Buchtip: Maos großer Hunger

(C.O.) Zwischen 1958 und 1962 verwandelte sich China in eine Hölle auf Erden. Mit diesem wuchtigen Satz beginnt der holländische Sinologe Frank Dikötter (auf den Spuren von Jisheng Yang: “Grabstein – Mùbei: Die große chinesische Hungerkatastrophe 1958-1962”, Frankfurt, 2012) sein Werk “Maos großer Hunger”, eine penible Beschreibung jener vier Jahre, in denen Mao Tse-Tung der Volksrepublik den von ihm so genannten “großen Sprung nach vorne” verordnete, im Wesentlichen ein letztlich völlig gescheiterter Versuch, die industrielle Produktion des Landes mittels einer gewaltigen Kraftanstrengung an das europäische Niveau heranzuführen.

Der Preis, den die chinesische Bevölkerung in diesen vier Jahren dafür zu entrichten hat: 45 Millionen Tote über das normale Maß hinaus; ermordet von der Kommunistischen Partei und ihren Schergen durch Hunger, politischen Terror, Massenexekutionen und Todeslager. Mao, das weist Dikötter in dem monumentalen Band penibel nach, darf nach rein numerischen (Opfer-)Kriterien für sich beanspruchen, der erfolgreichste Massenmörder der Weltgeschichte zu sein, der zahlenmäßig sogar Adolf Hitler übertroffen hat.

Doch im Gegensatz zum Nationalsozialismus, dessen Verbrechen heute bis ins kleinste Detail (“Ich war Hitlers Gärtnergehilfe” und so) dokumentiert und beschrieben sind, wurde über die Verbrechen der chinesischen Kommunisten bis heute relativ wenig bekannt. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die bis heute herrschende kommunistische Partei die Archive nur sehr zögerlich öffnet; vor allem für westliche Historiker.

Dikötter hat in jahrelanger penibler Recherche vor Ort zahllose bisher nicht zugängliche Akten und Dokumente einsehen können und daraus ein Gemälde des Grauens erstellt. Um sein Ziel zu erreichen, ließ Mao ab 1958 Dorfgemeinschaften auflösen, die Bauern wurden zwangsweise in sogenannten Volkskommunen mit manchmal 20.000 Familien zusammengefasst. Selbst noch so ärmlicher Privatbesitz wurde kollektiviert, essen war nur noch in kollektiven Volksküchen erlaubt. Kinder wurden von ihren Eltern getrennt und in kommunale Krippen gesteckt. Frauen leisteten Sklavenarbeit am Hochofen oder bei den riesigen Bewässerungsprojekten.

Sadismus ohne Grenzen
Durchgesetzt werden konnte all dies nur mit brutaler Gewalt. Frank Dikötter zitiert aus einem vergilbten Dokument: “Ou Desheng, Parteisekretär einer Kommune in Hunan, schärfte Kandidaten ein: Wenn du Parteimitglied werden willst, musst du prügeln können.” Wobei es nicht beim Prügeln blieb. Die schärfste Waffe der Partei gegen die Bevölkerung war der Nahrungsmittelentzug, da Essen ja nur noch in den von der Partei kontrollierten Kantinen möglich war. Mehrere Millionen Menschen fielen allein dieser Terrormaßnahme zum Opfer, hat Dikötter berechnet.

Wer nicht spurte, wurde übel malträtiert: Auspeitschen und mit Knüppeln erschlagen, im Dorfteich ertränken oder lebendig begraben – der Sadismus der Kommunisten schien keine Grenzen zu kennen. Wer sich über Hunger beklagte, dokumentiert Dikötter, wurde gezwungen, Urin und Fäkalien zu sich zu nehmen. Hilfe gab es nicht: “Alle Instanzen, die der Gewalt Grenzen setzen konnten – Religion, Gesetz, Gemeinde, Familie -, waren weggefegt worden.” Darüber, ob Mao dieses millionenfache Morden und Sterben vorsätzlich herbeigeführt hat oder lediglich zugelassen hat, maßt sich das Buch kein Urteil an, sondern zitiert ihn bloß: “Wenn es nicht genug zu essen gibt, verhungern die Menschen. Es ist besser, die Hälfte der Menschen sterben zu lassen, damit die andere Hälfte genug zu essen hat.” Zu Ende war “der große Sprung nach vorne” erst 1962, nachdem all seine Ziele gescheitert waren und das Land wie ein riesiges Leichenhaus vor sich hin verweste.

Die Verantwortlichen sind bis heute nicht bestraft worden, Mao wird nicht nur in China wieder verehrt. Auch im Westen gilt der kommunistische Massenmörder bis heute in bestimmten Milieus noch als Hero, den man schon mal radical chic am T-Shirt tragen kann. Wer “Maos großer Hunger” gelesen hat, wird erkennen müssen, dass das ungefähr so angemessen ist, wie mit einem Hitler-T-Shirt durch die Gegend zu laufen. In China ist das Buch deshalb, wenig überraschend, denn auch sofort verboten worden. (WZ)
Information
Frank Dikötter: Maos großer Hunger, übersetzt von Stephan Gebauer, Klett-Cotta, 526 Seiten, 30,80 Euro

4 comments

  1. Markus

    Deutschland versucht gerade auch einen “großen Sprung nach vorne” genannt diesmal “Energiewende”. Sicherlich nicht ganz so fatal wie damals unter Mao, obwohl auch dramatisch für Umwelt und Wohlstand, aber sicherlich genauso idiotisch.

  2. Thomas Holzer

    “Auf 3 Jahre harte Arbeit werden 10.000 Jahre Glück folgen” Mao Zedong

  3. Rado

    Mao hatte auch jeden Tag Hunger auf eine Jungfrau, bis ins hohe Alter.
    Seine Dienerschaft fahndete das ganze Land ab, um ihm geeignete Mädchen liefern zu können.

  4. FDominicus

    Ist doch kein Problem auch Che Guevare wird in gewissen Kreisen verehrt aber wehe das passiert in irgendeinem Land mit rechten Diktatoren. Na dann ist die Empörung und Betroffenheit groß…

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