Buchtip: Küssen mit Gorbi

Michail Gorbatschow ist in dem an tragischen Helden gewiss nicht armen 20. Jahrhundert vermutlich einer der tragischsten. Im Westen bis heute als der Mann gefeiert, der Deutschlands Wiedervereinigung ermöglichte und die Sowjetunion begrub, ist er in seiner Heimat Russland unbeliebt und gilt dort als der Mann, der das Riesenreich verspielte. In jenem (leidlich) demokratischen Russland, das ohne ihn vermutlich so nicht möglich gewesen wäre, spielte der ehemals mächtigste Mann der Sowjetunion nie mehr eine nennenswerte politische Rolle. Eine Erklärung für dieses erstaunliche Phänomen gibt der Vater von “Perestroijka” und “Glasnost” auch in seinem nun erschienen Erinnerungsband “Alles zu seiner Zeit” nicht. Schade.

Stattdessen räumt er seiner Beziehung zu seiner Frau Raissa, die 1999 an Leukämie verstarb, wesentlich mehr Raum ein, als dies bei Politikerbiographien gemeinhin üblich ist. Das brachte dem Buch fulminante Kritiken ein (“Gorbatschow zeigt seine menschliche Seite”, jubelte etwa die “Welt”), hinterlässt aber beim vor allem politisch interessierten Leser Ratlosigkeit. Denn so sehr die wohl wirklich tiefe Liebe zwischen Michael und Raissa Gorbatschow berühren mag, so begrenzt ist letztlich ihre Relevanz für den Verlauf der Geschichte.

Natürlich schmunzelt der Leser, wenn er erfährt, dass sich der junge Gorbi der von ihm verehrten Raissa erstmals nähert, indem er ihr sowjetbürokratisch seine Personalpapiere unter die hübsche Nase hält. “Der erste Kuss, die erste gemeinsame Nacht: So offen wie noch kein Kremlchef erzählt Michail Gorbatschow über die Jahrzehnte mit seiner Ehefrau Raissa”, freute sich ein Rezensent des deutschen Fernsehens – eh, aber da gibt es schon auch andere Fragen zum Fall Gorbatschow, die vielleicht etwas mehr Platz in dem über 500 Seiten schweren Opus verdient hätten.

So fällt besonders auf, dass Gorbatschows Jahrzehnte währender Aufstieg bis an die Spitze der KPdSU zwar von seiner ebenso lang währenden Einsicht begleitet wird, dass die Lebensumstände der Menschen immer schlimmer werden – doch letztlich zieht er daraus bloß dauernd den Schluss, dass man das bestehende kommunistische System eben verbessern müsse, anstatt es zum Teufel zu jagen. Das galt im Grunde bis zum Schluss seiner politischen Karriere: “Die Perestroijka war als Alternative zu den beiden historischen Extremen konzipiert”, schreibt er, “dem egoistischen, auf Privatbesitz schwörenden Kapitalismus auf der einen Seite und dem stalinistischen Totalitarismus auf der anderen Seite.” Was Gorbatschow anstrebte, war jener berühmte “dritte Weg”, der rein empirisch immer in die Dritte Welt geführt hat. Das mag heute die Herzen der westlichen Kapitalismuskritiker höherschlagen lassen, funktioniert davon aber auch nicht besser.

Wenig bis gar nicht setzt sich Gorbatschow auch mit dem Umstand auseinander, dass er – “Ich bin ein unbedingter Anhänger der Demokratie” – Jahrzehnte einer finsteren, mörderischen Diktatur in leitenden Funktionen gedient hat, ohne dabei offenbar in gröbere Gewissenskonflikte zu kommen. Ganz gerne würde man vom heute 82-jährigen Gorbatschow auch ein paar Worte zur Verantwortung lesen, die er dabei auf sich geladen hat und die durch Glasnost und Perestroijka ja nicht völlig aus der Welt verschwunden ist.

Massaker war “traurig”
Das gilt bis hin zu jenem “Blutsonntag” (13. Jänner 1991) in der litauischen Hauptstadt Vilnius, als sowjetisches Militär ein Dutzend litauische Freiheitskämpfer massakrierte – was der damalige Sowjetführer Gorbatschow heute zwar “traurig” findet, aber trotzdem in einer Tonalität beschreibt, als hätte der damals oberste Boss der Roten Armee mit diesem Massaker nun wirklich nichts zu tun. Und dass er noch 2013 behauptet, der Eiserne Vorhang sei “sowohl auf der Gegenseite als auch bei uns heruntergelassen worden” (Seite 201), ist glatte Geschichtsfälschung.

Das Wissen um den verbrecherischen Charakter der Sowjetunion verblasst im Westen zwei Jahrzehnte nach deren Untergang langsam. Gorbatschows Erinnerungen stemmen sich diesem Vergessen nicht entgegen; lesenswert sind sie trotzdem. (WZ)

Alles zu seiner Zeit. Mein Leben.

Michail Gorbatschow

Hoffmann und Campe,

546 Seiten, 25,70 Euro

One comment

  1. Gerhard

    Wie richtig erwähnt wurde, war und bleibt Gorbatschow ein Kommunist. Er wollte dem System nur ein menschlicheres Ansehen verleihen und manche Fehlentwicklungen bekämpfen. Dankbar müssen wir ihm trotzdem sein, dass unter seiner Herrschaft der Ostblock zerfallen ist. Dankbar sollte aber auch er selbst sein, dass er frei herumreisen und Geld verdienen kann und von seinen Feinden in Russland nicht tätlich angegriffen wird. Schliesslich sollten ihm auch die zigtausende heutigen russischen Millionäre sowie Millionen von Russen dankbar sein, welchen es nun wesentlich besser als zu Sowjetszeiten geht.
    Wenn er in seiner Biografie seiner Ehe mit Raissa sehr viel Raum gibt, dann beweist dies, dass ihm in seinem Leben diese Partnerschaft sehr viel bedeutet hat und sollte daher nicht negativ beurteilt werden.

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