Buchtip: Was heißt schon rechts und links?

(ANDREAS TÖGEL) Das jüngste Werk des Wiener Philosophen und Spiritus rector des „Scholarium“ Rahim Taghizadegan, heißt im Untertitel „Ein Ideengeschichtlicher Kompass für die ideologischen Minenfelder der Neuzeit.“ Das trifft den Nagel auf den Kopf. Der Autor schildert darin nicht nur in komprimierter Form die Geschichte des Begriffspaares rechts/links seit der Antike, sondern spürt darüber hinaus auch deren vieldeutigen Inhalten und zahlreichen Bedeutungsänderungen nach.

Nicht zufällig zitiert er das Gedicht „Lichtung“ des Wiener Dadaisten Ernst Jandl am Ende der Einleitung:

„manche meinen

lechts und rinks

kann man nicht velwechsern

werch ein illtum“

Denn tatsächlich ist die politische Bedeutung der beiden Begriffe alles andere als trivial und/oder eindeutig. Taghizadegan bringt, und zwar weit abseits der von der notorisch linksverseuchten „Politikwissenschaft“ unserer Tage ausgetrampelten Pfade, auf elaborierte und kurzweilig zu lesende Weise Licht ins Dunkel.

Nach einem historischen Aufriss folgt eine Betrachtung der „Essenzen“ von links und rechts aus einem Dutzend verschiedener Blickwinkel, darunter etwa entlang der Gegensatzpaare von „Tradition versus Fortschritt“, „Institutionen versus Konstrukte“, „prometheisch versus epimetheisch“, „Zwecke versus Mittel“ und „Domestizierte versus Wilde“. Das letztgenannte Kapitel handelt auf hochinteressante Weise den Begriff des „Bürgerlichen“ und dessen von vielen Autoren geschmähten, zahlreichen (Sekundär-)Tugenden und (wenigen) Untugenden ab.

Die profunden Literaturkenntnisse Taghizadegans werden an der Fülle der seine Überlegungen illustrierenden Zitate deutlich: Von Marx bis Mises und von Schiller bis Chesterton reicht dabei das Gedankenkaleidoskop. Dass allein die Literaturliste beachtliche elfeinhalb Seiten umfasst, sagt alles.

Den Abschluss der Abhandlung bildet die Betrachtung „Linke und Rechte in der Gegenwart“, die der Autor mit der Feststellung beginnt, dass wir in einer Zeit wachsender Polarisierung lebten. Im kollektiven Vertrauensverlust, der keineswegs nur politischen Institutionen gilt, in pessimistischen Zukunftserwartungen und in einer planmäßigen Ausplünderung der jüngeren Generation durch die Älteren (die auf den harmlosen Namen „Umlagesystem“ hört), sieht er ein schwerwiegendes Problem.

Die letzten Zeilen bieten immerhin einen Lichtblick: „Wir verlangen (…) vom Linken, dass er die volle Verantwortung für seine Abenteuer übernimmt, und nicht anderen die Rechnung für seine Hybris aufbürdet. Vom Rechten, dass er das Andere und ihm Fremde akzeptiert, auch wenn er es nicht gutheißt (…), weil er weiß, dass die Ausnahme nicht zur Regel werden darf.“

Die Hoffnung auf beiderseitige Einsicht stirbt zuletzt. Unbedingte Leseempfehlung!

 

Linke & Rechte

Rahim Taghizadegan

Verlag scholarium 2017

233 Seiten, broschiert

ISBN 978-3-903199-00-2

22 comments

  1. Thomas Holzer

    “Vom Rechten, dass er das Andere und ihm Fremde akzeptiert, auch wenn er es nicht gutheißt (…), weil er weiß, dass die Ausnahme nicht zur Regel werden darf.“”

    Eben nicht! akzeptiert, sondern toleriert. Man beachte bitte die Etymologie beider Worte, dann wird der (wesentliche) Unterschied mehr als nur offensichtlich

  2. humanist

    “…in einer planmäßigen Ausplünderung der jüngeren Generation durch die Älteren (die auf den harmlosen Namen „Umlagesystem“ hört), sieht er ein schwerwiegendes Problem”.
    Wir sind umso mehr Mittäter bei diesem VERBRECHEN an unseren kindern, je sehenderen Auges wir es “tolerieren”. immer fassungsloser wohl, aber wir akzeptieren es, uns und unsere Kinder von Umlagefinanzierten ausrauben zu lassen. das ist – sorry to say – nur schwach.

  3. stiller Mitleser

    Rechts und Links verfügen über Traditionen, die sich – ganz unabhängig von materiellen Errungenschaften – nicht so schnell aussöhnen. Wie ich weiter unter kommentiert hab: auch wenn Komfort und Status des Bürgertums erreicht worden sind, haßt man doch weiterhin seine Traditionen und mißversteht seine intrinsischen Motivationen.

  4. Thomas Holzer

    @stiller Mitleser
    Das ist halt das Problem, wenn der Geist mit dem Wachsen des Geldbeutels nicht mithalten kann, und zwar bewußt, geht es den Parvenüs doch nur um finanziellen Aufstieg.

    Da lob ich mir einen verarmten Adeligen und/oder Bürger, welcher die Flamme der Bildung!, des Denkens trotz aller Widrigkeiten hochhält.

  5. stiller Mitleser

    @ Thomas Holzer
    familiäre Sozialisation ist eben sehr nachhaltig, der Eine, wie der Andre, Aufsteiger, wie Absteiger, “können ganz einfach nicht anders” – der eine wird still verachtet, der andre dümmlich pathologisiert (“wenn Sie nicht genug Geld gehabt haben, hätten Sie zum Sozialamt gehen müssen, wenn man nicht die Hilfe der Sozialfürsorge sucht, kann nur eine Persönlichkeitsstörung der Grund sein”)

  6. Rahim Taghizadegan

    @Thomas Holzer

    Danke für den klugen und kritischen Hinweis! Allerdings ist die Sache so klar leider nicht, und der Begriff der Toleranz schon ganz abgedroschen. Acceptare hat schon im Lateinischen die Bedeutung zulassen, tolerare allerdings die Bedeutung aushalten, und das sogar in der Nebenbedeutung ernähren. Der Sprachgebrauch widerspricht wie so oft der Etymologie, wobei letztere aufgrund des Frequentium bei acceptare in der Tat Ihre Deutung nahelegt. Meine Formulierung sollte also gerade kein Toleranzappell sein, im Sinne des (geistigen, politischen und finanziellen) Aushaltens alles Anderen und Fremden, sondern ein Appell zu rein geistiger Akzeptanz, im Sinne eines vorsichtigen Einnehmens anderer Perspektiven, um die eigenen zu prüfen und vielleicht daraus gestärkt hervortreten zu lassen.

  7. pippin

    Die Zuteilung zum Begriffspaar links/rechts ist engstirnig und eindimensional: bist du nicht mein Freund, so bist du mein Feind – und mit Feinden diskutiere ich nicht. So spaltet man die Gesellschaft tatsächlich in bloß zwei Lager. Die Angehörigen der einen Seite unterstellen dabei den anderen, letztlich ein insinuiertes Gesellschaftsmodell in der einer extremen Ausprägung anzustreben, so in etwa wie: rechtes Kastl = totalitärer Faschismus, linkes Kastl = anarchischer Kommunismus.

  8. Andreas Tögel

    Ad Pippin,
    Ihr Befund ist zwar weitgehend richtig, aber an der rinks/lechts-Einteilung ist dennoch kaum vorbeizukommen. Zweidimensionale Modelle des Spektrums würden die politische Landschaft natürlich viel besser abbilden, sind ohne optische Hilfsmittel aber kaum zu vermitteln. Unter “rechts oben” oder “links unten” kann sich halt keiner etwas vorstellen. Der Autor des besprochene Buches versteht es indes sehr gut, der von Ihnen zu Recht kritisierten schwarz/weiß-Darstellung entgegenzutreten. Hätte kaum gedacht, das je zu schreiben: “links” zu sein, bedeutet eben doch nicht in jeder Hinsicht nur Negatives…;-).

  9. mariuslupus

    Die Linken haben für sich den Fortschritt usurpiert, die Rechten in die rückwärtsgewandte Position geschoben. Jedem das seine.

  10. pippin

    Ad A.Tögel,
    vielen Dank für ihr Kommentar und den Buchtipp. Für mich als liberal denkenden Menschen wäre halt eine Diskussion auf Basis einer mehrdimensionalen Betrachtungsweise (ohne abstrakte Bezeichnungen) viel interessanter und aufschlußreicher. Alleine wenn ich denke, wie sich zum Beispiel die FPÖ gerne als “freiheitlich” bezeichnet, tatsächlich aber ein kollektivistisch/national-völkisches Parteiprogramm hat (“soziale Heimatpartei”) oder so wie sich Grün gerne als liberal sieht, tatsächlich aber der kollektivistisch/totalitäre Flügel das Sagen hat (es wird keine andere Meinung zugelassen, siehe den Umgang mit dem liberalen Efgani Dönmez).

  11. Thomas Holzer

    @pippin
    Dann sollten vielleicht -natürlich auch bedenkend, daß es sehr viele Grautöne gibt- doch zu folgender simpler Unterscheidung “Zuflucht” nehmen:
    rechts: Freiheit, Ungleichheit, Verschiedenheit, Individualität (nicht zu verwechseln mit Egoismus, Narzissmus), Pluralität, Persönlichkeit (das “Ich”, das “Du”, das “Sie”)
    links: Zwang, Kollektivismus (nur das “Wir”, sonst wird gar nichts akzeptiert), Determinismus, Haß auf jegliches Abweichen von der vorgegebenen Norm, alles unter der Vorgabe, dem Schutz und Schirm eines jegliche! Aktivität betreuenden und kontrollierenden Staates.

  12. raindancer

    Vielleicht gibt es ja bis zu den Neuwahlen interessante neue Parteien? 🙂
    Wird aber wahrscheinlich nichts nützen.Bis dahin gibt es Grün, Rot, Schwarz, Blau und Neos, der Rest ist wohl eher vernachlässigbar. Wahrscheinlich aber werden sich nur zwei den Kuchen teilen.
    Man muss sich halt überlegen was man für Österreich will, mit allen Vorteilen und Nachteilen.

  13. raindancer

    als ich finde die Vollschleierung hätte dem Mädchen untersagt werden müssen, jedoch mit Beibehaltung der Unterrichtspflicht
    Die Religion kann sie zuhause im Kämmerlein ausüben, da kann sich sich von mir aus in Klopapier wickeln.
    Ist das rechts?

  14. Thomas Holzer

    @Rahim Taghizadegan 13:04h
    “……Allerdings ist die Sache so klar leider nicht….”

    Erfreulicher Weise! Und dies meine ich allen Ernstes; wäre doch ansonsten jegliche Diskussion, jegliches “in Frage stellen”, jegliches Nachdenken mehr als nur obsolet und würde dem Diskurs, ja dem Leben die Würze nehmen 😉

    acceptare hat aber auch die Bedeutung von “annehmen”, und auf diese Bedeutung hatte sich mein Einwand bezogen.
    Vielleicht liege ich ja falsch, aber ich wage zu behaupten, daß in unseren Zeiten landläufig unter z.B.: “Ich akzeptiere diese Meinung”, mit dieser Aussage zumindest auch eine partielle Zustimmung inkludiert wird. Nicht jedoch, wenn ich sage: “Ich toleriere diese Meinung”.
    Mir ist natürlich bewußt, daß das Wort “tolerieren”, “tolerare” mittlerweile (zumindest meiner bescheidenen Meinung nach, vor allem von den “Linken”) soweit deformiert wurde, daß dem “Tolerieren” der Impetus des “(Mit)Leidens”, daher einer wie immer gearteten Generosität “innewohnt”.

    Schwierig, aber interessant, wage ich zu behaupten 🙂

  15. waldsee

    Hier wird herumgestritten was denn “tolerant” heißt und bedeutet.
    Islam hat mit Unterwerfung zu tun und heißt auch so , das reicht.

  16. pippin

    Korrektur zu meinem Eintrag um 16:49: ich meinte natürlich “für Ihren Kommentar”.

    ad Kommentar T.H. um 17:09: völlig d’accord mit den Grautönen. Aber Ihre Beschreibung von links und rechts ist lediglich Ihre persönliche Interpretation. Oder kennen Sie eine allgemein gültige Definition, was rechts und links ist?

  17. Oliver H.

    @Thomas Holzer
    “Mir ist natürlich bewußt, daß das Wort „tolerieren“, „tolerare“ mittlerweile (zumindest meiner bescheidenen Meinung nach, vor allem von den „Linken“) soweit deformiert wurde, daß dem „Tolerieren“ der Impetus des „(Mit)Leidens“, daher einer wie immer gearteten Generosität „innewohnt“.”

    Am Aspekt des Leidens oder auch der Generosität im Kontext der Toleranz ist nichts verkehrt, im Gegenteil. Toleranz ohne Preisschild ist niemals solche — sie folgt der Vernunft, die wiederum nach dem geringsten Preis im Gesamtkontext sucht. Die Wahl des kleinsten Übels aber ist nicht im Sinne von Selbstlosigkeit großzügig, sondern dem irdischen Leben immanent. Im Endeffekt läuft es auf Klugheit hinaus, langfristig das Beste aus der Situation zu machen, weshalb valide Toleranzappelle jene nach einer Kontexterweiterung und vertieften Erwägung aller Alternativen sind.

    Die spezielle Pointe bei unseren nomosaversen und vernunftphoben Pappenheimern liegt viel mehr darin, wonach sich selbst tolerant zeihende Linke speziell auf ihren eigenen Spielwiesen haufenweise Unkraut behaupten müssten, welches sie notgedrungen in Kauf nähmen. Statt dessen aber verkaufen sie sich als Empfänger von Generosität, sprich vorgeblich tolerieren sie den Erhalt freudespendender Geschenke. Das ist etymolgisch und logisch mit dem Knie durchs Ohr, kindisch und als perpetuierter Vorzeichenfehler typisch links und konsequent zu Ende geführt mit der absoluten Intoleranz dessen, was das Leben zwangsweise als Preisschilder an unsere Existenz tackert.

  18. Thomas Holzer

    @pippin 21:13h
    Mir ist keine Sprache bekannt, in welcher das Wort “links” positiv konnotiert ist 😉

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