Buchtip: “Smalltalk”

(C.O.) Dass die ehrlich gemeinte Frage “Entschuldigung, hatten wir schon einmal Geschlechtsverkehr?” sich nicht besonders gut zur Eröffnung eines Gespräches auf einer Cocktailparty eignet, erklärt Alexander (Graf von) Schönburg dem Leser gleich auf der ersten Seite seines neuesten Bestsellers “Smalltalk – Die Kunst des stilvollen Mitredens”. Und sogleich weiß man: Das wird vergnügliche Lektüre werden.

Die folgenden 318 Seiten sind es auch. Er fühle sich, schreibt Schönburg, “zur Pflicht gerufen, eine vom Erlöschen bedrohte Kulturtechnik zu verteidigen. Es geht um die Konservation der Konversation. Noch nie wurde so viel kommuniziert wie heute, doch jeder erzählt nur noch von sich. Wir leben im Zeitalter der Selfies, auch verbal. Und während wir teilen und chatten, stirbt die Gesprächskultur einen stillen Tod.”

Kunst der Konversation
Was jeder bezeugen wird, der auch nur gelegentlich eine Party, einen Cocktail oder einen Empfang besucht. Dort trifft man lehrerhafte Schwätzer, autistische Schweiger, Selbstdarsteller aller Schattierungen, penetrante Prediger und jede Menge Besserwisser – aber nur ganz selten Menschen, denen die Kunst der Konversation auch nur halbwegs geläufig wäre. Also jemanden wie Schönburg.

Dem ist diese Fertigkeit gleichsam in die DNA geschrieben. In einer deutschen Aristo-Familie aufgewachsen – seine Geschwister sind Gloria von Thurn und Taxis und Maya Flick -, hat er seine Kindheit (“tausende von Stunden”) in Salons verbracht, wo genau diese Kunst ausgeübt worden ist. “Der Hochadel ist ein traditionell eher bildungsfernes Milieu. In Familien wie meiner war Bildung immer eher etwas für Hauslehrer. Wir haben also einen kleinen Vorsprung darin, Ahnungslosigkeit einzugestehen und dabei eine angenehme Unterhaltung aufrechterhalten zu können”, erläutert der Autor, im für ihn charakteristischen, stets auf Selbstironie bedachten Sound.

“Die wichtigsten zwei Regeln, das sei all dem Stichworthaften vorangestellt, lauten: Langweile mich nicht! Und zweitens Klappe halten. Zuhören ist die Geheimwaffe des Smalltalks. Viele glauben, man müsse ständig plappern, um als guter Smalltalker zu gelten. Dabei sind es vielmehr jene, die gut zuhören zu verstehen, die klug wirken, besonders wenn sie in den richtigen Momenten interessiert nicken können. Und sie wirken anziehend, weil sie so wirken, als ruhten sie in sich selbst”, führt der Autor seine Leser in Basics gepflegter Konversation ein. – Klingt banal, nur komischerweise hält sich trotzdem kaum jemand daran.

In einer Art Cocktailkonversation mit sich selbst handelt Schönburg alles ab, was sich für dieses verbale Ping-Pong-Spiel eignet, von Luxushotels (“Die Grandhotels der Metropolen sind streng genommen nichts weiter als palastartige Riesenbordelle”) über moderne Kunst (“Das Thema ist eigentlich passé. Zumindest für denjenigen, der seine Zugehörigkeit zur Avantgarde mit Klugscheißerei demonstrieren muss. Da ist es besser, sich als Fachmann für Techno-Labels zu präsentieren”) bis hin zum Gottesteilchen in der Quantenphysik (“Das Phantastische an diesem Thema ist, dass sich genau fünf Menschen damit auskennen”).

Die Welt, behauptet Schönburg, sei “zu komplex geworden, um noch zu irgendetwas eine fundierte Meinung haben zu können. Paradoxerweise folgt daraus aber, dass wir wohl zu allem eine Meinung haben müssen – nur eben mit einer Demut, die uns jedes Rechthabertum verbietet. Eine Haltung, die exakt der eines guten Smalltalkers entspricht. Nie recht behalten wollen, aber doch halbwegs originelle Thesen vertreten, um damit spielerisch Widerspruch herauszufordern, darum geht es beim Smalltalk, dessen Treibstoff die Pointierung ist.”

Wie eröffnen wir nun wirklich ein Gespräch, ohne die Frage nach dem allfällig stattgefunden habenden Geschlechtsverkehr zu relevieren? Ganz einfach, meint der Autor:

– “Haben Sie schon gehört, dass Breguet neuerdings poloniumsichere Armbanduhren hat?” (Wenn Sie unter russische Oligarchen geraten sind.)

– “Wenn Sie eine Straftat begehen könnten, ohne erwischt zu werden, welche wäre es?” (Wenn Sie mit einem Unternehmensboss reden.)

– “Wann haben Sie das erste Mal gemerkt, dass Sie außergewöhnlich sind?” (Im Gespräch mit Egomanen. Ist ein Geheimtipp, funktioniert immer.)

Na bitte, geht ja.  (WZ)

 

Smalltalk

Alexander von Schönburg

Rowohlt Berlin, 320 Seiten,

16,50 Euro

 

 

One comment

  1. Mourawetz

    Small Talk, das ist der eitle Abglanz der Konversation all jener, die glauben sich ohne Nachdenken auf Kosten jegliches Gesprächsthemas amüsieren zu  müssen. Also für jeden Menschen  mit Verstand eine Qual.  Small Talk gibt vor, die Langweiligkeit auf jeder Party bekämpfen zu können. Sobald es aber interessant also ernster wird, ist der Small Talk dahin. Er selbst ist die langweiligste Sache der Welt.Small talk, auf deutsch: belangloses Geschwätz. 

    http://mitchlevenberg.com/wp-content/uploads/2012/04/Small-Talk.jpeg

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