Buchtip: Wie errichtet man ein Kalifat?

Von | 26. Februar 2017

(C.O.) Amman, die Hauptstadt von Jordanien, 3. Februar 2015. “Kurz nach Einbruch der Dunkelheit traf im wichtigsten Frauengefängnis des Landes ein Vollstreckungsbefehl ein. Die Anweisung, (Frau) Sadschida al-Rischawi hinzurichten, war von König Abdullah II. persönlich unterschrieben gekommen, der sich damals auf einem Staatsbesuch in Washington befand. Mit seinem Privatflugzeug hatte man den Befehl an den Königshof in der jordanischen Hauptstadt überstellt.” Wenige Stunden später schon wird die Anweisung des Herrschers vollstreckt: “Das Letzte, was sie sah, bevor man ihr die Augen verband, war eine kleine Kammer mit geweißten Wänden und ein paar winzigen Fensteröffnungen sowie ein paar müde Gesichter aus der Zeugengalerie unterhalb des Raumes. Ein Imam sprach ein Gebet, während man eine Schlinge mit einer stabilen Metallklammer sicherte. Ein Richter fragte Rischawi, ob sie irgendwelche letzten Wünsche habe oder einen letzten Willen verkünden wolle. Sie antwortete nicht. Als sich die Falltür unter dem Galgen öffnete und sie in die Dunkelheit stürzte, gab sie keinen hörbaren Laut von sich. Es war 5.05 Uhr, etwa anderthalb Stunden vor Sonnenaufgang, als der Gefängnisarzt ihren Puls prüfte.”

Zweifacher Pulitzer-Preisträger
Was sich liest wie ein Politthriller von John le Carre, ist der packende Beginn des derzeit wahrscheinlich wichtigsten und besten Buchs über die Wurzeln, den Aufstieg und die Funktionsweise des Islamischen Staates: “Schwarze Flaggen” von Joby Warrick, einem mit zwei Pulitzer-Preisen ausgezeichneten Journalisten der “Washington Post”.

Die Frau, die an jenem Februartag in Amman gehenkt worden ist, war zehn Jahre zuvor an einem spektakulären Terroranschlag beteiligt gewesen: In drei Luxushotels der Hauptstadt explodierten gleichzeitig Bomben und töteten dutzende Menschen. In Auftrag gegeben hatte die Bluttat Abu Mus’ab az-Zarqawi, jordanischer Terrorist und Gründer von Al-Kaida im Irak, aus der sich später der Islamische Staat entwickeln wird.

Zarqawi, einer der Führer des islamistischen Terrors gegen den Westen – bis ihn die Amerikaner 2006 liquidierten -, ist auch eine der Hauptfiguren in “Schwarze Flaggen” Und zwar eine eher wenig erfreuliche: “Die hinter vorgehaltener Hand kursierenden Geschichten über seine kriminelle Vergangenheit – Messerstechereien und Schlägereien, Zuhälterei und Drogenhandel – ließen ihn gefährlich und unberechenbar erscheinen. Er war ein Mann der Tat, der vor nichts zurückschreckte.” Seinen Aufstieg vom arabischen Kleinkriminellen zum Anführer der gefürchtetsten Terrororganisation der Welt verdankt er, so argumentiert Warrick, nicht zuletzt der US-Regierung. “Außerhalb der Geheimdienste hatte kaum jemand den Namen Zarqawi gehört, bis Washington 2003 der Welt erklärte, dieser obskure Jordanier sei das Bindeglied zwischen der Diktatur im Irak und den Verschwörern hinter den Terroranschlägen vom 11. September 2001, und ihn auf diese Weise zum Superstar unter den Terroristen machte”, schreibt er. “Das entsprach zwar überhaupt nicht der Wahrheit, doch nur wenige Wochen später, als US-Truppen im Irak einmarschierten, hatte der plötzlich weltbekannte Terrorist eigene Finanziers, ein eigenes Schlachtfeld sowie einen eigenen Grund zu kämpfen – und schon bald tausende eigene Anhänger.”

Medial inszeniertes Grauen
Zarqawi verdankt der spätere Islamische Staat auch seine Gründungsidee, die Errichtung eines Kalifates; seine selbst für dieses Milieu unfassbare Brutalität – und schließlich auch die mediale Inszenierung des Grauens, etwa durch Videos, die Enthauptungen und Erschießungen zeigen. “Er schreckte vor keiner noch so grausamen Bluttat zurück, um das Reich Gottes auf Erden zu errichten. Er ging zu Recht davon aus, dass besonders theatralische Akte exzessiver Gewalt die hart gesottenen Dschihadisten anziehen und alle anderen so einschüchtern würden, dass sie sich ihm und seinen Leuten unterwerfen würden.” Es ist dieser “Code der Gangsterbanden”, so Warrick, der den IS im Westen für Junge so attraktiv macht: Furcht und Respekt. “Zugleich bietet er seinen jungen Rekruten etwas, das die meisten von ihnen zu Hause niemals hatten: Das Gefühl, dass sie endlich jemand sind.”

Absolut lesenswert, packend geschrieben und unglaublich reich an Details – “Schwarze Flaggen” wird wohl ein Standardwerk seines Genres werden. (WZ)

 

Schwarze Flaggen: Der Aufstieg des IS und die USA

Von Joby Warrick

Theiss Verlag, Darmstadt, 2017. 396 Seiten, 22,95 Euro.

6 Gedanken zu „Buchtip: Wie errichtet man ein Kalifat?

  1. Der Realist

    zwischen der Hinrichtung einer Terroristin und der Errichtung eines Kalifats, kann ich keinen Zusammenhang erkennen

  2. Rennziege

    26. Februar 2017 – 14:51 — Der Realist
    Diesen Zusammenhang gibt es nur dramaturgisch, um Spannung und Neugier zu erhöhen. (Herr Ortner weist darauf hin: “à la John le Carré”.) Dennoch werde ich dieses zweifellos interessante Buch nicht lesen; der Rest des täglichen Jahrmarkts bedrückt mich schon genug. 🙂 )

  3. aneagle

    @rennziege- 14.51
    wenn Sie sich gerne mit dem täglichen Jahrmarkt bedrücken, sollten Sie, so es Ihnen in Canada möglich ist, die aktuelle Ausgabe des N-TV-Auslandsreportes genießen. Eine ganze Sendung nur über Trump. Propaganda vom Feinsten, eine der besten manipulativen Sendungen seit 1933. Hoffe der Link klappt.

    http://www.tvnow.at/ntv/auslandsreport/auslandsreport-2017-02-24-15-13-00/player

    Nach ca. 25 Minuten wüst wertender Reportagen hat jeder verstanden, das Übel der Welt hat einen Namen:Trump. Ob er Kinder in Afrika allen Seuchen und natürlich auch Aids aussetzt, blühende amerikanische Landstriche entlang der mexikanischen Grenze der Verelendung preisgibt, oder den amerikanischen Steuerzahler noch schnell abzockt, bevor er Amerika endgültig in die Finsternis führt- es ist Trump, immer nur Trump. Man fragt sich, wie hat der Planet bis vor 100 Tagen das Elend der Welt erklärt, hat dieser Trump schon bisher im Geheimen mitregieren dürfen ? Daneben sehen Kim Jong- un und darth vader aus wie Chorknaben ! Um es mit Farkas zu sagen: Schauen Sie sich das an.

    Auf eine Frage allerdings, habe ich keine Antwort: Was ist bloß in Deutschland gefahren? Haben die sich bei dem, was sie jetzt mutwillig zerschlagen, etwas gedacht? Beispielsweise als Präses Steinmeier, der nahezu Allwissende, Trump als Hasssprecher bezeichnete? Was soll das-Cui bono?

  4. Rennziege

    26. Februar 2017 – 16:13 — aneagle
    Herzlichen Dank für Ihre Replik!
    Kurze Antwort auf lange Fragen: Die krampfhafte Trump-Verdammung europäischer (nur selten britischer, BBC und Guardian ausgenommen) Medien dient der Ablenkung von europäischen Kloaken, die täglich höher zum Himmel stinken. Aber dagegen hilft kein Eau de Cologne mehr; also wird auf einen Sack eingeprügelt, aus dem der vermeintliche Esel sich längst befreit hat und nur noch in Kalifornien, Maine und Europa als solcher beschimpft wird.
    Was in Deutschland gefahren ist, erkunden Sie am besten bei der “Achse des Guten”, wo uns ein täglich aktualisiertes Psychogramm der Bundesrepublik gegönnt wird. Dass ein Außenminister wie Steinmeier, der selbst das kleine ABC der Diplomatie nie begriffen hat, nun dem ebenso patschert agierenden Bundesgauckler nachfolgen darf, hat schon Shakespeare geschildert: “Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode” (aus dem Gedächtnis zitiert).

  5. Klaus Pichler

    Ich habe das Buch gleich nach seinem Erscheinen gelesen, kann aber der panegyrischen Buchbesprechung überhaupt nicht zustimmen. Für ein Sachbuch ist es m.E. viel zu reißerisch geschrieben. Insbesondere der dritte Teil über den Islamischen Staat ist – was die Entwicklung des Kriegs in Syrien angeht und die Verantwortlichkeit dafür – völlig wertlos und irreführend sowie nichts weiter als ein Nachbeten des bekannten Narrativs, das seit Jahr und Tag von der Mainstreampresse unter das angeblich so informierte (von wem und cui bono?) Publikum gestreut wird.

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