Buchtipp: “Die geplünderte Demokratie”

(C.O.) Selten kommt ein Buch in seinen ersten Zeilen so schnell zur Sache wie dieses: “Etwas ist faul im freien Europa. Munter wird mit der Demokratie Schindluder getrieben; politisch angeschlagen taumelt der Westen. Schwindler und Wortbrüchige, Versager und Aufschneider, schlichte Dummköpfe und verschlagene Zyniker, Verklemmte und Gehemmte haben die Politik zu ihrer Sache gemacht. Das Staatstheater, an dem sie dilettieren, soll ihnen die Welt bedeuten. Herrschaftlich herausgeputzt, behaupten sie ihre geliehene Herrschaft in der Stunde der Gaukler. Die Menschen, über die sie sich gesetzt fühlen, werden versorgt und durchregiert, dass es eine Art hat…”

So beginnt Thomas Rietzschels jüngster Großessay “Geplünderte Demokratie”, und so hält der Furor des Autors ohne jegliche Anfälle von politischer Milde bis zur letzten Seite an, eine ebenso gescheite wie sachkundige und nicht zuletzt sprachmächtige Beschreibung eines demokratischen Systems der westlichen Welt, das immer mehr in einen “demokratischen Notstand” (Rietzschel) gerät, um nicht zu sagen degeneriert.

“Betrug und Hochstapelei”
Dass dem Leser zwischen den Zeilen ein gepflegter Hauch von “Der Untergang des Abendlandes” entgegenweht, ist kein Zufall. Viele Jahre war Rietzschel Kulturkorrespondent der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”, dem – in früheren Jahren – Zentralorgan bürgerlicher Angstlust angesichts des unmittelbar bevorstehenden Zivilisationsverfalls. Einen solchen, jedenfalls was die Demokratie betrifft, diagnostiziert der Autor für das beginnende 21. Jahrhundert und hat gute Argumente dafür. Politik sei zu einem widerwärtigen Kuhhandel verkommen, bei dem Politiker Wähler bestechen, um an Stimmen zu kommen, mit Geld, das niemand hat und das deshalb zu Lasten künftiger Generationen gepumpt werden muss. Organisiert werde dieses Pyramidenspiel von einer politischen Klasse, deren Inkompetenz nur von ihrer Anmaßung zu übertreffen sei. Über ein “deutsches Kanzleramt, größer als das Weiße Haus” und eine unendliche Kette an Gipfel-Shows zwischen Brüssel, Berlin, Davos spottet der Autor da, “großes Theater in bombastischer Kulisse, bildmächtig einschüchternd, medial aufgepeppt und zum Erbarmen inhaltsleer”.

Elegant nimmt Rietzschel die Behauptung Hans Magnus Enzensbergers auf, wonach Politik “ständig zu Entscheidungen gezwungen ist, deren Folgen nicht absehbar sind”. “Da sie uns selbst unentwegt das Gegenteil versichern, wenn sie behaupten, alles im Griff zu haben, bleibt nur das eine, die nüchterne Feststellung von Betrug und Hochstapelei. In der Wirtschaft wäre das Verhalten gerichtsnotorisch. Wer als Geschäftsführer eines Unternehmens so handelte, wie es für Minister und Kanzler selbstverständlich ist, käme wegen betrügerischer Insolvenzverschleppung hinter Schloss und Riegel.”

Schuld daran seien nicht nur die Politiker, sondern auch die Wähler: “Bekommen wir, was wir verdienen? Auf jeden Fall tragen wir Mitschuld an der Verwahrlosung der demokratischen Kultur. Den Verlust der intellektuellen Souveränität hat sich die Konsumgesellschaft mit sinkender Lernbereitschaft selbst eingehandelt.”

Dem Einwand, er handle mit dem seit langem üblichen Früher-war-eben-alles-besser-Schmäh, entgegnet der Autor mit einem selbstbewussten: “Genau so ist es” – und verweist auf den deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss, der “neben der Nationalökonomie und den Staatswissenschaften Literatur, Geschichte und Kunstgeschichte studiert hat” und “mit den Geistesgrößen seiner Zeit verkehrt” habe. Gleichsam als Metapher über den Verfall des demokratischen Betriebssystems stellt er Heuss den unseligen Amtsnachfolger Christian Wulff gegenüber, der “die Sehnsüchte und den Hedonismus der Boulevardgesellschaft” repräsentiere.

Was tun? Der Autor vermutet “die bürgerliche Gesellschaft am Vorabend einer demokratischen Umwälzung” und hofft auf die zahllosen politischen Initiativen, neuen Parteien und “Wutbürger” aller Schattierungen. Die Bürger, meint er, “proben den Aufstand”.

Ob das eine wirklich weitsichtige politische Analyse darstellt oder doch bloß der Wunsch der Vater des Gedankens ist, lässt sich noch nicht entscheiden. Lesenswert ist die “Geplünderte Demokratie” für jeden kultivierten Freund gepflegter Weltuntergänge allemal. (WZ)

Geplünderte Demokratie.

Die Geschäfte des politischen Kartells.

Thomas Rietzschel

Zsolnay, 192 Seiten, 17,40 Euro

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