Buchtip: “The Guardians”

(GEORG VETTER) John Grishams jüngste Novelle “The Guardians” handelt von Unzulänglichkeiten, die es nicht geben dürfte, die es aber immer geben wird: Sie handelt von Justizirrtümern. Eine kleine Gruppe von Idealisten hat es sich zur Aufgabe gemacht, unschuldig Verurteilte in amerikanischen Gefängnissen zu identifizieren und eine Wiederaufnahme ihrer Verfahren herbeizuführen. Ein Fall wird mit besonders viel Drama aufbereitet und führt Schwächen vor Augen, die sich immer auftun, wenn Menschen am Werk sind – seien es Richter, Anwälte, Ankläger, Polizisten oder Sachverständige.
Wie immer glänzt Grisham durch seine geschliffene Sprache, seine lebensnahen Beschreibungen und sein fachliches Hintergrundwissen. Wie bei seinem vorletzten Buch „The Reckoning“ nimmt er einen Fall aus der Wirklichkeit als Vorlage für sein Werk und auch diesmal braucht man für ein paar Seiten starke Nerven.
Zeit spielt eine entscheidende Rolle. Wenn man nach mehr als 20 Jahren ein Kapitalverbrechen neu aufrollen möchte, steht man vor großen Beweisschwierigkeiten. Beweismittel sind vernichtet worden, Zeugen sind gestorben und diejenigen, die noch leben, können sich an vieles nicht mehr erinnern. Auch ist es nicht die Aufgabe der Gerichte, ständig alte Prozesse zu wiederholen. Die Chancen der Justizirrtumsopfer auf Rehabilitation sinken daher mit dem Lauf der Zeit. Doch auch für sie gilt: Justice delayed is justice denied. Verzögerte Gerechtigkeit ist verweigerte Gerechtigkeit.
Was Grisham wohl denken würde, wenn er die Zustände in Österreich kennen würde? Wo der längste Prozess schon so lange dauert wie die jüngste Legislaturperiode? Wo allzu viele Ermittlungen schon mehr als doppelt so lange dauern wie der Zweite Weltkrieg?
Ärzte, Priester und Anwälte können, so Balzac, ihre Nebenmenschen nicht wirklich achten. Sie wissen zu viel von ihren Schwächen. Vielleicht sollten wir eher sagen, dass diese Gruppen nicht dazu neigen, ein System zu idealisieren, weil sie die Schwächen der Menschen – und zwar aller Menschen – so gut kennen. Vielleicht ist es vielmehr so, dass man ein System nur dann wirklich achten kann, wenn man es eben nicht durch die rosarote Brille sieht. Unsere Aufgabe besteht darin, ständig daran zu arbeiten, dieses System trotz der fehleranfälligen Menschen zu verbessern und uns nie der Illusion einer absoluten Gerechtigkeit hinzugeben. Wir leben in einer Zeit, in der die österreichische Justiz nach jahrelanger Vernachlässigung an vielen Ecken kracht und die Politik die Sorgen der Justiz je nach Laune ignoriert oder schönredet. Wünschenswert wäre daher zur Abwechslung eine starke Ministeriumsspitze, der voll und ganz bewusst ist, dass verzögerte Gerechtigkeit verweigerte Gerechtigkeit bedeutet.

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