Buchtip: Skin in the Game (von Nicholas Nassim Taleb)

( Manfred JACOBI) Nassim Nicholas Taleb ist ein streitbarer Geist. Ein unabhängiger Geist, der sein Oberstübchen selbständig benutzt. Betreutes Denken, wie es von der politisch-korrekten Klasse gefordert und gefördert wird, liegt ihm fern. Sein jüngstes Buch mit dem Titel Skin in the Game (deutscher Titel: Das Risiko und sein Preis) legt eindrucksvoll Zeugnis davon ab. Dessen zentrale These ist, dass Entscheidungen anders getroffen werden (oder besser: würden), wenn die Entscheider (also etwa Politiker, aber eben nicht nur) selbst für die Konsequenzen aus diesen Entscheidungen haften müssen (oder besser: müssten). Denn in der Tat gibt es zahllose Dinge, die von den einen (siehe oben) ausgebrütet und von anderen Leuten ausgebadet werden.

Beispiel gefällig? Ein Finanzberater gibt Ihnen einen “sicheren” Tipp für Traumrenditen. Wenn allerdings der “unwahrscheinliche” Fall eines (beinahe) Totalverlusts eintritt (Taleb bezeichnet das als tail risk), bleiben Sie auf ihrem Schaden sitzen. Und das gilt jetzt (nach einer “verschärften” Gesetzgebung, angeblich zugunsten der Anleger) noch mehr als in den Zeiten vor der Finanzkrise. Denn jetzt dürfen sie seitenweise technische Fragebögen ausfüllen, die sie über alle möglichen Risiken aufklären (sollen). Das ist schön und gut, aber die Risiken verschwinden deswegen nicht aus der Welt. Und selbst dieser Unsinn lässt sich noch toppen: Eine schwedische Finanzberaterin legte einer Bekannten die Frage vor, was letztere zu tun gedenke, sollte der Finanzmarkt abschmieren. Die empfohlene Antwort: Ich wende mich an mein Finanzinstitut und frage um Rat, was ich tun soll. Hier wird tatsächlich der Teufel mit Beelzebub ausgetrieben.

In einem anderen Abschnitt nimmt Taleb die IYIs aufs Korn. IYI steht für: Intellectual Yet Idiot. Gemeint sind Leute, die zwar sehr gut darin sind, im herrschenden Zeitgeist mit zu schwimmen, aber von praktischen Gegebenheiten (und deren Folgen) so gar keine Ahnung haben. Gestrandet auf einer Insel wären diese Leute unfähig, eine Kokosnuss zu finden, weil das in ihrem Regelbuch nicht vorkommt.

Beispiel gefällig? Erst dieser Tage erzählte mir ein geschätzter Kollege von einer Frau, die (aus Gründen des Klimaglaubens) Vegetarierin ist und nun dazu übergegangen war, ihre Katze ebenfalls auf vegetarisch umzustellen. Das tat dem kleinen Tier gesundheitlich aber gar nicht gut. Denn Katzen sind im Grunde genommen Raubtiere und benötigen tierisches Eiweiß. Man fragt sich schon, wie verblödet man sein muss, um so wie diese Frau zu handeln. Ein perfektes Beispiel für IYI. Keineswegs ein Einzelfall. Und solche Leute sitzen allzu oft an den Schalthebeln der Gesellschaft.

Zurück zur Finanzindustrie: Der Autor beschreibt sehr schön, dass die Gewinnmöglichkeiten der Finanzjongleure umso mehr wuchsen, je komplizierter die entsprechenden Gesetze wurden. Was zu Teil auch daran liegt, dass (eben wegen der komplexen Materie) Experten aus der Finanzwelt ein gewichtiges Wörtchen bei der Ausgestaltung der Gesetze mitzureden haben. Doch dieser unselige Einfluss der externen Berater auf die Gesetzgebung ist keineswegs nur auf den Finanzmarkt beschränkt. Die Folge ist aber immer die gleiche. Die Verursacher sind auf der sicheren Seite, während alle anderen, also die Normalbürger, auf den (negativen) Konsequenzen sitzen bleiben.

Was wir also im gegenwärtigen Leben sehen, ist eine ungeheure Asymmetrie der Risikoverteilung, die wiederum Entscheidungsprozesse (und Entscheider) begünstigt, die genau diese Asymmetrie befördern. Dieses Ungleichgewicht fällt nur deswegen nicht sofort auf, weil sich ihre Konsequenzen oft erst in Extremfällen zeigen (tail risk). Dann aber berufen sich die Verantwortlichen darauf, dass solches nicht vorhersehbar gewesen sei. Wären die Entscheider jedoch in solcher Weise in die Folgen ihres Tuns eingebunden, dass sie diese voll mittragen müssten, dann sähen die Entscheidungen mit Sicherheit anders aus. Wer zu viele Gäste auf seine Party eingeladen hat, kann diese auch nicht einfach beim Nachbarn abgeben.

Fazit: eine spannende, nie langweilige Lektüre, die zum Mit- und Nachdenken anregt. Sehr informativ und aufschlussreich, ohne oberlehrerhaft zu sein. Was kann man mehr von einem Buch erwarten!

4 comments

  1. Sven Lagler

    …„Dessen zentrale These ist, dass Entscheidungen anders getroffen werden (oder besser: würden), wenn die Entscheider (also etwa Politiker, aber eben nicht nur) selbst für die Konsequenzen aus diesen Entscheidungen haften müssen (oder besser: müssten). Denn in der Tat gibt es zahllose Dinge, die von den einen (siehe oben) ausgebrütet und von anderen Leuten ausgebadet werden.“…

    In 3 Worten: „Verantwortungsethik statt Gesinnungsethik“ oder alternativ der uralt Poesie- Album Spruch: „Was Du nicht willst das man Dir tu, das für auch keinem anderen zu“ bzw. der Leitsatz in der Ersten Hilfe: Opfer so behandeln wie man selbst behandelt werden möchte.

  2. Falke

    Mir stößt schon lange sauer auf, dass Vertreter eines bestimmten Berufes für ihre Entscheidungen nicht verantwortlich gemacht werden, obwohl sie das Leben eines Menschen ganz entscheidend beinflussen können. Ein Arzt etwa ist haftbar, wenn er eine falsche Diagnose stellt oder einen Patienten falsch behandelt. Ein Statiker ist selbstverständlich haftbar, wenn er eine Brücke oder ein Gebäude falsch berechnent und diese(s) einstürzt. Ein Installateu ist haftbar, wenn er eine Leitung falsch anschließt, usw. Nur ein Richter ist nicht haftbar, wenn er ein Fehlurteil fällt, was – wie oben angeführt – ja das Leben eines Menschen völlig zerstören kann. In so einem Fall bekommt der Betreffende zwar eine finanzielle Entschädigung (durch den Steuerzahler!), der Richter kann aber munter weitermachen. Ich fände es nur gerecht, dass Richter für ihre Urteile genauso haftbar gemacht werden können wie jeder andere Beruf auch.

  3. aneagle

    @ Falke
    In Ihren durchaus nachvollziehbaren Haftungsüberlegungen, haben Sie die Berufsgruppe der Politiker ausgelassen. Weshalb? Das wäre ein Bombengeschäft für die Versicherungen und die Politiker würden schon wegen des Selbstbehaltes denken lernen, bevor sie munter Entscheidungen treffen.

  4. Falke

    @aneagle
    Sie haben vollkomen recht; so ein Haftungsgesetz müsste aber vom Parlament – also von den Politikern – beschlossen werden. Und die werden sich ja kaum selber in die Bredouille setzen. Dazu kommt noch, dass ein Richter eine lange Berufsausbildung samt Praxis und strengen Prüfungen hinter sich hat, wärend man ja “Politiker” nicht lernen oder gar studieren kann, und man daher Dilettanten und Nichtskönner auf diesen Posten geradezu erwarten muss (und sich über solche Typen kaum jemand wundert). Immerhin haben die Menschen – sehr beschränkt, aber doch – die Möglichkeit, diese Politiker nicht zu wählen bzw. abzuwählen. Ein Richter z.B. ist weder ab- noch versetzbar, was immer er aufführt.

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .