutio

    @Karl Markt
    Dass die Lage insgesamt nicht so schlimm sein kann beweist mir Folgendes: Die “Neoliberlaen” überbeiten sich in Gejammer, dass die EU vom Kommunismus beherrscht wir, während die äußeren LInken die Herrschaft des Neoliberalismus predigen. Weder wird der allesseeligmachende Sozailismus dämmern noch gibt es Verschuldungsprobleme, die nicht durch einen kräftigen Schuldenschnitt gelöst werden können. Steht doch eh nur am Papier und haben die alten Israeliten schon so gemacht.

  17. Karl Markt

    @Mercutio
    Wie schlimm im Bezug auf was?
    Marx ja oder nein ist zuerst mal (auch) eine akademische Diskussion! (AWT und historischer Materialismus vs Grenznutzenlehre)

  18. Mercutio

    @Karl Markt
    Ich meine die hier herrschende Polarisierung zwischen gut (Hayek) und schlecht (Keynes). Praktische Politik wird sich immer irgendwo in der Mitte zwischen den angenommenen Polen orientieren müssen. Alles andere ist Religion. Aber natürlich war die westeuropäische Politik bis in die 90er Jahre eher sozial, weil das Schreckgespenst des Kommunismus im Hintergrund schwebte. Seitdem hat sich die Lage für die kleinen Arbeitnehmer und auch Selbständigen massiv verschlechtert, nicht wegen dem Sozailstaat, sondern wegen der Macht der Konzerne. Viele die scheinheilig Markt predigen, meinen das Wohl der großen Firmen und all die Kleinen, die verrecken, sind eben der Preis der Marktwirtschaft. Eine sehr kurzsichtige Betrachtung, wie ich meine.

  19. Karl Markt

    @Mercutio
    ” natürlich war die westeuropäische Politik bis in die 90er Jahre eher sozial, weil das Schreckgespenst des Kommunismus im Hintergrund schwebte”

    Wie meinen Sie das? Um den Kapitalismus möglichst populär zu halten?

    Ich sehe es unter anderem auch so, dass den Wohlstand, den der Ausbau des Sozialstaats und der Keynesianismus in den 60ern unf 70ern mit sich brachte, gewissermaßen als Nährboden für eine reaktionärere Politik der folgenden Jahre war. Nach dem Motto: “Seht, wie gut es euch geht. Das ist Kapitalismus. Wenn wir jetzt mehr davon machen, geht es euch noch besser”.
    In Wahrheit hätte man besser sagen sollen, Kapitalismus + effektive Umverteilung schafft flächendeckenden Wohlstand.

    Was wir jetzt haben sind die (sozialen) Politinstrumente der 70er, aben einen Kapitalismus der viel mächtiger ist im wahrsten Sinne des Wortes. Und kollektive Desorientierung bei den Parteien. Sozialistisch darf man nicht mehr klingen, neoliberal auch nicht. Also lieber mal einen Rettungsschrim basteln und abwarten…

  20. gms

    Karl Markt :
    Spätestens unter der Bedingung der Konkurrenz wird sich dann der Marktpreis immer diesem “tatsächlichen” Wert annähern, bzw um ihn fluktuieren.
    Der Markt erledigt also das, was Sie als “undurchführbar” bezeichnen.

    ?! – Dies ist also ist Ihre Replik auf [6. März 2013, 03:27 | #14]:

    “Wenn nun aber die Menschen sowieso dem Modell entsprechend ihre durchschnittlichen Präverenreihen gestalten und danach handeln, dann erübrigt sich jeder Klassenkampf.”

    Mehr als alle möglichen Antworten schon in meinen eigenen Ausführungen zu adressieren, kann wohl niemand verlangen.

  21. gms

    Feldheld :
    Es gibt kein System ohne Krisen.

    Einverstanden. Allenfalls verbleibende unterschiedliche Einschätzungen mögen einer unterschiedlichen Konnotation des Begriffes “Krise” geschuldet sein. Einigt man sich darauf, Krisen seien die Folgen begangener Fehler, sowie auf den Umstand, Fehler seien in jedem nichttrivialen System unvermeidbar, dann haben Sie ohne jede Einschränkung recht.

    Im Gegensatz zu staatlich induzierten Krisen sind natürliche Krisen um ein Vielfaches kleinräumiger, die Anzahl der betroffenen Indiviuen ist dabei weitaus geringer. Auch der gesundeste Mensch erkrankt irgendwann unverschuldet in Laufe seines Lebens, weil dessen Vermeidung mit vertretbarem Aufwand unmöglich ist. Damit aber ein Land, Kontinent oder gar die Weltwirtschaft dahinsiecht, bedarf es des Einflusses von Zentralgewalten.

    Den Beweis, es hätte ohne das Wirken von Regierungen niemals derart umfassende Auswirkungen auf Abermillionen von Bürgern gegeben, kann ich nicht erbringen. Daß alle Systeme, auch weltweite, aus sich sebst heraus Zyklen des Auf und Abs entwickeln, mag stimmen, welche davon aber tatsächlich bedrohliche Formen annehmen, sei dahingestellt, denn – ich wiederhole mich – einzig Zentralgewalten sind in der Lage, Korrektive auszuhebeln, einzig Irrtumsmonole sind in der Lage, die Masse der Bürger in eine bestimmte Richtung zu zwingen.

  22. Karl Markt

    @gms
    Das “Modell”, um es mit Ihren Worten zu sagen, nachdem alle handeln, sind in diesem Fall Sachzwänge, in die alle hineingezwungen sind.

    Unternehmen müssen Löhne gering halten, Lohnempfänger müssen die Kosten beim Einkauf gering halten.
    Unternehmer wollen viel produzieren und viel verkaufen, aber wenig zahlen. Blöd nur, dass die, die am Ende das alles kaufen sollen, nicht viel verdienen dürfen. Das ist ein Widerspruch, der sich nicht auflösen lässt.

    Herauskommen Sachzwänge, denen sich allesamt unterwerfen müssen.
    Natürlich handeln alle danach, weil man gar nicht anders kann. Der Spielraum, den Preis mal eben seinem subjektiven Empfinden anzupassen, ist denkbar gering.

  23. Karl Markt

    @gms
    Finde ich ehrlich gesagt geradezu phänomenal, dass so viele Menschen zB Autos und Wohnfläche einen derart hohen Wert beimessen, sodass diese Dinge geradezu unerschwinglich werden.
    Also wenn ich 1500€ (brutto) verdiente, wär ich mir nicht so sicher, ob ich einen Golf mit 22.000.- bewerten würde.

  24. Feldheld

    gms :
    Im Gegensatz zu staatlich induzierten Krisen sind natürliche Krisen um ein Vielfaches kleinräumiger, die Anzahl der betroffenen Indiviuen ist dabei weitaus geringer. Auch der gesundeste Mensch erkrankt irgendwann unverschuldet in Laufe seines Lebens, weil dessen Vermeidung mit vertretbarem Aufwand unmöglich ist. Damit aber ein Land, Kontinent oder gar die Weltwirtschaft dahinsiecht, bedarf es des Einflusses von Zentralgewalten.

    Krisen, auch durchaus großflächige, sind ein natürliches Phänomen. Natürlich haben Sie recht damit, daß es die Zentralgewalten sind, die die natürlichen Korrektive aushebeln. Aber entstehen tun die auch von ganz allein, auf kollektiver Ebene wirken da die gleichen Mechanismen wie im Individuum. Fette Zeiten machen übermütig, dekadent, bequem, lassen damit die Voraussetzungen für den Wohlstand wegbrechen. Die Anspruchshaltung wächst, zugleich schrumpft die Leistungsbereitschaft. Zudem läßt der Wohlstand Bevölkerungsteile wachsen, die unter härteren Umständen weniger gewachsen wären, nämlich die Dummen, Schwachen, Faulen, Kriminellen, Alten etc. und saugt zudem noch solche Schichten aus dem Ausland an. Je goldener die Zeiten, desto härter zwangsläufig die Ernüchterung, die irgendwann kommen muß. Umgekehrt gilt natürlich das gleiche: harte Zeiten lassen wieder die Voraussetzungen für den Wiederaufschwung wachsen.

    Betrachten Sie am besten einmal die Wirtschaftsgeschichte der USA im 19. Jahrhundert. Der Staat hat da so gut wie keinen Einfluß genommen. Es war sozusagen DAS liberale Jahrhundert in den USA. Trotzdem gab es natürlich immer wieder Krisen. Nur kam damals niemand auf die schwachsinnige Idee, der Staat könne (und müsse) die Wirtschaft “heilen” oder “retten”. Eine Krise wurde nicht als Katastrophe wahrgenommen, sondern als normale Erscheinung, als Lernprozeß, als Gesundungsprozeß, als notwendiges Übel, ohne das kein Leben möglich ist.

  25. Lodur

    “Betrachten Sie am besten einmal die Wirtschaftsgeschichte der USA im 19. Jahrhundert. Der Staat hat da so gut wie keinen Einfluß genommen. Es war sozusagen DAS liberale Jahrhundert in den USA.”

    Sklaverei, Bürgerkrieg, Rassentrennung ab 1876, Fast-Ausrottung der Indianer und Installation der ersten Indianerreservate zwischen 1862 – 1890, Ausbeutung breiter Bevölkerungsschichten in Plantagen und Fabriken, Entstehung des städtischen bzw. industriellen Proletariats. Und das alles zu Gunsten von Eisenbahnbaronen, Bankern, Industriellen und Plantagenherren.
    Massive Interventionen der USA und ihrer Streitkräfte im Äußeren: Mexikanisch-Amerikanischer Krieg 1846–1848, Spanisch-Amerikanischer Krieg 1898, Philippinisch-Amerikanischer Krieg 1899-1902 (Niederschlagung der dortigen Unabhängigkeitsbewegung), expansionistische Außenpolitik gegenüber Japan und China.
    Ja das ist wahrer Liberalismus! Ausbeutung und Konkurrenz, Landraub und Fast-Ausrottung ethnischer Minderheiten (Indianer) zu Gunsten der Großgrundbesitzer, Banker, Eisenbahnbarone und der Industriellen. Imperialismus im Äußeren, um die Macht- und Profitinteressen der herrschenden Klassen durchzusetzen.
    Ich danke Feldheld, dem alten Maulhelden, wieder einmal dafür, zu zeigen, wofür der Liberalismus eigentlich steht, indem er die USA des 19. Jahrhunderts so lobt.

    “Fette Zeiten machen übermütig, dekadent, bequem, lassen damit die Voraussetzungen für den Wohlstand wegbrechen. Die Anspruchshaltung wächst, zugleich schrumpft die Leistungsbereitschaft. Zudem läßt der Wohlstand Bevölkerungsteile wachsen, die unter härteren Umständen weniger gewachsen wären, nämlich die Dummen, Schwachen, Faulen, Kriminellen, Alten etc. und saugt zudem noch solche Schichten aus dem Ausland an.”

    Und ein sozialdarwinistischer Welterklärer ist unser Maulheld auch noch.

    “Nur kam damals niemand auf die schwachsinnige Idee, der Staat könne (und müsse) die Wirtschaft “heilen” oder “retten”.”

    1890 wurde der Sherman Antitrust Act in den USA verbaschiedet, der ein erster Versuch war, die Monopolbildungstendenzen der amerikanischen Wirtschaft einzuschränken. Dank der freien kapitalistischen Marktwirtschaft drohte die US-Wirtschaft schon im späten 19. Jahrhundert zu einem Oligopol- bzw. Monopolkapitalismus zu werden. Aber für Maulhelden wie den Feldheld ja “kein Problem, sondern nur normale Erscheinung, notwendiges Übel”. Und somit beweist er wieder einmal, dass Liberale das Ende des freien Marktes zu Gunsten der Macht einiger Konzerne/Trusts in Kauf nehmen, solange der Staat nicht in die Wirtschaft interveniert.

  26. Lodur

    Abgesehen davon hat der Staat in den USA während des 19. Jahrhunderts massive außen- und innenpolitische Interventionen zu Gunsten der herrschenden Klassen betrieben, war also äußerst aktiv. So wurden Indianer, aufständische Sklaven, Mexikaner, Kubaner, Philippinos etc. schließlich vom US-Militär niedergemetzelt. Aber der Kapitalakkumulation ließ er tatsächlich freien Lauf. Bis die Freiheit des Marktes durch übermächtige Konzerne, Trusts und Kartelle gefährdet wurde.

  27. Karl Markt

    @Feldheld
    “Zudem läßt der Wohlstand Bevölkerungsteile wachsen, die unter härteren Umständen weniger gewachsen wären, nämlich die Dummen, Schwachen, Faulen, Kriminellen, Alten etc. und saugt zudem noch solche Schichten aus dem Ausland an.”

    Nazi!

    Wiedermal braune Tendenzen in Zentralorgan. Faschisten und Liberale, Brüder im Geiste.

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