Buchtip: Sex und die Zitadelle

Die Operation kostet zwischen 100 und 300 Euro, also etwa das Durchschnittsgehalt einer ägyptischen Familie, und ist in der ganzen arabischen Welt, politischer Frühling hin oder her, im beginnenden 21. Jahrhundert noch immer weit verbreitet, wenn nicht gar alltäglich. Zweck der sogenannten “Hymenalrekonstruktion” ist die mehr oder weniger täuschend echte Wiederherstellung eines umständehalber lädierten oder gar zerstörten Jungfernhäutchens einer ihrer Hochzeit entgegenfiebernden jungen Frau. Nicht wenige Ärzte lassen sich diesen kleinen Eingriff, sollte die Patientin finanziell indisponiert sein, übrigens auch gerne durch jene Dienste honorieren, die das Hymen der Patientin ursprünglich erst in jenen unschicklichen Zustand versetzt haben.

Hymenreparatur gegen Sex mit dem Arzt: Was für Europäer, die etwa die Schwulenehe als gesellschaftliche Normalität zu verstehen gelernt haben, etwas bizarr wirken mag, gilt in der arabischen Welt als nicht gerade ungewöhnlich, berichtet uns die ägyptische Immunologin und Autorin Shereen El Feki in ihrem Buch “Sex und die Zitadelle – Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt”.

Fünf Jahre hat Frau El Feki, eine gebürtige Waliserin mit arabischen Wurzeln, in Ägypten und den umliegenden islamischen Ländern die sexuellen Gewohnheiten, Bedürfnisse und Probleme der muslimischen Menschen recherchiert. In hunderten Gesprächen geht sie der Frage nach, wie sich der Islam und seine sehr unterschiedlichen Interpretationen auf die sexuelle Zufriedenheit auswirken. Und sie recherchiert, was der arabische Frühling vor allem den Frauen in dieser Hinsicht gebracht hat (kurze Antwort: praktisch nichts) und wie die repressive Sexualpolitik der arabischen Welt mit den politischen Verwerfungen und Umbrüche der beiden letzten Jahre zusammenhängt. Sex, Revolution und Orient also – eine Mischung, die jedes Verlegerherz höherschlagen lässt; das Buch wurde erwartungsgemäß ein Bestseller.

Tatsächlich bietet es, gelegentlich hart an der Grenze zum Voyeurismus, erstaunliche und manchmal auch beängstigende Einblicke. Nach wie vor gilt in der islamischen Welt: Sex ist nur in der “Zitadelle” (der Ehe) erlaubt, wird er außerhalb vollzogen, drohen im Geltungsbereich der Scharia Steinigung und Peitschenhiebe; von der sozialen Ächtung ganz zu schweigen. Ein reichlich verschwitztes Klima der Angst und der Verklemmtheit ist die Folge, belegt Frau El Feiki an zahllosen und äußerst plastischen Beispielen, nicht viel anders als es in Europa herrschte, solange dort die Kirche noch Macht und Einfluss hatte.

Das ist freilich paradox, einst war der Orient ja für seine Sinnesfreuden bekannt und gerühmt, wie etwa im Werk des Schriftstellers Gustave Flaubert episch beschrieben. “Die arabische Welt, die einst im Westen für sexuelle Freizügigkeit berühmt war (…) wird heute wegen ihrer sexuellen Intoleranz weithin kritisiert”, diagnostiziert die Autorin zu Recht.

Ursache dieser Veränderung sei “Uqdit al-Khawaga”: der “Ausländerkomplex” der Araber. Er meint ein Gefühl der Unterlegenheit gegenüber den Westlern, herbeigeführt von Erinnerungen an die Kolonialepoche. Als Antwort darauf hätten fundamentalistische Organisationen wie die Muslimbruderschaft Zulauf bekommen, die strikte Gegner der dekadenten westlichen Sexualmoral sind. Es sind also, wieder einmal, die bösen Imperialisten schuld daran, wenn die arabische Welt 2013 noch immer von Sexualneurosen gebeutelt wird – eine jedenfalls originelle, wenn auch intellektuell etwas gewagte These.

Sexuelle Repression
Davon profitierten ihrer Meinung nach – Wilhelm Reich lässt grüßen – die heutigen politischen Eliten, die sexuelle Repression nach wie vor als Mittel der politischen Unterdrückung gezielt einsetzten. Und das schließt an die Behauptung der 1968er an, wonach das Private immer politisch sei: “Was im Schlafzimmer passiert, ist verbunden mit dem, was im politischen und ökonomischen Leben passiert. Wenn Frauen keine Kontrolle über ihren Körper haben, wenn es keine Gleichheit in den Betten gibt, wie können wir es dann draußen, auf den Plätzen erwarten?” (WZ)

Sex und die Zitadelle – Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt

Shereen El Feki

Übersetzt von Thorsten Schmidt Hanser, 415 Seiten, 25,60 Euro

 

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