Buchtip: “Total beschränkt”

(C.O.) Von einem deutschen Gericht per Urteil dazu gezwungen, hat ein alteingesessener Hamburger Fischhändler kürzlich über der Verkaufstheke ein Schild montiert, auf dem seine Kunden darauf hingewiesen werden, dass “Fische Gräten enthalten”. Erdnusspackungen wiederum enthalten, wie das Gesetz es vorschreibt, den warnenden Hinweis: “Kann Spuren von Nüssen enthalten”. Und Bügeleisen sind, aus demselben Grund, nun oft mit der Aufforderung versehen, doch bitte nicht direkt am Körper zu bügeln. Wer hätte das gedacht.

“Eine überfürsorgliche Politik,” die dergleichen Unfug erzwingt, “erzeugt erst jene Hilfsbedürftigkeit, die sie den Bürgern fälschlicherweise unterstellt,” meint der deutsche Bestseller-Autor und “Spiegel”-Journalist Alexander Neubacher in seinem neuen Buch “Total beschränkt” und behauptet: “Die Verbote siegen über den Verstand – Je mehr Beschränkungen, um so mehr Beschränkte.”

Nun ist ja nicht ganz neu, dass “uns der Staat mit immer neuen Vorschriften das Denken abgewöhnen will” und uns so zu “Trottelbürgern macht, die man vor sich selbst schützen muss”. Zu dem Befund sind andere Autoren schon früher gekommen, das Wehklagen über zunehmende Bevormundung durch den Staat ist – nicht ohne Grund – fast schon eine eigene journalistische Disziplin geworden, die sich bester Nachfrage am Lesermarkt erfreut.

Kein Windpark ohne Kartenspiel
Doch Neubacher ist mit “Total beschränkt” zweifellos das Standardwerk zum Thema gelungen. Prall schöpft er aus dem üppigen Angebot des deutschen Nanny-Staates an bevormundender Bürokratie, natürlich stets zum Besten des ihr ausgelieferten Untertans. Da erfahren wir etwa, dass im Geltungsgebiet des deutschen Grundgesetzes der beschwipste “Benutzer eines Elektrofahrrades, das nur den Pedaltritt unterstützt, 1,6 Promille im Blut haben darf, ohne den Führerschein zu verlieren, auf einem Elektrorad, das auch im Leerlauf arbeitet, aber nur mit 0,5 Promille”; dass in Teilen Berlins bei Wohnungssanierungen keine zweiten Bäder, keine offenen Kamine und keine Aufzüge eingebaut werden dürfen; auf Bohrinseln und Windparks in der Nordsee nicht nur Sanitätsmaterial und Kekse für den Notfall vorrätig sein müssen, sondern auch “ein Kartenspiel” und ganz generell “Verbote unseren Alltag überwuchern wie Knöterich die Friedhofsmauer”.

Längst untergegangen ist im zeitgenössischen Bevormundungs-Staat hingegen, was der 1755 verstorbene französische Staatstheoretiker Montesquieu als Grundlage des guten Staates definiert hat: “Wenn es nicht notwendig ist, ein Gesetz zu machen, dann ist es notwendig, kein Gesetz zu machen.”

Doch Neubacher beschränkt sich nicht darauf, eine Enzyklopädie jener fürsorglichen Belagerung zu erstellen, von der wir zunehmend bedrängt werden, er benennt auch die Ursachen und die Verantwortlichen dieses Ärgernisses. Allen voran die Politik. “Es beschleicht einen der Verdacht, dass wir zum Opfer von Ablenkungsmanövern werden, mit denen Politiker ihre Handlungsfähigkeit demonstrieren wollen, wenn sie bei den wichtigen Themen nicht vorankommen. Es ist für eine Regierung leichter, den Gebrauch von Heizpilzen zu regulieren, als den Handel mit Emissionszertifikaten auf eine funktionierende Grundlage zu stellen.”

Krisenfeste Branchen entstanden
Aber auch die einflussreichen Lobbys der Wirtschaft würden, vor allem unter der Tarnung des vermeintlichen Verbraucherschutzes, von Regulierung und Bürgerbevormundung profitieren: “Unter dem Deckmantel von Risikovermeidung sind krisenfeste, renditestarke Branchen entstanden, für die staatliche Regulierung vor allem eines bedeutet: mit Sicherheit ein gutes Geschäft.” Dass die EU-Bürger heute etwa kaum noch richtige traditionelle Glühbirnen verwenden können, wenn ihnen danach ist, belegt die Richtigkeit dieses Argumentes augenfällig.

Für besondere Connaisseurs hat der Autor seinem Text noch 77 Fallbeispiele besonders erlesene Beispiele aus der Welt des “präventiv-bürokratischen Komplexes” hinzugefügt, eines vertrottelter als das andere. Nicht zu verachten etwa Nummer 49: Im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg gibt es neuerdings einen Friedhof für lesbische Frauen – das Bestatten von verstorbenen Männern ist dort, erraten, verboten. (WZ)

9 comments

  1. Marianne

    Henne und Ei Phänomen. Immerhin haben hierzulande vor einem Jahr mehr als 3/4 der Wahlberechtigten die Oberregulierer direkt (Kreuzerl bei SPÖVPGRÜN) oder indirekt (ZUFAULZUMWÄHLEN) unterstützt.

  2. Thomas Holzer

    “Es ist für eine Regierung leichter, den Gebrauch von Heizpilzen zu regulieren, als den Handel mit Emissionszertifikaten auf eine funktionierende Grundlage zu stellen.”

    Natürlich; aber: auch nur Politiker kommen auf die verrückte Idee, überhaupt einen Handel mit Emissionszertifikaten zu inszenieren!
    Für eine falsche, dumme Idee kann es keine funktionierende Grundlage geben.

    Und ein Friedhof für lesbische Frauen; ist das nicht diskriminierend?!

  3. Herbert Manninger

    Gesetze schaffen, wie sinnlos, gängelnd und schikanierend sie auch sein mögen, ist die Existenzbegründung von Bürokraten und Politikern. Es verschafft mediale Aufmerksamkeit und es verleiht ihnen ein wonniges Machtgefühl, wenn sich die Untertanen vor diesen Geßlerhüten in den Staub werfen müssen.
    An alle aufmerksamkeitsgeilen Politiker: Wie wäre es, einmal was Neues, umgekehrt, nämlich unnütze Gesetze abzuschaffen? Die von euch mit unserem Geld gesponserten Medien liefern sicher folgsam das gewünschte Getöse – und wir hätten auch was davon. Und das Machtgefühl holt ihr euch über Wahlerfolge.

  4. Thomas Holzer

    “Wie wäre es, einmal was Neues, umgekehrt, nämlich unnütze Gesetze abzuschaffen?”

    Das wäre:
    1.) zu anstrengend für “unsere” Politikerdarsteller
    2.) zu entlarvend; weil alle, Politikerdarsteller und Bürger, feststellen würden, daß “das Werkl” besser läuft als zuvor 😉

  5. Mona Rieboldt

    Die Dekadenz zeigt sich deutlich in einem Friedhof nur für Lesben. Denen scheinen wohl noch tote Männer unangenehm. Na ja, wenn die dann auch aus ihren Gräbern aufstehen 😉

  6. KClemens

    Die Dekadenz zeigt sich deutlich in einem Friedhof nur für Lesben.
    _____________________________________

    Was machen eigentlich tote katholische Lesben…..? Wer hält da die Trauerzeremonie?

  7. Michael Haberler

    @Herbert Manninger:

    mE sollten Gesetze grundsätzlich ein Ablaufdatum haben – nur wenige rechtfertigen Dauerstatus, und wenn – dann mit einer Begründung

    das würde uns Lächerlichkeiten wie das burgenländische Tanzlehrergesetz durch natürliche Verrottung ersparen

  8. Rennziege

    Wie stellt ein Leichenbestatter fest, ob eine weibliche Leiche echt lesbisch war? (“Da könnt’ ja jede Hetero-Schlampe kommen …”)

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