Buchtip: “Über die Erziehung”

Von | 21. Mai 2013

(ANDREAS TÖGEL) Es kommt nicht alle Tage vor, daß zwei Philosophen und ein Kabarettist gemeinsam ein Buch über die Erziehung schreiben. Entstanden ist diese Arbeit als eine Zusammenfassung von Tonaufzeichnungen zwangsloser Gespräche, die im Laufe der Zeit von den drei Autoren in ihrer „philosophischen Küche“ über Gott und der Welt geführt wurden. Ergänzt werden diese freundschaftlichen Dispute im vorliegenden Fall durch Einzelbeiträge jedes der drei Autoren.

Erziehung wird als ein nicht auf Kindheit und Jugend beschränkter und auch keineswegs vordringlich mit der Schule in Verbindung stehendes Ereignis beschrieben. Wie das Lernen, so ist auch die Erziehung ein Vorgang, dem wir lebenslänglich ausgesetzt sind. Dabei haben wir es mit verschiedensten Einflüssen und Methoden aller möglichen Menschen und Organisationen zu tun. Daß staatliche Institutionen immer früher den Anspruch erheben, den Eltern Erziehungsagenden ab- und an deren statt zu übernehmen, ist eine nicht zu übersehende Tatsache.

Daß es für totalitäre politische Systeme typisch ist, die Kinder möglichst früh der Obhut ihrer Eltern zu entziehen und ihnen zu entfremden, bedarf keiner besonderen Erwähnung. Daß trotz (oder wegen?) stetig größeren um die staatliche (Aus-)Bildung gemachten Aufhebens und unentwegter Reformanstrengungen, die erzielten Ergebnisse immer dürftiger werden, leider ebenfalls. Liebevolle Erziehungsanstrengungen von Eltern werden stets darauf gerichtet sein, ihre Kinder behutsam an selbständiges und eigenverantwortliches Handeln heranzuführen –eigene Anweisungen also stetig zu reduzieren.

Staatliche Erziehungsmaßnahmen dagegen sind auf die Produktion klaglos funktionierender Untertanen gerichtet, und haben das Ziel, deren lebenslängliche Unmündigkeit und Abhängig sicherzustellen. Roland Düringer liefert folgende, nur auf den ersten Blick witzig klingende Definition von Bildung: „Erziehung ist eine durch die Gesellschaft anerkannte, ja sogar geförderte Foltermethode, mit der man das eigene Unglück oft nicht bewusst und in böser Absicht, aber doch höchst erfolgreich an die Kinder weitergibt. Denn wo kämen sonst all die vertrottelten Erwachsenen her.“

Eugen Schulak meint: „Erziehung ist immer auch die Vermittlung von lebenswichtigen Verhaltensweisen.“ Und Rahim Taghizadegan weist auf folgendes Problem hin: „Jeder leitet aus seiner anekdotischen Erfahrung bestimmte Regeln ab und will dann wieder für alle anderen dieselben Regeln einführen.“

Das gilt zweifellos auch für die Erziehung. Die Anmaßung der Politik, sich zum Erzieher erwachsener Menschen aufzuspielen, wird hart kritisiert. „Dieser politische Erziehungswahn (…) bessert die Mensche nicht, sondern macht sie schlechter.“ Von Politik und Medien wird immer wieder die Zunahme „asozialen Verhaltens“ beklagt. Daß dies ein Symptom dafür ist, daß mit der Gesellschaft als Ganzes etwas nicht stimmt, wird indes seltener angemerkt. Und wenn doch, dann mit dem Versuch, deren noch weiter gehenden Nivellierung beantwortet. Das Bestreben, die Verantwortlichkeit des Einzelnen immer weiter zurückzudrängen, erscheint den Autoren als ernstes Problem. Das Bemühen, schon den Kindern alles abzunehmen, bildet das Fundament zu dieser negativen Entwicklung. Die Autoren legen Wert auf die Feststellung, mit ihrem Buch keine Rezepte und Anleitungen liefern zu wollen. So ist darin auch lediglich eine kurze Darstellung verschiedener Erziehungsmethoden enthalten.

Rahim Taghizadegan stellt zum Schluß fest: „Ein Erzieher im besten Sinn ist eine liebende Stütze, die Verantwortung nicht abnimmt, sondern sie zu tragen ermutigt und sich selbst möglichst schnell entbehrlich macht.“ Daß staatliche Institutionen genau das weder leisten können noch wollen, liegt auf der Hand. Fazit: Eine leicht zu lesende, kurzweilige und zum Denken anregende Sommerlektüre. (Tagebuch)

Über die Erziehung

Eugen Maria Schulak, Roland Düringer, Rahim Taghizadegan

Ecowin-Verlag 2013 192 Seiten, gebunden ISBN 978-7110-0031-6 €14,90,-

21 Gedanken zu „Buchtip: “Über die Erziehung”

  1. GeorgK

    Zwei Kommerzphilosophen, und einer für den Titel, den man irgendwie kennt, damit die Menschen auch wissen, nach welchem Buch sie in der Buchhandlung fragen müssen.
    “Sie, da gibts doch was neues mit dem Dings, dem Pühringer oder so und Erziehung…”

  2. Ehrenmitglied der ÖBB

    @GeorgK
    sie hatten wohl eine schwere Kindheit, dass sie schon so negativ denken ohne das Buch gelesen zu haben?

  3. GeorgK

    Ich habe das Interview in der “Presse” gelesen, und den “intellektuellen Beitrag” vom Düringer kriege ich auch, wenn ich am Nachmittag in der Fussgängerzone einen Frührenter befrage.

  4. Mourawetz

    GeorgK :Zwei Kommerzphilosophen….

    Ja eben, nur vom Staat subventionierte Philosophen sind gute Philosophen. Wie pfui sind doch solche, die wirtschaftlich unabhängig nur sich selber verpflichtet sind.

  5. Weninger

    @Mourawetz
    Auch ein bestallter Uni-Professor kann ein “Kommerzphilosoph” sein. Anders rum bewirkt wirtschaftliche Unabhängigkeit noch nicht erhellende Ergüsse.

  6. Mourawetz

    @Weninger
    Natürlich nicht. Diese sind nur jenen vorbehalten, die beim Staat angestellt sind. Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Von Staatsapologeten haben wir genug.

  7. Rennziege

    @GeorgK
    “… wenn ich am Nachmittag in der Fussgängerzone einen Frührenter befrage.”
    Ich rate zur Vorsicht, verehrter GeorgK. Es gibt Früh- und Altrentner, die einfältige Fragen mit dem Krückstock beantworten.

  8. Aron Sperber

    als Häuslbauer, Bodybuilder oder Benzinbruder war Düringer großartig.

    In seiner neuen Rolle als Prediger ist er leider stinklangweilig.

  9. Mourawetz

    @Rennziege
    So falsch ist die Vermutung gar nicht, die GeorgK hier wenn auch in herabwürdigender Weise von sich gibt.

    Frührentner sind durch ihr jugendliches Alter der Altersdemenz andererseits durch ihr Frührentnerdasein den Fesseln der wirtschaftlichen Abhängigkeit entrückt. Aus gleichem Grund stehen oft Mitarbeiter von Unternehmen, die den sicheren Hafen der Staatspension schon zum Greifen nahe sehen, offen kritisch gegenüber. eine Tugend, die sie in jungen Jahren gut zu verbergen wussten. Frührentner und staatsferne Philosophen wie Düringer, Thagizagedan und Schulak haben deshalb etwas gemeinsam, das ihren Worten unerhörte Wichtigkeit zuteil werden läßt.

  10. Prinz Eugen von Savoyen

    @Rennziege

    Bei den dreien handelt es sich jedenfalls um klassische Schattenparker und Warmduscher.

  11. Behaimb

    @Prinz Eugen von Savoyen
    Danke für die Einschätzung, gottseidank fahren nicht alle auf des Kaisers neue Kleider ab — grad bei Dühringer war der Sprung vom Wiener Halbstarken Autorowdy zum geläuterten Althippie-Papa schon krass. Er hat eben keine Botschaft, sondern lebt sein Ego mit finanzieller Unterstützung seiner naiven Kundschaft aus. Wie er auch den Wutbürger überzeugen gespielt hat, was aber nur wenige begriffen haben. Über die Herren Philosophen will ich nichts Böses sagen, aber der Begriff Schattenparker liegt sicher nicht daneben. Wenn das Institut für heiße Luft mit Liberalismus in Zusammenhang gebracht wird, rotiert der Hayek in der Gruft.

  12. Prinz Eugen von Savoyen

    @Behaimb

    Ich habe eine Lesung der beiden Oberprotagonisten gehört. Mene, tekel.

  13. Andreas Tögel

    Wenn das Institut für heiße Luft mit Liberalismus in Zusammenhang gebracht wird, rotiert der Hayek in der Gruft.

    Abgesehen davon, daß Herr Hayek (der übrigens nicht in einer Gruft begraben liegt) keinswegs der einzige Liberale war, der je gelebt hat (Ludwig Mises hat ihn einst – wie auch andere Mitglieder der Mont Perin Society – einen Sozialisten genannt ;-)), interessiert mich, wie Sie zu dieser Einschätzung kommen. Mir sind bislang nur wenige derart freie Geister begegnet, wie Taghizadegan und Schulak welche sind…
    Mit freundlichem Gruß,
    A. Tögel

  14. Behaimb

    @Andreas Tögel
    Allerlei schöne Floskeln schon auf der Übersichtshomepage, a la, nichts ganz falsch, aber irgendwie belanglos.

    “Dieser Zufall ergab sich aus unserer Wahrnehmung, daß die Menschen heute in einer Art Haßliebe zur Wirtschaft gefangen sind: Wenn vom Geld die Rede ist, spitzen die meisten ihre Ohren. Weil ihnen das aber peinlich ist, geben sie vor, die Wirtschaft mit allerlei “Werten” belehren und so gleichsam fesseln zu wollen. Es ist eine regelrechte Wertewirtschaft, die den armen Werten da angetan wird: Politiker bewirtschaften die Werte in ihren Reden, Interessensgruppen bewirtschaften sie bei ihrem Lobbying, Ideologen bewirtschaften sie, um ihr Einkommen auf Kosten anderer zu legitimieren. Wir sind keine Zyniker, doch als praktische Philosophen und philosophierende Ökonomen studieren wir schon lange die Erscheinungen unserer Zeit, und das in aller gebotenen Nüchternheit. “

  15. Behaimb

    @Prinz Eugen von Savoyen
    Schade dass ich so selten in Wien bin, hätte ich mir gern mal angeschaut, vielleicht besser als das richtige Kabarett. Gibt’s nichts auf Youtube?

  16. Andreas Tögel

    Pardon – das hätte natülich Mont Pelerin Society heißen sollen.
    Ad Behaimb: Zweifellos ist es schwierig, auf einer Homepage in wenigen Worten eine durchaus unbequeme und sperrige Botschaft zu vermitteln, ohne damit gleich alle Leut´ abzuschrecken.
    Sollte es Sie einmal an einem Dienstag nach Wien verschlagen, könnten Sie ja ein “Philsosophicum” im IWW besuchen und sich bei der Gelegenheit ein eigenes Bild von den beiden Protagonisten machen…

  17. Prinz Eugen von Savoyen

    @Andreas Tögel

    …dann wird es Zeit, den Kreis zu erweitern. Um es mit Qualtinger zu sagen: a matte Sache.

  18. Prinz Eugen von Savoyen

    @Behaimb

    Einschlafen kann man vor dem Fernseher auch, obwohl der Schlaf das nicht verdient hat.

  19. Behaimb

    @Prinz Eugen von Savoyen
    Eine Botschaft wird’s wohl geben, die Frage ist nur, wie weit die über die üblichen und bestens bekannten allgemeinen Unmutsäußerungen mit diesem oder jenem Aspekt des real existierenden Staates hinausgeht.

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