Buchtip: “Warum ich kein Christ bin”

Von | 25. März 2014

(ANDREAS TÖGEL) Zu der Art von kirchen- und religionsfeindlicher Büchern, deren Autoren mit geradezu heiligem Furor ihren Antiklerikalismus oder Atheismus zelebrieren, zählt dieses Werk des deutschen Philosophen und Historikers Kurt Flasch eindeutig nicht. Hier schreibt ein vorsichtig abwägender, weiser alter Mann, einst selbst ein Christ, der sich mit den zentralen Glaubensinhalten der christlichen Religion mit großer Sachkenntnis und spürbarem Wohlwollen – allerdings nicht frei von feiner Ironie – auseinandersetzt. Einem religionshistorischen Teil und Überlegungen zum „wahren Glauben“ folgen erhellende Analysen von Gottesbild, Erlösung und Ethik im Christentum. Am Interessantesten erscheinen indes die am Ende des Buches zusammengefassten Gründe, die den Autor schließlich dazu veranlassten, sich nicht länger als Christ zu verstehen.

„Ich bin kein Christ, wenn man unter einem Christen jemanden versteht, der an Gott, an ein Leben nach dem Tod und an die Gottheit Christi glaubt.“ Dafür, warum er das nicht mehr tut, führt er eine Reihe von Gründen an, die sich Großteils auf rationale Argumente stützen. In der seit Jahrhunderten von Kirchenmännern immer wieder betonten, auf „Vernunft“ basierenden Begründung des christlichen Glaubens, erkennt er einen offensichtlichen, inneren Widerspruch. Die zentrale Botschaft des Christentums – die Erlösung der Menschheit von einer etwas fragwürdig konstruierten „Erbsünde“ – kann Flasch nicht länger überzeugen. Seit dem von Satan provozierten „Sündenfall“ habe die Menschheit ihm gehört. Um sie aus seinen Klauen zu befreien und wieder zu Gott zurückzuführen, wäre ein listig eingefädelter Coup erforderlich gewesen, der den Tod Jesu Christi – des einzig unschuldigen Menschen auf Erden – bedingte. Tolle Geschichte.

Daß ein allmächtiger Gott seinen eigenen Sohn auf die Welt schicken, erniedrigen und töten lässt, um auf diese Weise ein die Menschheit erlösendes Sühneopfer zu bringen, scheint Flasch eine in höchstem Maße unplausible Vorstellung zu sein. „Das hätte Gott billiger haben können.“ Dass, ganz nebenbei, die seit Jahrhunderten kontrovers diskutierte Trinitätslehre schließlich weder im Neuen noch im Alten Testament zu finden ist, sondern eine „inkongruente Konstruktion des 4. und 5. Jahrhunderts“ darstellt, ist nicht dazu angetan, die Zweifel des Autors zu beseitigen. Die Lehre von den „Zwei Naturen in Christus“ wirft überdies Fragen auf, die nicht beantwortet werden können, ohne den Boden der Logik zu verlassen. Die Fehleinschätzung des Gottessohnes von seiner nahe bevorstehenden Wiederkunft, ist offensichtlich problematisch: „Demnach weiß er als Mensch den Jüngsten Tag nicht, den er als allwissender Gott gleichzeitig kennt.“ Flasch liefert dem Agnostiker ein umfangreiches Arsenal zur Bestätigung seines Standpunkts. Dem Gläubigen dagegen bietet das Buch eine Reihe von Denkanstößen zur Auseinandersetzung mit der christlichen Religion.

Schließlich hat Gott uns als mit Vernunft begabte Wesen geschaffen. Warum also nicht die Vernunft gebrauchen, um die von Flasch formulierten Zweifel auszuräumen und seinen eigenen Glauben zu festigen…?

Warum ich kein Christ bin, Kurt Flasch, C. H. Beck-Verlag 2013, 280 Seiten, gebunden, ISBN: 978 3 406 652 844, 19,95,- Euro

12 Gedanken zu „Buchtip: “Warum ich kein Christ bin”

  1. Mourawetz

    Genau genommen muss das Buch heißen: warum ich kein Christ mehr bin. 
    Flasch ist mit 83 Jahren vom Glauben abgefallen. 

    Er kann von Glück sagen, dass er Christ war. Ein Austritt ist aus der Islamischen Glaubensgemeinschaft ist nicht vorgesehen und wird mit der Todesstrafe geahndet. Einfach so. Tja einmal Moslem, immer Moslem.

  2. Thomas Holzer

    @Mourawetz
    Das Christentum betont ja, daß der Mensch ein vernunftbegabtes Wesen ist; dies impliziert, daß man auch wider die Vernunft handeln kann 😉

    Der Islam hingegen scheint seinen Gläubigen keine eigene Vernunft, kein eigenes Denken zuzugestehen 🙂

  3. Luke Lametta

    Mister Mourawetz, das ist bei den Katholiken aber auch so, hat Benedikt XVI. sogar explizit nochmal festgehalten vor einigen Jahren. Einmal getauft konstituiert auch ein formaler “Austritt” keinen Austritt. Nur Todesstrafe gibts keine.

  4. Wettbewerber

    Ich gehe mit Herrn Flasch d’accord, dass insbesondere die katholische wie letztlich auch alle anderen organisierten christlichen “Kirchen” mit dem Ur-Christentum sehr wenig gemein haben, und das ist noch wohlwollend ausgedrückt. Es gibt ja auch noch andere Interpretationsmöglichkeiten der biblischen Geschichte, und auch solche, die wesentlich mehr Sinn ergeben, als die “offizielle” Version… Aber das sollte einen aufgeklärten Menschen heutzutage auch nicht wirklich überraschen 😉

    Auf jeden Fall kann es einem durchaus zu denken geben, dass mit der “menschlichen Rasse” so einiges nicht zu stimmen scheint: Im Reiche der Natur sind wir die einzigen, die auf breiter Basis eine fast unendliche Vielfalt an Krankheiten erleiden müssen, unsere “Weibchen” können den Nachwuchs nur unter großen Schmerzen gebähren, unsere Gelenke siechen dahin (was z.B. bei älteren Primaten nicht der Fall zu sein scheint), wir sind praktisch “jederzeit” zeugungs- und empfängnisbereit – diese Liste ließe sich quasi ad infinitum fortsetzen. Außerdem lebt keine andere Spezies in (noch dazu selbst”gewählter”) Sklaverei, keine andere Spezies beraubt und kontrolliert Teile von sich selbst, führt in großem Stile interne Kriege mit Millionen von Toten etc. etc.

    Dass sich ob all dieser (äußerst gelinde gesagt) “Probleme” eine (nahezu speziesweite) Sehnsucht nach einer “Erlösung” (in der einen oder anderen Form) breit gemacht hat, sollte da nicht allzu viel verwundern, oder?

  5. Ehrenmitglied der ÖBB

    Mein Gott, schon wieder?
    Von Nietzsche bis Bertrand Russel und weiter bis Umberto Eco…..
    Es ist ja nett, wenn sich Prominente Schreiber “outen”, aber jedes mal das gleiche “thema con variazione”?

  6. andreas73

    @ Luke Lametta:
    Die Todesstrafe als Konsequenz vs. in der Regel null praktischen Folgen ist aber schon ein klitzekleiner Unterschied.

  7. Franziska Malatesta

    Religiöse Vorstellungen, Mythen, Glaubensinhalte, Traditionen und die Sehnsucht nach Erlösung gehören zur Menschheit wie die Musik, die Sprache und die Kunst. Unter diesen Mythologemen nach Glaubwürdigem oder Wahrscheinlichem herumzustochern, ist weder besonders kühn, besonders edelmütig – Oh! man befreit die Menschheit jetzt von Unwissenheit und Unterdrückung! – noch ist es auch nur intellektuell redlich. Ein Mann, der feststellt, daß die Menschheit NICHT von Adam und Eva abstammt, daß Pallas Athene NICHT mitsamt ihrer Rüstung aus dem Kopf des Zeus stieg oder daß Wotans Roß Sleipnir NIE existiert haben kann, da es nun einmal keine achtbeinigen Pferde gibt, hat genau WAS herausgefunden?
    Ein unnötiges Buch.

  8. LePenseur

    @Luke Lametta:

    Einmal getauft konstituiert auch ein formaler “Austritt” keinen Austritt. Nur Todesstrafe gibts keine.

    Das würde ich aber als durchaus entscheidenden Unterschied ansehen. Und jetzt komme man nicht mit dem Argument, daß früher, als die Scheiterhaufen brannten und die Inquisition wütete, doch auch bei Christen …

    Ja: früher. nicht jetzt. Früher wurde man auch im Islam wegen Glaubensabfalls einen Kopf kürzer gemacht. Heute wird man es nur mehr im Islam, im christentum nicht mehr. Da ich heute lebe, ist das für mich entscheidend. Und da ich auch morgen noch leben will, ist mir zusätzlich entscheidend, wohin es sich zu entwickelnd droht.

    Noch ein Wort zum Artikel: (fast) all dem, was Kurt Flasch bewegt, kein Christ (mehr) zu sein, kann man durchaus zustimmen, und trotzdem Christ sein. Als christlicher Unitarier, kann man bspw. auf Erbsünde, Trinitätsdogma, Zwei-Naturen-Lehre, Allwissenheit Christi und vieles anderes verzichten — ohne deshalb den Glauben an einen Gott und an ein Weiterleben nach dem Tod aufgeben zu müssen. Die zwar beide nicht in demselben Sinne »beweisbar« sind, wie man z.B. die Masse des Planeten Mars berechnen kann, aber deshalb nicht unvernünftig anzunehmen sind.

    Immerhin hat ein Kant, der vernünftiger Mensch κατ’ ἐξοχήν war, den Glauben an Gott und die Unsterblichkeit der Selle als von der »praktischen Vernunft« gefordert bezeichnet — und wer wäre ich (und wären wohl wir alle!), daß wir Kant hier der Unvernunft schelten dürften …

    »Beweisen« kann man vieles nicht — de facto nichts auf dem Gebiet der Ethik oder Ästhetik. Dennoch ist es nicht unvernünftig, Mozart wertvoller als DJ Ötzi zu finden, oder Albert Schweitzer edler als …

  9. cmh

    Ich habe das Buch auch gelesen, weil mich eine Ausformulierung von Bedenken, die Flasch in seinem Augustinusbuch beiläufig brachte, interessiert hätte.

    Flasch zeigt sich in diesem Buch aber nur von seiner flachen Seite. Das meiste ist von Russel abgeschrieben und war schon bei diesem schwach.

    Die Schwierigkeit, die Flasch – trotz seines Alters möchte ich sagen – mit der Religion hat, scheint darin zu liegen, dass er nach sicheren Beweisen sucht. So gesehen ist es nicht verwunderlich, dass Gott das Leid in der Welt zulässt, sondern vielmehr, dass er die ungläubigen Thomasse nicht aussterben lässt. Und die natürlich, die meinen, sie hätten Anspruch auf eine “Belohnung”, ohne sich Gedanken dafür zu machen, wofür eigentlich.

    Und dass der Glaube erledigt wäre, weil die Kirche einerseits nicht ganz zeitgemäß und andererseits das Urchristentum verraten hätte, ist auch ein unausrottbarer Schmonzes. Dafür haben wir die Kirche ja, dass sie nicht ganz leicht erfüllbare Forderungen aufstellt! Das christentum und die Kirche sind nicht puddingweich, damit jeder Kindsverzahrer und alle sonsitgen Mistkerle taxfrei mit ihr in irgendeinen Himmel kommen ohne sich hier anstrengen zu müssen.

    Man nehme Flaschs Buch als Vermächtnis eines alten Mannes und vergleiche es mit dem Feyerabends
    http://www.youtube.com/watch?v=sE1mkIb1nmU
    Beide haben angesichts des Todes Angst – was das immer sein mag. (Ich bin noch nicht so alt.) Aber Feyerabend ist bei aller seiner Kritik nicht so “religiös unmusikalisch” (Max Weber) wie Flasch, der nur ein schrilles Pfeiffen im Wald zusammen bringen kann.

  10. Luke Lametta

    @LePenseur, nie etwas anderes behauptet. Nicht mal die Scheiterhaufen waren kein katholisches Phänomen.

  11. M.Kunze

    ein alter Rock, wieder einmal gewendet – Bertrand Russel u. andere haben das Thema ausführlich und eingängig dargelegt – aber wenn es alte Männer glücklich macht…….
    im Prinzip basieren alle Religionen auf einem Sammelsurium mehr oder minder grausamer Märchen und dann wird’s bei manchen ein Riesengeschäft, allen voran beim Vatikan u. Umgebung…….

  12. cmh

    @M.Kunze

    An welche Märchen denken Sie denn? Etwa an das von der Nächstenliebe?

    Und an welche Grausamkeit denken Sie? Etwa an die Nichtsteinigung der Ehebrecherin?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.